Teamgeist und 17 Medaillen
Für eine Woche war die österreichische Hauptstadt Wien auch die Hauptstadt des jüdischen Sports. Vom 5. bis zum 13. Juli fanden die 13. Europäischen Maccabia-Spiele (EMG) in der Kapitale an der Donau statt (vgl. tachles 27/11). Über 2000 Athleten aus 37 Nationen haben in verschiedensten Sportarten ihr Können gemessen.Mit dabei war auch eine sehr erfolgreiche Schweizer Delegation.
17 Medaillen konnten die Athleten in die Schweiz hohlen. Auch in diesem Jahr beeindruckte die Tennisspielerin Jessica Anner, die erfolgreichste und erfahrenste Teilnehmerin der Schweizer Delegation. Anner, welche vor 16 Jahren das erste Mal an einer Maccabia teilgenommen hat, gewann im Einzel und im gemischten Doppel mit Sven-David Rueff Gold. Zudem holte sie im gemischten Doppel mit einer Spielerin aus Estland Silber. Sven-David Rueff konnte im Doppel mit seinem Bruder Laurent ebenfalls ein zweites Mal Gold erspielen. Die beiden Brüder gewannen zudem im Einzel je eine Bronzemedaille. Der Nachwuchsspieler Cédric Uschatz konnte Silber bei den Tennisjunioren holen. Ivo Jelinek punktete ein weiteres Mal für die Tennisspieler – er erspielte Silber bei den Senioren. Eine weitere Goldmedaille holten die Golfer in die Schweiz. Glanzleistungen vollbrachte der Bowlingspieler Yuval Riegler, welcher eine Silbermedaille und drei Bronzemedaillen gewinnen konnte. Erfolgreich waren auch die Fechter Rémy Chicheportiche, Susan Treves und Daniele Zorzato, welche im Team Silber erkämpften. Treves gewann im Einzel der Damen zudem die Bronzemedaille, Chicheportiche im Einzel der Herren und Zorzato im Florettfechten jeweils die silberne.
«Geniale Stimmung»
Jürg Anner, Präsident von Maccabi Schweiz, dem Dachverband aller jüdischen Sportvereine in der Schweiz, sagt: «Die Stimmung innerhalb der Schweizer Delegation war grossartig». Zwar habe an allen Maccabiaden, die er bisher miterlebt habe, stets eine gute Stimmung geherrscht, aber «diesmal war die Stimmung wirklich genial». Auch Jeremy Weill, Verteidiger im Fussballteam der Schweizer, welcher auch die aktuellen Informationen für tachles geliefert hat, betont den positiven Teamgeist innerhalb der gesamten Schweizer Delegation: «Die Stimmung im Schweizer Team war sehr gut, einerseits weil wir alle im gleichen Hotel wohnten, andererseits, weil ausser Tischtennis und Schach alle Events auf dem Areal des S. C. Hakoah Wien stattfanden und wir uns somit gegenseitig zuschauen konnten.»
Bei den Fussballspielen sei jeweils praktisch die ganze Delegation dabei gewesen, so Weill. In Israel, wo ebenfalls alle vier Jahre die Maccabia stattfindet, wäre das undenkbar, da dort die verschiedenen Sportarten oft in unterschiedlichen Städten ausgetragen werden.
Anner ist sehr zufrieden und glücklich mit den Leistungen seiner Athleten. Zwar sei das Fussballteam das schwächste Glied der Schweizer gewesen, es gelte jedoch zu bedenken, dass die Mannschaft kaum eingespielt und vorbereitet war und mit hochkarätigen Gegnern kämpfen musste. Nur gerade eine Trainingseinheit konnten die Fussballer vor den Spielen absolvieren, während ihre Gegner bereits viele Jahre zusammen spielten. Zudem hatte das Team im Vorfeld mit dem plötzlichen Absprung der Westschweizer Spieler zu kämpfen, und verschiedene Verletzungen verschärften den Spielermangel weiter. Die Mannschaft habe dennoch eine tolle Leistung gezeigt, was nicht zuletzt auch dem Trainer Saverio Carella zu verdanken sei, so Anner. Jeremy Weill sieht das ähnlich und gibt zudem zu bedenken, dass das Team mit einem Altersdurchschnitt von 21,5 Jahren die jüngste Fussballmannschaft an den EMG stellte. Mit zwei Siegen schafften es die Schweizer Fussballer immerhin auf den sechsten Rang.
Vergangenheitsbewältigung
Die offizielle Seite der EMG gibt sich ebenfalls sehr zufrieden über die Spiele. «Es war eine sehr erfolgreiche Maccabiade», zieht Oskar Deutsch, Vorsitzender des Organisationskomitees der EMG und langjähriger Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Bilanz. Deutsch schätzt, dass bis zu 60 000 Zuschauer die Spiele besucht haben. «Wien hat sich von seiner besten Seite gezeigt», so Deutsch. Der Tatsache, dass die Spiele zum ersten Mal seit 1945 auf dem Boden des ehemaligen «Dritten Reiches» ausgetragen wurden, ist verschiedentlich Rechnung getragen worden.
Im Rahmen eines umfangreichen kulturellen Begleitprogramms referierten beispielsweise verschiedene Zeitzeugen zu der bewegten jüdischen Geschichte der Stadt und bereits im Vorfeld der EMG fanden verschiedene literarische und kulturelle Anlässe statt. «Die Begleitveranstaltungen waren allesamt restlos ausverkauft», führt Deutsch aus. Für die österreichische Kapitale waren die Spiele mitunter auch eine einmalige Gelegenheit, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten, was auch die Tatsache wiederspiegelt, dass an der Eröffnungszeremonie nicht nur der Wiener Bürgermeister Michael Häupl referiert hat, sondern auch der amtierende Bundespräsident Heinz Fischer. Die beeindruckende Zeremonie fand auf dem Rathausplatz statt, nur wenige Meter von jenem Ort entfernt, an welchem Adolf Hitler 1938 die Annexion von Österreich verkündete. Israelische Fahnen schmückten das Rathaus, und die symbolträchtige Eröffnung beinhaltete neben Tanz- und Gesangseinlagen sowie verschiedenen Reden auch eine Präsentation, die sowohl den Holocaust als auch jüdisches Leben vor und nach dem Zweiten Weltkrieg thematisierte. «Die Resonanz war toll und wir haben das Gefühl, dass wir ein Stückchen Normalität auf einem Weg erreicht haben, der noch lange nicht zu Ende gegangen ist», kommentiert Elisa Gregor, Pressesprecherin der EMG.
Sportlicher Höhepunkt
Ein weiteres Statement setzten zwei Athleten aus der US-Delegation. Die beiden 80-jährigen Schwimmer John Benfield und Arthur Figur, welche beide 1938 aus Wien geflohen waren, kehrten extra zu den 13. EMG nach Wien zurück, um ein Zeichen zu setzten. «Ich absolviere hier einen symbolischen Schwimmdurchgang», erklärte Benfield gegenüber dem Newsportal JTA. «Ich muss schwimmen, um den Nazis zu zeigen, dass wir immer noch da sind», so Benfield weiter.
Ein Höhepunkt war auch die Anwesenheit der Schachspielerin Judit Polgár aus Ungarn. Polgár, welche als eine der besten Schachspielerinnen der Welt gilt, spielte an den EMG gegen 20 Gegner simultan.
Eine grosse sportliche Überraschung stellen die Erfolge der österreichischen Delegation dar. «Das österreichische Team hat so viele Medaillen gewonnen wie an allen Maccabiaden nach dem Krieg zusammen», betont Deutsch – insgesamt sind es sage und schreibe 78 Stück. Am erfolgreichsten war die Delegation der USA, gefolgt von Grossbritannien, Deutschland und eben Österreich.


