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15. Juli 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 28 Ausgabe: Nr. 28 » July 15, 2011

Rabins Grab öffnen!

Yossi Sarid zur Lage in Israel, July 15, 2011

Itzhak Rabin wurde ermordet, und mit ihm zusammen auch seine Philosophie. Niemand hatte so viele vermeintliche Erben wie er: Wer gewährte ihm nicht seine Unterstützung, nur um sie ihm bei der ersten sich bietenden Gelegenheit wieder zu entziehen und in die Gosse zu schleudern? Wer war ihm gegenüber nicht loyal, nur um diese Loyalität aus Angst und Selbstinteresse zu verraten?



Ermordet und begraben, mindestens sechs Fuss unter der Erde. Sogar ein in einer Unterwelt-Vendetta niedergeschossener Krimineller verdient eine seriösere Untersuchung. Obwohl der Revolverheld verurteilt und ins Gefängnis gesteckt worden ist, wandern all jene, die diesen unterstützt haben, frei und voller Selbstzufriedenheit unter uns und fahren fort, wie in der Vergangenheit Schaden anzurichten. Nachdem sie Rabin ersetzt haben, wurden sie fruchtbar, sie vermehren sich und nehmen das Land in Besitz.

Nun werden Rabbiner zu lächerlichen Befragungen aufgeboten. Damals, 1995, wurden sie nicht so verhört, wie es sich geziemt hätte. Niemand hat je herausgefunden, was in den Gesprächen zwischen ihnen und dem Mörder gesagt worden ist, was sie dem Gesindel erlaubten, im Namen der Thora zu tun. Auch der tödliche Einfluss der Politiker, die hinter seinem Sarg hergingen, als er noch lebte, wurde nicht hinterfragt. Sie alle schlossen sich zusammen, um die Ereignisse der Jahre 1994 und 1995 vergessen zu lassen, und sogar der Shabak-Geheimdienst und die Polizei streuten Dreck auf den Boden, um Rabins Blut zu verdecken. Rabin ist heute so tot wie ein Mensch nur tot sein kann, die Erinnerung an ihn ist ausgelöscht.

Ende 1998 erhielt die Subkommission für Geheimdienst- und Sicherheitsfragen einen Bericht über «Die Aktivitäten der Rabbiner in Zusammenhang mit dem Rabin-Mord». So figurierte er auf meinen Wunsch hin auf der Tagesordnung. Die Kommission bekam unter anderem zu hören, dass schon im Januar 1995 Mitglieder der Rabbinerkommission Judäas, Samarias und des Gazastreifens sich schriftlich an 30 führende Rabbiner in Israel und den USA wandten und diese fragten: Ist das Gesetz von Rodef und Moser (ein Jude, der andere Juden verrät und in Gefahr bringt) auf den Premierminister anwendbar? Shabak stammelte und konnte nicht sagen, ob Antworten eingegangen sind und wie diese ausfielen. Zu jener Zeit wurden keine Kontakte zu Fragestellern und Antwortenden her-
gestellt, um sie von dieser ekligen Beschäftigung mit gefährlichen halachischen (religionsgesetzlichen), zum Mord aufrufenden Entscheidungen abzubringen.

Rabin-Mörder Yigal Amir kam mit weiteren Rabbinern zusammen – Termine und Namen lagen auf dem Tisch der Kommission –, doch die Akten blieben effektiv leer und geschlossen. Weder vor dem Mord noch danach haben eigentliche Untersuchungen stattgefunden. Shabak erfüllte seine Aufgabe nicht, sondern hat sie vielmehr verraten. Bis heute bleibt sehr viel unklar.

Es ist an der Zeit, zu untersuchen. Die meisten der Involvierten wandeln erneut auf ihren schlechten Pfaden (wenn sie diese überhaupt jemals verlassen haben), und Sünde liegt auf ihren Türschwellen. Hätte es bei uns einen nationalen Geist der Versöhnung gegeben, wie etwa in Südafrika nach der Apartheid, wäre es möglich gewesen, unsere Wunden zu lecken, ohne sie neu zu öffnen. Doch ein böser Wind weht, der zuerst neutralisiert werden muss, bevor er alles wegwischt, was ihm im Wege steht. Zurückbleiben würde eine Wüste.

Wenn der verstorbene Regierungschef Menachem Begin beschloss, den Mord an Chaim Arlosoroff nach 40 Jahren zu untersuchen, um Rechnungen aus der Vergangenheit zu begleichen, dann muss der Mord an Rabin nach nur 16 Jahren erst recht untersucht werden. Und wenn das (von Ben Gurion versenkte, mit Waffen und Kämpfern rechtsnationaler Widerstandsgruppen beladene) Schiff «Altalena» jetzt aus den Tiefen des Meeres heraufgeholt wird, dann muss jetzt auch die Pistole, die die drei Schüsse abgefeuert hat, aus den Untiefen heraufgeholt werden.

Unlängst sind die sterblichen Überreste von Salvador Allende, dem demokratisch gewählten Präsidenten von Chile, exhumiert worden, damit sie untersucht werden können. Hat er vor 38 Jahren, wie es offiziell heisst, Selbstmord begangen, oder haben die Soldaten Augusto Pinochets ihn auf Befehl des Generals ermordet? Die Todes-umstände des Dichters Pablo Neruda werden auch ein weiteres Mal untersucht werden: Ist er vergiftet worden, oder starb er an Krebs? Chile will es wissen. Will auch Israel wissen?

Wir sollten Rabins Grab öffnen, in dem die gegen ihn von seinen internen Feinden gewobenen Verschwörungstheorien mitbegraben worden sind. Weder starb er in seinem Bett an einer Krankheit, noch hat er Selbstmord begangen. Das Land war sehr krank und hat es seither nicht vermocht, sich zu erholen. Sein Fieber steigt vielmehr ständig, die Nation blutet. Und jeder Versuch, in ihrem Namen Frieden zu schliessen, gleicht einem Selbstmord.   


Yossi Sarid ist ehemaliger linksliberaler Knesset­abgeordneter und Bildungsminister.



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