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8. Juli 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 27 Ausgabe: Nr. 27 » July 8, 2011

«50 Prozent der Anklagen sind irrtümlich»

Interview Valerie Wendenburg, July 8, 2011
Wie die Festnahme und die nun darauf erfolgte Freilassung von Dominique Strauss-Kahn zeigen, ist die Wahrheitsfindung in Fällen sexuellen Missbrauchs, bei denen Aussage gegen Aussage steht, kompliziert. Über diese Problematik sowie über das unterschiedliche Vorgehen in der Schweiz und den USA sprach tachles mit der Expertin und Gerichtsgutachterin Daphna Tavor.
WENDE IM FALL DOMINIQUE STRAUSS-KAHN «Eventuell wird er nun als Opfer angesehen, was ihm sicher viele Sympathien einbringen würde»

TACHLES: Die Wende in der Affäre um Dominique Strauss-Kahn kam überraschend. Wie verfolgen Sie als Expertin diesen Fall?
DAPHNA TAVOR: In dieser Sache bin ich ebenso aussenstehend wie alle anderen Menschen auch. Ich kenne die vermeintlichen Details nur aus den Medien, erkenne aber Parallelen zu ähnlichen Fällen in der Schweiz, in denen Männer zu Unrecht beschuldigt worden sind.



Wie kann ein angeklagter Mann wie Strauss-Kahn seine Unschuld beweisen?
Das ist sehr schwer, wenn er kein Alibi hat. Es geht viel mehr darum, den Wahrheitsgehalt des potenziellen Opfers zu überprüfen. Hier gibt es ein wissenschaftliches Verfahren mit speziellen Interview-Techniken, mit deren Hilfe sehr zuverlässig herausgefunden werden kann, ob ein Mensch die Wahrheit sagt oder nicht. Von Bedeutung ist auch, ob die Aussage des Opfers in wichtigen Details variiert oder gleich bleibt. Das Zimmermädchen im Fall Strauss-Kahn hat bereits zu Beginn zwei unterschiedliche Versionen darüber erzählt, wann sie ihrem Kollegen von der angeblichen Vergewaltigung berichtet haben will.

Sowohl der Ruf Strauss-Kahns als notorischer Verführer wie auch die Historie der Klägerin haben den Fall stark beeinflusst.
Ja, und dies kann fatale Auswirkungen haben. Alles, was vorher geschehen ist, ist für den konkreten Fall absolut irrelevant. Es spielt keine Rolle, aus welchem Milieu die Frau kommt, ob sie Drogen nimmt oder nicht – sie kann auch bei einem fragwürdigen Hintergrund das Opfer einer Vergewaltigung geworden sein. Dass Strauss-Kahn sich stark für Frauen interessiert und auch aussereheliche Beziehungen hatte, heisst hingegen noch lange nicht, dass er eine Frau auch vergewaltigt. Man weiss als Aussenstehender nie, wie andere Menschen sich in ¬unbekannten Situationen verhalten. Wir können nur spekulieren. Da unbestritten ist, dass eine sexuelle Handlung stattgefunden hat, geht es einzig und allein darum, wie die Frau die Vergewaltigung schildert – und ob diese glaubhaft dargestellt wird. Hier scheinen starke Zweifel berechtigt zu sein.

Hat das Gericht voreilig gehandelt, als es Strauss-Kahn in Handschellen abgeführt und Untersuchungshaft verordnet hat?
Diese Frage ist schwer zu beantworten, da wir die Fakten noch nicht ausreichend kennen. Es spielten aber sicher mehrere Faktoren eine Rolle: Zum einen muss generell der Angeklagte in den USA seine Unschuld beweisen, es wird per se erst einmal dem Opfer geglaubt. Das ist in der Schweiz anders. Zudem spielte im konkreten Fall sicher auch eine Rolle, dass die USA aufgrund der Affäre um Roman Polanski offenbar Sorge haben konnten, dass auch Strauss-Kahn fliehen würde. Hinzu kommt noch der gesellschaftliche Druck; es wird erwartet, dass bekannte Persönlichkeiten dieselben Rechte und Pflichten haben wie «normale» Bürger. All die Faktoren haben dazu geführt, dass Strauss-Kahn der Öffentlichkeit als Vergewaltiger vorgeführt wurde, obwohl er in diesem Fall offenbar unschuldig ist.

Wäre es Strauss-Kahn in der Schweiz ebenso ergangen?
Nein, ich denke nicht. In der Schweiz gilt anders als in den USA als eins der Grundprinzipien die Unschuldsvermutung. ¬Diese Maxime wird respektiert, die Aussagepsychologie – die Beurteilung der Aussage des Opfers – steht im Vordergrund. Die Klägerin muss ihre Aussage glaubhaft darlegen oder Beweise erbringen, bevor der Angeklagte verurteilt wird. Der gesellschaftliche Druck nach Gleichberechtigung spielt sicher auch hierzulande eine Rolle, aber in Handschellen abgeführt und so den Medien präsentiert hätte man Strauss-Kahn in der Schweiz wohl kaum.

Nun erwartet Strauss-Kahn eine neue Anklage in Frankreich.
Ja, und das ist interessant. Man muss sich fragen, weshalb diese Frau sich jetzt, Jahre später, dazu entschliesst, ihn anzuzeigen. Ich habe sehr oft erlebt, dass Frauen sich einer Klage anschliessen, teils um Rache an einem Menschen zu üben oder auch um ihr eigenes Verhalten von damals zu rechtfertigen. Auch in dieser weiteren Anklage muss die Aussage des mutmasslichen Opfers genauestens auf ihre Glaubwürdigkeit untersucht werden.

Gibt es viele Fälle von Falschbeschuldigung wegen sexuellen Missbrauchs in der Schweiz?
In meiner persönlichen Arbeit muss ich feststellen, dass 50 Prozent aller Anklagen frei oder irrtümlicherweise erfunden sind. In vielen Fällen wird auf ein Gutachten verzichtet, was ich in bestimmten Fällen für riskant halte, da die meisten Richter keinerlei psychologische Ausbildung haben und die Aussagepsychologie kaum berücksichtigen. Es ist sehr wichtig, die Unschuldsvermutung zu respektieren, da man inzwischen weiss, dass es viele Falschaussagen von Frauen gibt. Das ist wohl eine negative Seite der an sich sehr zu begrüssenden Emanzipation der Frau in der Gesellschaft.

Welche Konsequenzen haben Frauen zu tragen, die jemanden zu Unrecht beschuldigt haben?
In der Regel keine. Es kann zumeist nicht bewiesen werden, dass die Frau gelogen hat. Die Unschuld des Mannes kann nachgewiesen werden – aber das reicht nicht aus, um die Frau zu verklagen, die Unwahrheit gesagt zu haben.

Trägt ein Mann wie Strauss-Kahn sein Leben lang den Stempel des Vergewaltigers?
Die Bilder von ihm in Handschellen waren sehr eindrücklich, es ist auch unklar, was aus der zweiten, nun laufenden Klage gegen ihn wird. Es kann aber auch sein, dass er nun als Opfer angesehen wird, was ihm sicher viele Sympathien einbringen würde.

Hat Strauss-Kahn trotz der Affäre Chancen, französischer Staatspräsident zu werden?
Das ist heute kaum vorauszusehen. Es werden noch viele Details an die Öffentlichkeit gelangen, ausserdem können sich in der Zwischenzeit bereits seine politischen Gegner organisiert haben. Ausgeschlossen ist eine Rückkehr in die Politik aber gewiss nicht, da er schon heute viele Sympathien auf seiner Seite weiss.  



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Daphna Tavor
July 8, 2011