Kampf gegen die «neue Pest»
Mikroben, die gegen Antibiotika resistent sind, stellen heute eine der grössten Gefahren für die Menschheit dar. Weltweit fordern Infektionen durch nicht medikamentierbare Mikroorganismen einen schockierenden Zoll. Jedes Jahr tötet das gegen Methicillin resistente Bakterium Staphylococcus aureus (MRSA) allein 19000 Amerikaner. Jährlich entwickeln fast zwei Millionen Amerikaner in Krankenhäusern Infektionen, 99000 sterben daran, zumeist aufgrund Antiobiotika resistenter Pathogene. Laut einer aktuellen Studie hat fast die Hälfte der Patienten in 1000 Intensivstationen in 75 Ländern derartige Infektionen erlitten. Die Infektionen verursachen in den USA insgesamt Kosten von bis zu 34 Milliarden Dollar jährlich und machen zusätzlich acht Millionen zusätzlicher Krankenhaustage notwendig.
Über die Ursachen dieser bedrohlichen Entwicklung herrschen weit verbreitete Irrtümer. So geht die Zunahme von Infektionen weder auf den übertriebenen Einsatz existierender Antibiotika noch auf schlampige Zustände in Spitälern zurück. Allerdings kommen dort sehr kranke Menschen auf engstem Raum mit Instrumenten aller Art, Besuchern, Ventilatoren und aggressiven Bakterien in Berührung. So kommen Prozesse ins Laufen, die teilweise noch gar nicht erforscht sind. Antibiotika wurden zudem nicht von Menschen erfunden, sondern schon vor zwei Milliarden Jahren von anderen Mikroben. In diesem gewaltigen Zeitraum haben einander bekämpfende Mikroorganismen die Fähigkeit erworben, sich gegen nahezu jeden biochemischen Angriff zu verteidigen, einschliesslich Medikamenten, die wir noch gar nicht entwickelt haben. Allerdings haben wir Menschen die natürliche Selektion unter Bakterien intensiviert, indem wir angreifbare Mikroorganismen vernichten und damit resistenten grösseren Raum verschaffen. Schalten wir den übertriebenen Einsatz von Antibiotika aus, können wir bestenfalls die Verbreitung der Resistenz verlangsamen. Um der «neuen Pest» Einhalt zu gebieten, ist daher die Entwicklung neuer Medikamente dringend notwendig.
Die Entdeckung von Antibiotika in den dreissiger Jahren hat die Gesundheitsversorgung transformiert. Konnten Ärzte zuvor nur Diagnosen machen, sind sie seither zu gezielten Behandlungen in der Lage und haben unzählige Menschenleben gerettet. Doch heute bedroht die unaufhaltsam steigende Resistenz gegen Antibiotika und der zunehmende Rückzug der Pharmaindustrie aus diesem Feld die über sieben Jahrzehnte erzielten medizinischen Fortschritte. Der Mangel an effektiven Antibiotika beeinträchtigt etliche Felder der Medizin, darunter die Chirurgie, die Versorgung von Frühgeburten, die Chemotherapie für Krebspatienten und Transplantationen. Zudem ist unsere nationale Sicherheit bedroht, da Antibiotika eine wesentliche Rolle bei der Bekämpfung von Pandemien und Bioterrorismus spielen. Werden wir dieser Bedrohung nicht Herr, so wird die Sterblichkeit infolge von Infektionen weltweit dramatisch zunehmen.
Um der Zunahme antibakteriologischer Resistenz und der zurückgehenden Entwicklung von Antibiotika zu begegnen, empfiehlt die Infectious Diseases Society of America (IDSA), der ich angehöre, ein Bündel von Initiativen:
I. Anreize zur Förderung der Entwicklung neuer Antibiotika
Die IDSA begrüsst den «GAIN Act» im US-Kongress, der es für Pharmaunternehmen lohnender machen soll, sich erneut in der Antibiotika-Entwicklung zu engagieren. Die Industrie erzielt heute weitaus grössere Gewinne aus Medikamenten etwa gegen hohe Cholesterin-Werte oder Arthritis, die dauerhaft eingenommen werden müssen. Antibiotika sind dagegen eine Woche lang anzuwenden und sollten dann ihre Aufgabe erfüllt haben. Hier setzt der von Parlamentariern beider Parteien eingebrachte «GAIN Act» an, der jedoch mit weiteren Finanzmitteln unterstützt werden sollte. Wir halten die Schaffung neuer Partnerschaften zwischen privaten und öffentlichen Institutionen für notwendig, die auf bereits existierende, von staatlichen Behörden unterstützte Programme aufbauen sollten. Die Mittel dazu könnten teilweise aus Abgaben aus dem Handel mit existierenden Antibiotika gewonnen werden. Zudem dürften sich Privatinvestoren durch zukünftige Lizenzzahlungen gewinnen lassen. Wir befürworten die Schaffung einer unabhängigen Investmentfirma, um strategisch 200 Millionen Dollar an kleinere Pharmaunternehmen mit vielversprechenden Forschungsprogrammen zu vergeben. Daneben empfiehlt die IDSA die Schaffung eines Beirats von Experten aus Regierung, Stiftungen, Wissenschaft und Industrie, um die Entwicklung von Pathogenen zu beobachten.
II. Die Aufsichtsbehörden sollten die Entwicklung und Produktion neuer Medikamente fördern
Bei der für die Zulassung von Medikamenten zuständigen Food and Drug Administration (FDA) herrscht tiefe Konfusion über die Entwicklung neuer Antibiotika. Daher fehlen heute klare Richtlinien über die Durchführung klinischer Tests und zu deren Bewertung. Dies geht auf die unhaltbare Überbewertung statistischer Daten gegenüber praktischen Erfahrungen zurück. Daher ist eine Novellierung der Zulassungsregeln für Medikamente seitens der FDA dringend notwendig. Dabei sollten antibakterielle Mittel schneller als bislang üblich zugelassen werden, selbst wenn sie relativ geringe Verbesserungen bringen und nur für sehr begrenzte Anwendungen geeignet sind. Diese können dennoch erheblich Vorteile gegenüber existierenden, ineffektiven Medikamenten erbringen. Daneben sollten die Zulassungsbestimmungen vereinfacht, Abläufe beschleunigt und vielversprechende Neuentwicklungen gezielt unterstützt werden. Dazu würden etwa bedingte Zulassungen für frühzeitige klinische Versuche dienen.
Die Situation ist heute so ernst, dass wir etablierte Vorgehensweisen aufgeben müssen. Der «GAIN Act» beschreitet hier Neuland, doch weitere, intensive Diskussionen mit der FDA sind notwendig. Dazu bietet die jüngst eingerichtete Arbeitsgruppe der IDSA, FDA sowie von einschlägigen Stiftungen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen eine ideale Plattform. Für rasche Fortschritte sind staatliche Investitionen in Höhe von mehreren 100 Millionen Dollar jährlich jedoch unabdingbar. Dies sollte auch die Abwanderung von Spezialisten in andere Forschungs- und Industriezweige verhindern. Daneben könnten finanzielle Anreize die bislang unzureichenden Mittel zur Diagnose verbessern. Durch die Einrichtung einer Datenbank über Erkenntnisse aus molekularen Tests würden die Behörden der Wissenschaft ein weiteres wertvolles Instrument im Kampf gegen resistente Mikroben verschaffen.
III. Betroffene Behörden müssen sich effektiver abstimmen
Wie in anderen Bereichen befassen sich auch im Kampf gegen Antibiotika resistente Pathogene eine Reihe von Behörden mit überlappenden Aufgaben. Hier ist eine engere Koordination dringend notwendig. Zudem sollten die Befugnisse der bereits eingesetzten, behördenübergreifenden Task Force on Antimicrobial Resistance gestärkt werden. Diese Zusammenarbeit betrifft speziell die Sammlung und zeitgleiche Veröffentlichung relevanter Daten zu der Entwicklung resistenter Mikroben und deren Bekämpfung. Dies würde Praktikern und Forschern wertvolle Informationen über das gesamte Problemspektrum (Mikroben im humanen, veterinären und agrarischen Bereich) liefern.
IV. Die praktische Anwendung von Antibiotika ist verbesserungswürdig
Eine Koordination bei der Anwendung von Antibiotika in allen relevanten Bereichen, also von Spitälern über Seniorenheime, Privatkliniken, Dialysezentren bis hin zu Notärzten, würde kritische Fortschritte im Kampf gegen die Resistenz bringen. Dazu bedarf es klarer Auflagen, die als Voraussetzung für die Zulassung der jeweiligen Institutionen bei der staatlichen Gesundheitsversorgung dienen müssten. Hier wäre der Anwendung spezieller Medikamente, die gezielt auf einzelne Bakterien einwirken, besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Allzu oft werden Breitbandantibiotika eingesetzt, die neue Resistenzen zu produzieren drohen. Dies gilt speziell für den veterinären Bereich und die industrielle Agrarwirtschaft, die Antibiotika in grossem Massstab und für eine Vielzahl von Zwecken wie der Wachstumsförderung einsetzen. Hier sind strenge Auflagen dringend notwendig.
Die Verfügbarkeit effektiver Antibiotika ist kein «Lifestyle-Thema» und der Mangel derartiger Medikamente ist alles andere als theoretisch. Die Menschheit steht heute einer Gesundheitskrise gegenüber, die durch die Stagnation bei der Entwicklung neuer Antibiotika ebenso verursacht wird wie durch die rapide Ausbreitung Antibiotika resistenter Pathogene. Die dadurch verursachten Krankheits- und Todesfälle können nur durch das entschlossene Eingreifen der Politik vermindert werden. Die Zeit für Diskussionen ist bei dieser Krise abgelaufen. Heute ist sofortiges Handeln kritisch notwendig. ●
Brad Spellberg, unter Fachleuten längst als Spezialist für Antibiotika resistente Mikroben anerkannt, wurde 2009 mit seinem Bestseller «Rising Plague: The Global Threat from Deadly Bacteria and Our Dwindling Arsenal to Fight Them» in den USA auch einem breiten Publikum bekannt. Heute ist der Assistenzprofessor an der David Geffen School of Medicine der University of California, Los Angeles in den amerikanischen Medien präsent, um Wissenschaft, Industrie und Politik zum Kampf gegen die «neue Pest» zu mobilisieren. Spellberg wurde 1973 geboren und wuchs in Los Angeles auf. Er hat an der Universitätsklinik Berkeley und an der Geffen School studiert, wo er u. a. mit dem renommierten Stafford-Warren-Preis für herausragende akademische Leistungen ausgezeichnet wurde. Spellberg hat die Biotechnologie-Firma NovaDigm Therapeutics gegründet und ist Mitglied der Infectious Diseases Society of America (IDSA).


