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Juli 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 7 Ausgabe: Nr. 7 » July 7, 2011

Grüne Gemeinden für ein grüneres Land

Von Andreas Mink, July 7, 2011
Die Amerikanerin Rachel Jacoby Rosenfield leistet Pionierarbeit für eine nachhaltige Lebensweise in jüdischen Gemeinden. Lokale Erfolge beflügeln den Ehrgeiz der Aktivistin und ihrer Mitstreiter.
RACHEL JACOBY ROSENFIELD Einsatz für Nachhaltigkeit in den jüdischen
Gemeinden Amerikas

«Wir tun nicht genug!», sagt Rachel Jacoby Rosenfield eindringlich: «Wenn wir unseren Gemeinden dienen wollen, dann müssen wir ökologische Probleme und den Klimawandel selbst angehen.» Schlank und zierlich, mit langen dunklen Locken, strahlt Rosenfield beim aufbau-Interview im Café «Gruenebaum‘s» in Riverdale Energie und Tatkraft aus. Sie spricht rasch und in druckreifen Sätzen, die von ihrem jahrelangen Engagement nicht nur in ihrer Gemeinde unmittelbar nördlich von Manhattan zeugen. Rosenfield hat Anfang 2009 die «Jewish Greening Fellowship» der Isabella Freedman Foundation ins Leben gerufen, die im idyllischen Nordwesten von Connecticut ein Tagungszentrum für ökologischen Landbau und eine nachhaltige Lebensweise unterhält. Die Stiftung hat ihr Anwesen vor zehn Jahren auf nachhaltige Energie umgestellt und entsprechende Bildungsangebote eingeführt. Sie knüpft damit an die Tradition jüdischer Bauern an, die Ende des 19. Jahrhunderts in das Hinterland von New York und Connecticut zogen.
Die von Rosenfield und Mitarbeitern der Stiftung entwickelte «Greening Fellowship» stellt eine Fortentwicklung dieses Erbes dar. Das neuartige Programm mit 18-monatiger Laufzeit vermittelt den bislang 38 Teilnehmern die für die Umstellung ihrer Gemeindehäuser und Synagogen auf einen nachhaltigen Betrieb notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse. Getreu ihrem Motto «Inspira¬tion zur Veränderung der Welt» verwandeln die «grünen Aktivisten» ihre Institutionen in Vorbilder für die etwa eine Million Juden im Grossraum New York. Gleichzeitig strahlen ihre grünen Innovationen in die ¬allgemeine Bevölkerung aus, die Gemeinde¬einrichtungen benutzt. Rosenfield erklärt: «Nun können Besucher dort obendrein Textilien recyceln oder elektronische Geräte und anderen, gefährlichen Müll abgeben.» Obendrein veranstalten zahlreiche jüdische Institutionen in der Region heute «grüne Messen», auf denen ¬Besucher über Energiesparmassnahmen, Solarstrom oder Kompostierung lernen können. 



Mit gutem Beispiel voran

Anstoss für Rosenfield persönlich gaben Vorführungen des Al-Gore-Films «Eine unbequeme Wahrheit», die sie 2006 im Riverdaler Gemeindehaus veranstaltete. Damals wurde ihr klar, dass nur die Arbeit an den lokalen «Graswurzeln» breitere gesellschaftliche Veränderungen bewirken kann. Angesichts der für Europäer kaum nachvollziehbaren Blockaden auf politischer Ebene stellt die pragmatische «Greening Fellowship» einen wertvollen Anstoss für einen Bewusstseinswandel in der amerikanischen Bevölkerung dar. Denn in Washington hat die Obama-Regierung längst ihre halbherzigen Versuche aufgegeben, den Kongress zur Verabschiedung eines Energiegesetzes zu bewegen, das CO2-Emissionen besteuern und eine Abkehr von fossilen Brennstoffen einleiten würde. Bei den Republikanern ist die Negierung des durch den Menschen verursachten Klimawandels im anlaufenden Präsidentschaftswahlkampf zu einem obligatorischen Ritual geworden, dem sich selbst moderate Kandidaten unterwerfen.
So wirkt Rosenfields Elan erfrischend und anregend. Sie bringt eine lange Erfahrung in jüdischer Gemeindearbeit mit. Aufgewachsen in Connecticut, hat Rosenfield jüdische Literatur in Hebräisch, Englisch und Deutsch mit einem Abschluss an der Universität im kalifornischen Berkeley studiert. Sie wollte ihr Wissen praktisch anwenden und kehrte daher mit ihrem Mann an die Ostküste zurück, wo sie in der konservativen Synagoge und im Gemeindezentrum von Riverdale tätig wurde. Als Direktorin der Abteilung für Lernangebote und jüdisches Leben hat sie dort die Verbindung zu der religiösen Dachorganisation «Interfaith Power and Light» hergestellt, aus der dann die Vorführung des Gore-Films hervorging. Das so ausgelöste «Heureka»-Erlebnis hat Rosenfield zunächst dazu bewegt, einen «Energie-Audit» im Haus ihrer eigenen Gemeinde anzuregen: «Wir konnten unseren Mitgliedern ja kaum eine nachhaltige Lebensweise predigen, ohne mit gutem Beispiel voranzugehen. Dabei kam uns zustatten, dass Stadt und Staat New York eine Fülle von Programmen anbieten, die etwa Wärmedämmung, Recycling oder den Zustand von Heiz- und Kühlanlagen überprüfen.» Die Stadt betrachte die «grünen» Initiativen jüdischer Gemeinden mit grosser Sympathie, so Rosenfield.
Der Audit lieferte der Gemeinde schliesslich nicht nur einen Katalog von Massnahmen, sondern auch eine Kalkulation der dadurch möglichen Einsparungen. Doch bis dahin musste Rosenfield eine erste, wertvolle Lektion in Sachen «Vergrünung» lernen: den Umgang mit Widerständen. Um den Energie-Audit intern durchzusetzen, erklärte sie dem Geschäftsführer der Gemeinde zunächst, diese würde sich finanziell auszahlen. Aber sie musste sich mit der Antwort bescheiden, die für eine Modernisierung notwendigen Investitionen seien nicht möglich. Dann führte sie das jüdische Selbstverständnis der Gemeinde an, das nachhaltige Lebensweisen zu einer Selbstverständlichkeit mache. Doch der Geschäftsführer gab zurück, sämtliche Aktivitäten der Institution dienten bereits jüdischen Zwecken. Im dritten Anlauf führte sie die Vergangenheit ihres Chefs in der Bürgerrechtsbewegung an: «Ich erklärte ihm, der Klimawandel sei das Bürgerrechtsthema unserer Tage, da davon die Ärmsten und Schwächsten auf der Welt am stärksten betroffen seien.»

Widerstände angehen

Rosenfield nimmt einen Schluck Kaffee und setzt fort: «Das hat ihn dann überzeugt.» Sie ermutigt ihre Kurs¬teilnehmer daher, Widerstände beharrlich und flexibel anzugehen: «Unsere Probleme beginnen bereits damit, dass die öffentliche Diskussion hierzulande noch an der Frage verharrt, ob Klimawandel überhaupt ein Problem darstellt. Das Thema ist politisch enorm aufgeladen.» Daher müssen «Green Fellows» erst einmal begreifen, woher Vorbehalte kommen und dann ausloten, welche pragmatischen Schritte möglich sind, um etwa Energiekosten zu senken: «Darauf lässt sich dann aufbauen.» Doch Rosenfield hat bei ihrer Arbeit auch die Erfahrung gemacht, dass ihr Verständnis von Jüdischkeit ein überraschend starkes Argument sein kann. Sie betrachtet ihr Engagement als Ausdruck einer jüdischen Spiritualität, die zutiefst mit dem Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen verbunden ist.
Dies will sie ihren Kursteilnehmern vermitteln: «Gestern habe ich zu Beginn unseres Treffens einen kurzen Ausschnitt aus dem Buch Ecclesiastes vorgelesen – ‹ein jegliches hat seine Zeit›. Der Gedanke, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt, mag zu Zynismus verleiten.» Aber Rosenfield zieht aus diesen Zeilen, die ja auch von Pflanzen und Aufbauen sprechen, ihren imponierenden Elan und die Geduld für ihre pragmatische Arbeit. Sie hat zudem entdeckt, dass die Themen Nachhaltigkeit und Klimawandel Jugendliche begeistern und bei jungen Juden, die Gemeindezentren oder Synagogen ansonsten fernbleiben, das Interesse an ihrem geistigen Erbe wecken. Ihr elfjähriger Sohn und ihre achtjährige Tochter unterstützen Rosenfields Arbeit begeistert, erklärt sie stolz.
Aus Rosenfields Initiative entwickelt sich ein Netzwerk von Aktivisten, die einander beraten, aber gleichzeitig gut über die inneren Verhältnisse ihrer jeweiligen Institutionen unterrichtet sind. Die «Green Fellows» kommen aus allen Altersgruppen und Glaubensströmungen, zudem sind sie in unterschiedlichsten Positionen tätig. Rosenfield steht ständig in Kontakt mit ehemaligen und derzeitigen Kursteilnehmern. Dank der Unterstützung des regionalen Dachverbandes jüdischer Gemeinden können «Fellows» auch auf Fördermittel für örtliche Projekte zugreifen – ein weiteres Argument gegen interne Widerstände. Rosenfield zitiert zudem das hebräische Wort vom Propheten, der in seiner eigenen Stadt kein Gehör finde: «Mitunter ziehen Fellows über die Stiftung externe Spezialisten heran, um Vorstände oder Geschäftsführer von Projekten zu überzeugen.» Das Wissen, nicht mehr alleine dazustehen und über kompetenten und mitfühlenden Rückhalt zu verfügen, gibt den Fellows Selbstvertrauen zu Eigeninitiative. Rosenfield zählt bisherige Erfolge des Projektes auf: «Unsere ersten Kursteilnehmer haben 850 000 Dollar für Energiespar-Massnahmen gesammelt, sechs Solaranlagen installiert und über 100 Umweltprogramme gestartet.»
Am Ende der Unterhaltung wird deutlich, dass Rosenfield über lokale Initiativen und Probleme hinausschaut. Sie freut sich über grüne Fortschritte im Grossraum New York ebenso wie über ähnliche Initiativen in Baltimore, Cleveland oder San Francisco. Sie gehört zudem dem jüdischen Dachverband Coalition on the Environment and Jewish Life (COEJL) an, der seinerseits Partnerschaften etwa mit der National Religious Partnership for the Environment (NRPE) geknüpft hat. Dieses Bündnis repräsentiert Glaubensgemeinschaften, die insgesamt 100 Millionen Amerikaner repräsentieren. COEJL arbeitet auch mit jüdischen Lobbyverbänden in Washington zusammen, um dort Einfluss auf die Politik zu nehmen. Rosenfield setzt auf die neue COEJL-Direktorin Sybil Sanchez, die derzeit neue Strategien für eine grüne, jüdische Lobby-Kampagne entwickelt: «Sanchez interessiert sich auch für unsere Aktivitäten. Wir selbst haben uns von der lokalen zur regionalen Ebene entwickelt und betreiben noch keine direkte politische Arbeit.» Rosenfield schliesst mit einem zuversichtlichen Lachen: «Aber dieser Schritt muss kommen. Es wäre wunderbar, wenn unsere Arbeit überall in Amerika Anstösse geben würde.»    ●

Andreas Mink ist USA-Korrespondent von aufbau und der Jüdischen Medien AG.



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