Eine Amerikanerin in Paris
Verrucht und ein wenig aus der Zeit gefallen wirken beide im Stil französischer Chansons instrumentierten Lieder Sophie Austers – und die junge Sängerin selbst. Düster die Texte, die sie vertont, überraschend reif und voll die Stimme, mit der sie sie interpretiert. Bei der Aufnahme ihrer ersten Songs für das Debütalbum war Sophie Auster erst 16 Jahre alt. Sie hatte den Wunsch geäussert, Sängerin werden zu wollen. Ihre Eltern haben sie dabei unterstützt, aus dem Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Jene ersten Aufnahmen entstanden in Zusammenarbeit mit den Musikern Josh Camp und Michael Hearst von «One Ring Zero» aus Brooklyn. Paul Auster hatte zuvor mit den beiden an einem Projekt gearbeitet. Sophie schrieb die Texte für zwei Songs auf diesem ersten Album selbst. Ihr berühmter Vater («The New York Trilogy»), der seinen Durchbruch in den achtziger Jahren feierte, steuerte weitere «Lyrics» für den musikalischen Erstling bei, indem er seiner Tochter die von ihm vor Jahrzehnten erstellten Übersetzungen französischer Gedichte von Dadaisten und Surrealisten wie Paul Éluard, Robert Desnos und Guillaume Apollinaire überliess. Paul Auster, geboren 1947 als Nachkomme eingewanderter österreichischer Juden, hatte als junger Mann Anfang der siebziger Jahre ein paar Jahre in Frankreich gelebt – als er etwa so alt war wie seine Tochter jetzt. Auster arbeitete als Übersetzer französischer Autoren. Damals entstanden die nun verwendeten Gedicht-Versionen. Die Platte der Tochter ist also auch ein gutes Stück Paul Auster selbst.
Europäische Tradition
Die Literaten-Familie Auster-Hust¬vedt wurzelt tief und vielschichtig in der europäischen Tradition. Sophies Mutter Siri Hustvedt, geboren 1955 in Minnesota, befasst sich als Autorin besonders eingehend und auf wissenschaftlichem Niveau mit der Psychoanalyse und den Neurowissenschaften («Die zitternde Frau»). Im Mai hat die Schriftstellerin, die gerne Analytikerin geworden wäre, in Wien die diesjährige traditionelle Sigmund-Freud-Vorlesung gehalten.
Sophie Auster zieht es wie den Vater zur französischen Kultur. Ihre Lieder präsentierte sie in kleinen Pariser Clubs. Sophie Auster sagte in einem in Berlin gedrehten Filminterview für eine Kultursendung zu ihrer Vorliebe für alte europäische Gedichte, die Entscheidung, für ihr Album auf solche für amerikanische Ohren eher etwas sperrigen Texte zurückzugreifen, sei auch ihre «Art, gegen Amerika zu protestieren», gegen die amerikanische Tendenz, sich für wenig ausserhalb seiner eigenen Kultur zu interessieren.
Sophie Auster, 1987 geborener Spross zweier hochkreativer, sprachmächtiger Intellektueller, dem wohl berühmtesten Schriftstellerpaar Amerikas unserer Tage, wurde natürlich von Kindesbeinen an früh und breit gefördert, um ihr eigenes kreatives Potential zu entwickeln. Sie bekam mit acht Jahren erste Gesangsstunden. Mit zwölf Jahren nahm sie zusätzlich Schauspielunterricht. Um diese Zeit, 1998, spielte sie eine kleine Rolle in «Lulu on the Bridge», einem von ihrem Vater geschriebenen und inszenierten New-York-Film. In Austers Film «The Inner Life of Martin Frost» von 2007 war ihr Part schon grösser. Dann drehte sie mit dem renommierten chilenischen Regisseur Raoul Ruiz («Klimt») in Paris. Im Jahr 2010 entstand unter anderem «The Imperialists Are Still Alive!». Letzten Sommer spielte sie die Hauptrolle in «Stealing Summers», einer ihrer Partner darin ist James Jagger, Sohn von Rolling-Stones-Sänger Mick Jagger. Für die Filmmusik benutzte der Filmregisseur David Martin-Porras ein von Sophie Auster geschriebenes Lied. Beide Filme sollen Berichten zufolge noch in diesem Jahr in den Kinos zu sehen sein. Doch nicht nur fünf Filme seit ihrem Debüt hat Sophie Auster mittlerweile vorzuweisen: Auch als Model ist die ausnehmend schöne und aparte Künstlerin gefragt.
Amerikanische Bühnen
Sophie Auster legte sich jedoch nicht frühzeitig auf die Schauspielerei fest. Sie nahm ein Literaturstudium auf, trat diesbezüglich also in die elterlichen Fussstapfen, und machte im Mai 2010 am Sarah Lawrence College ihren Abschluss. Dabei hatte sie ihr Studium wegen anderer Projekte häufig unterbrechen müssen. Für die Musik etwa. Hatte Sophie Auster, damals noch Schülerin, für ihr erstes Album «aus Zeitmangel», wie sie erklärte, noch auf Fremdtexte zurückgegriffen, nahm sie sich vor, dass die Liedtexte für ihre zweite Platte sämtlich aus eigener Feder stammen sollten. Sie tat sich mit dem Singer-Songwriter Barry Reynolds zusammen, der mit so berühmten Künstlern wie Rufus Wainwright, Marianne Faithful und Grace Jones zusammengearbeitet hat.
In einem Alter, in dem andere sich mitunter noch orientieren oder aber studieren, hat Sophie Auster bereits zwei Alben, diverse Filme und Model-Kampagnen vorzuweisen und einen Uni-Abschluss in der Tasche. Sicher hat der familiäre Rückenwind manche Tür für sie aufgestossen, aber hindurchgehen musste sie allein. Zweifellos ist sie hochtalentiert und das auf mehreren Gebieten.
Die nun 24-jährige Singer-Songwriterin Sophie Auster, die bereits mit Joan Baez, Charlotte Gainsbourg und Dusty Springfield verglichen wurde – und sich selbst auf der Bühne schon mal auf die Soulkönigin Aretha Franklin bezieht – trat in jüngster Zeit vor allem in der Heimat New York auf, so Anfang Juli in der dortigen Rockwood Music Hall. Musikalisch verlässt sie sich nunmehr noch stärker auf sich selbst. So spielt sie mittlerweile Gitarre, was ihr noch mehr eigene künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten eröffnet. Sie hat bereits einen sehr eigenen künstlerischen Stil entwickelt. So ist Sophie Auster eine französische Amerikanerin, die sich musikalisch zwischen Folk und Chanson angesiedelt hat, die sich in Intellektuellenkreisen zwischen den Freunden ihrer Eltern wie Salman Rushdie, den Kreisen der amerikanischen Pen-Club-Autoren, der akademischen Uni-Welt, der coolen Berliner Szene und den Pariser Cafés bewegt. Eine, die sich mit Zigarette inszeniert wie eine existentialistische Sängerin und zugleich in glamourösen Magazinen wie «Cosmopolitan» und «Vogue» als moderne Stil-Ikone gefeiert wird. Man wird noch viel von ihr hören und sehen. Ihre Eltern Siri Hustvedt und Paul Auster haben im März bzw. Mai jeweils ein neues Buch herausgebracht. Beide Romane («Der Sommer ohne Männer» und «Sunset Park») stehen wie erwartet bereits in den Bestsellerlisten. Tochter Sophie legt im Sommer und Herbst nach. Es wird ein Auster-Jahr.
Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.


