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Juli 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 7 Ausgabe: Nr. 7 » July 7, 2011

Ein Puma in El Paso

Von Sarah Gilman, July 7, 2011
Immer häufiger verirren sich grosse Raubkatzen in amerikanische Städte. Sie erinnern an die Wildnis, die wir in uns tragen.

Der Berglöwe sieht ausgemergelt aus. Sein schmaler Bauch hängt fast bis auf den Boden, während er dahinschleicht. Pfoten, gross wie Untertassen, senken sich auf Beton, der von Ölflecken gesprenkelt ist. Unter wilden, unruhigen Augen klafft sein Maul. Der Berglöwe hechelt panisch. Es sind die vorbeirauschenden Autos, die ihn verstören, und die Männer, die er am Rande seines Blickfeldes erkennt. Auch sie haben eindeutig Angst, vielleicht folgen sie dem Puma trotzdem. Andere gaffen womöglich nur völlig verblüfft. Das eine schliesst das andere nicht aus.
Denn diese erstaunliche Szene spielt sich nicht irgendwo im amerikanischen Hinterland ab. Der Berglöwe hat sich in das Zentrum von El Paso, Texas, verirrt, die 650 000 Einwohner-Metropole an der Grenze zu Mexiko. Die verängstigte Grosskatze taucht zuerst an den Bahngleisen der Union Pacific nahe der Innenstadt auf, dann sucht sie in einer Hochgarage nahe einem Regierungsgebäude Sicherheit, in dem passenderweise die Naturschutzbehörde von Texas residiert. Dort wird der Berglöwe von einem Pfeil mit Schlafmitteln getroffen, ehe er aus dem zweiten Stock springt und durch einen Schulhof jagt. Schliesslich stellen ihn seine Verfolger in einer Autowaschanlage und schiessen einen zweiten Beruhigungsbolzen in seinen Leib.



Als der Berglöwe dann dennoch auf einen der Ausgänge zuspringt und versucht, sich durch eine Lücke zwischen einem Metallgitter und der Waschanlage zu zwängen, feuern Polizisten mit scharfer Munition und töten ihn. So endet diese Geschichte. Er liegt nur noch da, in der städtischen Kulisse. Klein und bewegungslos und völlig fehl am Platze.
Dieser Vorfall hat sich am 10. Mai ereignet und sorgt auf YouTube für Aufregung. Seither haben sich zwei weitere Grosskatzen nach El Paso verirrt – ein Puma und ein Luchs. Offizielle vermuten, dass die Dürre im Becken des Rio Grande die Tiere aus ihrer heimischen Widlnis in den nahen Franklin Mountains zur Nahrungssuche in die Grossstadt getrieben hat. Gleichzeitig wurde ein Berglöwe im Gliedstaat Montana im Norden der Rocky Mountains erschossen, der sich auf einer Terrasse zum Schlafen eingerollt hatte.

Derartige Vorfälle finden enormes Publikumsinteresse und ziehen alle möglichen Kommentare nach sich. Auch mich fesseln diese Geschichten und in freien Momenten schau ich mir immer wieder die Clips des eingangs erwähnten Berglöwen von El Paso im Internet an und sehe, wie er verängstigt und schockiert um Ecken huscht, durch die Autowaschanlage streift, Deckung sucht und gehetzt in die Kamera schaut. Schliesslich wird mir klar, dass das Auftauchen dieses Tieres im Betonlabyrinth einer Grossstadt und das Schicksal seines Artgenossen in einem Vorort in Montana letztlich deshalb als so aussergewöhnlich erscheinen, weil sie eigentlich so normal sind.

Nur die wenigsten Momente im Leben der meisten von uns sind im traditionellen Sinne gewöhnlich. So wundern wir uns ja nur höchst selten, dass wir in eine Maschine steigen können, die dank Funken und eines Tanks voll flüssigem Brennstoff in der Lage ist, uns mit einer einst unvorstellbaren Geschwindigkeit über eine Teerbahn zu tragen. Ohne mit den Wimpern zu zucken lassen wir unsere Stimmen in Sekundenbruchteilen über Distanzen reisen, die wir physisch nur in Stunden, Tagen oder womöglich sogar Wochen bewältigen könnten. Ist es normal, dass ein Kleidungsstück in mehreren Ländern hergestellt wird? Die Fasern wachsen in einem, das wir nie gesehen haben, werden in einem zweiten zu Stoff gewebt, an das wir noch keinen Gedanken verloren haben und schliesslich in einem dritten zusammengesetzt, das schon lange ein Traumziel für uns war. Und wir tragen dieses Kleidungsstück, während wir in zwölf Kilometern Höhe dahinschweben und nichts anderes zu tun haben als durch das Bordmagazin zu blättern und dann gelangweilt in den Schlaf zu sinken.

Und womöglich haben uns die Fülle, der Glanz und die Sensationen der modernen Welt eben dies gegeben: Eine neue Wertschätzung für den Mangel an Gewöhnlichem in unserer Existenz. Wir sind aus einer Welt hervorgegangen, die sich über unvorstellbare Zeiträume selbst entwickelt hat, mit all ihren Kreaturen, dem Hungern, Paaren, Gebären, Sterben, Überleben, der Suche nach Nahrung, Wasser und Territorium. Wenn wir Berglöwen an Orten sehen, an denen wir sie niemals erwartet hätten, können wir etwas von ihnen in uns selbst erkennen. Der Anblick der Wildnis weckt Erinnerungen.    ●

Sarah Gilman schreibt für das Ressort «Writers on the Range» bei High Country News in Paonia, Colorado, USA, und arbeitet zudem als Redaktorin bei der gleichnamigen Zeitschrift. High Country News ist eine gemeinnützige, unabhänigen Medienorganisation, die Themen und Geschichten mit Bedeutung für den amerikanischen Westen publiziert (hcn.org).



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