Israel zerreisst das jüdische Volk
Im Juni letzten Jahres sorgte Peter Beinart in einem Artikel in der «New York Review of Books» mit einem Artikel für einiges Aufsehen, der auf die tiefe Entfremdung zwischen der jungen Generation amerikanischer Juden und Israel hinwies. Ein Jahr später ist es an der Zeit für eine Bestandsaufnahme.
Unglücklicherweise ist die Lage noch viel schlimmer geworden. Auf meinen Reisen durch Europa spreche ich vor einem vorwiegend jüdischen Publikum, aber auch vor Nichtjuden, denen Israel sehr am Herzen liegt. Sie bringen ihre Sorgen und ihren Ärger offen zum Ausdruck: Sie wollen verstehen, was mit Israel geschehen ist. Sie wollen zu ihm stehen, koste es was es wolle, doch wissen sie je länger, desto weniger, wie das zu bewerkstelligen wäre.
Ihre Fragen sind einfach. Sie wissen, dass Israel sich in einer der schwierigsten Gegenden der Welt befindet, und sie machen sich keine Illusionen über das iranische Regime oder die Hizbollah. Sie kennen auch die Verfassung der Hamas, doch verstehen sie nicht, was all das mit der israelischen Siedlungspolitik, mit der Enteignung von palästinensischem Besitz in Jerusalem und mit dem äusserst rassistischen Gerede von der «Judaisierung» von Jerusalem zu tun haben soll. Sie haben immer stärker das Gefühl, ohne Argumente, ja sogar ohne Worte zu sein, mit denen sie Israel verteidigen könnten.
Noch nie wurde Israel von einer Regierung geleitet, welche die Grundwerte einer liberalen Demokratie derart krass verletzt. Noch nie hat eine Knesset so manifest rassistische Gesetze verabschiedet wie die jetzige Regierung. Israel hat schon weltfremde Aussenminister gehabt, die kein Englisch sprachen, doch noch nie hatte es einen Aussenminister, dessen einziges Ziel darin besteht, seiner rechtsgerichteten Wählerschaft Honig um den Bart zu streichen, indem er voller Vergnügen mit seiner Verachtung für das Gesetz und die Gedanken der Menschenrechte protzt.
Darüber hinaus hat es noch nie eine israelische Regierung gegeben, die sich so wie die heutige einen Dreck um ihre Beziehungen zu den Juden der Welt schert. Sie verabschiedet Gesetze, welche den Würgegriff des orthodoxen Establishments um religiöse Angelegenheiten und persönliche Lebensführung verstärkt. Dabei wird die Tatsache ignoriert, dass 85 Prozent des Weltjudentums nicht orthodox sind. Deren jüdische Identität und Institutionen werden komplett unter den Teppich gekehrt. Die Folge ist, dass die Mehrheit der Juden in aller Welt das Gefühl hat, Israel kümmert sich keinen Deut um seine Werte und Identität.
Das orthodoxe Establishment in Israel steht auf dem Standpunkt, mit der Monopolisierung der Konversion zum Judentum und der Ehegesetze würde es einen Riss im jüdischen Volk verhindern. Dabei ist das genaue Gegenteil der Fall: Es ist die Zuwendung Israels zum Rassismus, der sich nicht nur gegen seine arabischen Mitbürger richtet, sondern auch gegen äthiopische Jugendliche, die in Schulen in Petah Tikva nicht akzeptiert werden, oder gegen sephardische Mädchen, die an charedischen (ultrareligiösen) Schulen in der Siedlung Immanuel nicht lernen dürfen – für solche Phänomene können die meisten Juden in der Welt nicht einstehen. Diese unheilige Allianz zwischen Nationalismus und Orthodoxie reisst das jüdische Volk auseinander.
Die überwiegende Mehrheit amerikanischer und europäischer Juden ist seit jeher universellen Wertvorstellungen zutiefst verpflichtet. Diese Verpflichtung ist weder eine Masche noch ein Versuch, mit der Mehrheit zu marschieren und politisch korrekt zu sein. Vielmehr ist es die ehrlich empfundene Schlussfolgerung, die die Mehrheit des Weltjudentums aus der Geschichte zieht: Nach allem, was uns geschehen ist, dürfen gerade wir Juden niemals die Verletzung universeller Menschenrechte zulassen.
Aus diesem Grund spielen US-Juden eine zentrale Rolle in der Bürgerrechtsbewegung, und aus diesem Grund vergessen europäische Juden nie, dass 1890 nur liberale Universalisten Alfred Dreyfus zur Seite standen. Für die meisten Juden der Welt ist es schlicht unvorstellbar: Wie können wir, die wir unter rassistischer und religiöser Diskriminierung gelitten haben, eine Sprache gebrauchen und Ansichten vertreten, wie sie in der westlichen Welt zuletzt vom Franco-Regime vertreten worden sind? Zeev Sternhell, Träger des Israel-Preises und Faschismus-Historiker, stellt diese Frage.
Für die meisten Juden der Welt bedeutet das Konzept der «Jüdischkeit» in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dass Juden bezüglich der Gleichheit von Menschen vor dem Gesetz und der Unverletzbarkeit ihrer Rechte nie Kompromisse eingehen dürfen. Wie können sie dann einen Staat unterstützen, der weiter Rabbiner auf der Salärliste behält, die argumentieren, dass jüdisches Leben eine Heiligkeit besitzt, die sich nicht auf nicht jüdisches Leben erstrecke, und dass es verboten sei, Arabern Wohnungen zu vermieten?
In Momenten der Verzweiflung versuche ich, mich daran zu erinnern, dass Israels Trend nach rechts von Furcht und Verwirrung getrieben wird, Erscheinungen, die von Politikern rücksichtslos angefacht werden, deren Machtposition von der Panik israelischer Bürger abhängt. Ich kann nicht glauben, dass ein Land, das nicht nur Heimat für die Juden sein sollte, sondern auch ein moralisches Leuchtfeuer, in eine solche Dunkelheit absinken kann. Ich versuche, mir einzureden, dass solche Zeiten der Dunkelheit nicht auf die humane Qualität einer ganzen Nation abfärben. Dass Länder wie Spanien, Griechenland und Portugal aus dunkeln Zeiten in die freie Welt emporstiegen, und dass Israel trotz der über das Land ziehenden Winde des rechtsgerichteten Nationalismus immer noch eine Demokratie ist.
Manchmal ist mir, zusammen mit der Mehrheit der liberalen und universellen Wertvorstellungen verpflichteten Juden, als ob ich einfach in einem schlechten Traum steckte, und dass beim Aufwachen Theodor Herzls Vision von einem den zentralen Werten des Liberalismus verpflichteten Judenstaat immer noch die Realität werden würde.
Carlo Strenger wurde in Basel geboren, unterrichtet heute an der psychologischen Fakultät der Universität Tel Aviv und ist Mitglied des Permanent Monitoring Panel über Terrorismus der Weltföderation der Wissenschaftler.


