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1. Juli 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 26 Ausgabe: Nr. 26 » July 1, 2011

Flottillen und Postillen

Editorial von Gisela Blau, July 1, 2011

Profilieren. Nun wollen sie wieder in See stechen, die Leichtmatrosen der sogenannten «Freedom Flotilla II». Hoffentlich verhält sich die israelische Marine diesmal korrekt. Die Attraktion scheint nicht mehr gleich gross zu sein wie beim ersten Mal. Drei Nationalräte aus der Romandie haben auf die schwankende Plattform der Profilierung verzichtet, angeblich aus Termingründen. Die Flottierenden sollen ruhig ihre Bootspartie machen, aber sie sollten auf das Mitführen von «Hilfsgütern» verzichten, die in Gaza vielleicht gar niemand braucht. Sie sollten sich einfach als «Blockadebrecher» profilieren wollen. Eigenartig nur, dass sie nie gegen Ägypten protestierten, das früher die andere Grenze zum Gazastreifen hermetisch verschlossen hatte.



Profitieren. Zwei Begriffe kursieren rund um Israel: «Delegitimierung» auf israelischer Seite und «BDS» – für «Boykott, Desinvestition, Sanktionen» – im Anti-Israel-Lager (vgl. S. 6). BDS startete im Juli 2005 mit einem Aufruf von 170 palästinensischen Nichtregierungsorganisationen. Seither wollen alle von den Schlagworten Delegitimierung und Boykott profitieren. Shlomo Avineri schrieb diese Woche in «Haaretz» prägnant, dass niemand Israel delegitimiere. Niemand verlange die Auflösung des Staates. Das Wort kann also ersatzlos gestrichen werden. Der Boykott ist vielschichtiger und resonanzreicher. Natürlich darf jeder darauf verzichten, Produkte zu kaufen, die ihm nicht passen. Ein heutiger Chefredaktor forderte einst den Boykott kalifornischer Grünspargeln, als die USA die Schweiz zur Herausgabe sogenannter nachrichtenloser Vermögen ermordeter Juden drängten.

Begründen. Aber ist es klug, wenn sich Schweizer Politiker kritiklos dem Aufruf eines Sammelsuriums von Persönlichkeiten zum Boykott israelischer Produkte anschliessen? Ein Protest wäre richtig gegen die Weigerung Israels, die Herkunft von Produkten aus den besetzten Gebieten zu deklarieren. Aber um solche Feinheiten geht es nicht. Auch ein paar Nationalräte berufen sich auf Verletzung von Völkerrecht durch den Bau von Siedlungen in besetztem Gebiet (richtig) und das Rückkehrrecht von Flüchtlingen (Teil der jahrzehntealten Uno-Resolution 194, die sie wohl nicht richtig gelesen
haben, denn sie enthält noch 14 andere Forderungen, die von arabischer Seite nie eingehalten wurden). Die Begründung hinkt, und die Boykotteure dürfen sich nicht wundern, wenn man ihnen den Vergleich mit dem Aufruf zum Juden-Boykott durch die Nazis und als Antizionismus verkleideten Antisemitismus vorwirft, obwohl gerade Letzteres oft ein heikler bis dummer Vorwurf ist.

Erklärungen. «Wer Israel hasst, weil dort so viele Juden leben, ist ein Antisemit», schrieb vor einigen Jahren Tom Segev. Kritik an Entscheiden von Israels Regierung sei dagegen erlaubt; darin schlagen die Israeli ihre ausländischen Kritiker ohnehin um Längen. Fragt sich einfach, weshalb Israel immer als einziger Bösewicht herhalten muss. Woher stammen die Beweggründe? Es gibt weit schlimmere Staaten als Israel. Eine Unzahl Menschen auf der Welt geniesst weit weniger Freiheit als Palästinenser oder auch Israeli. Ausser den USA boykottiert niemand kubanische Zigarren, um nur ein Beispiel zu nennen. Weshalb kümmern sich die politischen Schweizer Kümmerer nicht um das Los der Palästinenser in Jordanien und Syrien? Die Antwort ist einfach: Weil dort die Unterdrücker keine Juden sind. Höchste Zeit also, dass der Teilungsplan der Uno von 1947 endlich implementiert und reiner Tisch gemacht wird. Am Tisch, nicht auf Schiffchen in Flottillen und Postillen mit Boykottaufrufen.   



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