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24. Juni 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 25 Ausgabe: Nr. 25 » June 24, 2011

Wo die Juden willkommen waren

Von Peter Abelin, June 24, 2011
Anders als in den meisten anderen Städten der Schweiz, blieben die Juden in Biel sowohl im Mittelalter als auch in der Neuzeit von Antisemitismus weitgehend verschont. Im Buch «Heimat Biel» der Historikerin Annette Brunschwig wurden die Akten erstmals wissenschaftlich ausgewertet.
ZUHAUSE IN BIEL Jugendliche des 1918 gegründeten Vereins Maccabéa mit Rabbiner Chaim Lauer

Es begann mit einem Hundespaziergang: Als Annette Brunschwig und Gabrielle Rosenstein, damalige Verantwortliche für Kultur in der Geschäftsleitung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG), an ihrem gemeinsamen Wohnort Küsnacht ihre Vierbeiner ausführten, kam die Rede auf einen wissenschaftlichen Artikel, den die Historikerin auf Grund des Fundes eines mittelalterlichen Dokuments über die Bieler Juden im Pruntruter Archiv des Fürstbischofs von Basel schreiben wollte.
Daraus ergab sich der Auftrag für die SIG-Schriftenreihe «Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz», einen Band über die Juden in der zweitgrössten Stadt des Kantons Bern zu verfassen. Vier Jahre später liegt das Buch nun vor, das Rosenstein – wie auch ihrem Bruder Jacques Picard, der als wissenschaftlicher Beirat amtierte – deshalb besonders am Herzen liegt, weil ihr Urgrossvater, ihr Grossvater und ihr Onkel einst Präsidenten der Jüdischen Gemeinde Biel waren.
Ein solches Werk sei «längst fällig» gewesen, schreibt auch der langjährige Bieler Stadtpräsident und Nationalrat Hans Stöckli in seinem Geleitwort. Er begründet dies einerseits mit dem Umstand, «dass der Antisemitismus in Biel – mit Ausnahme einer dunklen Phase in der früheren Neuzeit – kaum auf fruchtbaren Boden fiel», anderseits mit dem Interesse «an der Darstellung einer Geschichte, welche stark von wechselseitigem Geben und Nehmen geprägt ist».
Auch die Autorin betont das besondere Verhältnis zwischen Christen und Juden in der Stadt am Jurasüdfuss bereits in der Einleitung: «Im Gegensatz zu den benachbarten Städten Bern und Solothurn gab es im mittelalterlichen Biel keine Pogrome und auch später keine antijüdischen Ausschreitungen, ja nicht einmal in den Jahren der Frontisten kam es zu ernsthaften antisemitischen Attacken.» Von da her leitet sich auch der Titel des Buches ab: In den Perioden, in denen die Juden in der Stadt lebten, «bot sie ihnen Schutz, Auskommen und Heimat».



Archivfund als Glücksfall

Annette Brunschwig, die auch Co-Autorin der «Geschichte der Juden im Kanton Zürich» (2005) ist, standen im Bieler Stadtarchiv und in Pruntrut zahlreiche bisher nicht ausgewertete Akten zur Verfügung. Als «Glücksfall» bezeichnet sie aber, dass fast das gesamte Archiv der ehemaligen Israelitischen Cultusgemeinde Biel (ICB) auf dem Dachboden der Bieler Synagoge die Zeiten überdauert hat. Und zufällig hatte Klaus Appel, früherer Präsident der heutigen Jüdischen Gemeinde Biel, zur Zeit ihrer Recherchen gerade damit begonnen, dieses Material zu Handen des Bieler Stadtarchivs zu ordnen.
Gemeinsam schleppten sie nun die verstaubten Schachteln und Kisten hinunter und reinigten sie. Bei der späteren Auswertung fand Annette Brunschwig allein aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs rund 3000 Briefe, Postkarten und Formulare, welche die Aktivitäten insbesondere des Frauenvereins und von Else Lauer, der Frau des damaligen Rabbiners, mit Flüchtlingen, Behörden und Hilfswerken umfassend dokumentierten. Rabbiner Chaim Lauer seinerseits betreute die Insassen des «Concentrationslagers» Büren an der Aare und des Lagers Les Enfers in den Freibergen. So entschloss sich die Autorin, dieses letzte Kapitel gewissermassen zu einem «Buch im Buch» auszubauen. Gegenüber tachles spricht die Autorin von «einem bisher unbekannten Stück Frauengeschichte». Ihre Nachforschungen im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich, im Bundesarchiv, beim Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen und beim Arbeiterhilfswerk erlaubten es ihr, Querverbindungen zu einzelnen Flüchtlingen herzustellen und deren Schicksal nachzuzeichnen.

Das Burgrecht für Guta

Als «Frauengeschichte» nimmt die Geschichte der Juden in Biel auch ihren Anfang: Im Jahr 1305 wurde der Jüdin Guta und ihren Kindern das «Burgrecht» gewährt. Die entsprechende Urkunde ist eine der ältesten dieser Art auf dem Gebiet der Eidgenossenschaft. Sporadische Einträge in bisher unbekannten Akten weisen darauf hin, dass sich auch im weiteren 14. sowie bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts Juden in Biel aufgehalten und dort ihre Geschäfte betrieben haben. 1450 zogen die letzten jüdischen Familien aber weg, nachdem sie vom Bieler Rat ausgewiesen worden waren. Als Hintergrund vermutet die Autorin den Druck der umliegenden eidgenössischen Orte. Ihr Aktenfund im bischöflichen Archiv von Pruntrut lässt hier noch Spielraum für weitere Forschungen.
Erst im 19. Jahrhundert wanderten dann erneut Juden in die Stadt ein, die sich ihnen gegenüber wieder offen zeigte. So wurde etwa der 1848 aus Dresden eingewanderte Louis Gerson schon 1866 in die Primarschulkommission gewählt – zu einem Zeitpunkt, «als andere Kantone noch nicht einmal daran dachten, den Juden die freie Niederlassung zu gewähren», wie Brunschwig schreibt. In den folgenden Jahrzehnten gehörten mehrere Juden dem städtischen Parlament an. Die Einwanderung aus dem Elsass führte dazu, dass die Zahl der Juden bis zum Jahr 1900 auf 336 anstieg. Inzwischen hatte sich auch eine entsprechende Infrastruktur gebildet: 1858 erhielten die Juden den regierungsrätlichen Segen, in einem Haus in der Neustadt ihre Gottesdienste abzuhalten, was den offiziellen Beginn der Israelitischen Cultusgemeinde markiert. Später beteten sie im heutigen Museum Neuhaus, und 1883 wurde die Synagoge an der Rüschlistrasse feierlich eingeweiht, die 1995 letztmals renoviert wurde. Seit 1894 steht den Bieler Juden ein Teil eines öffentlichen Friedhofs zu, seit 1903 auf dem Friedhof Madretsch.

Uhrenindustrie und Detailhandel

Die Uhrenindustrie und der Detailhandel in Biel waren am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts stark von der jüdischen Gemeinschaft geprägt. So listet das Handelsamtsblatt im Jahr 1920 über 50 jüdische Uhrenfabrikanten und -händler auf. Dazu kamen knapp 40 Geschäfte in der Sparte Textilien und Konfektion. Und die Firma Manor geht auf einen von Léon Nordmann 1890 an der Nidaugasse eröffneten Laden mit dem Namen «Au petit Bénéfice» zurück. Kurz nach der Jahrhundertwende begann die Einwanderung von osteuropäischen Juden, was dazu führte, dass 1920 rund 430 Juden in Biel lebten. Die Ostjuden organisierten sich in eigenen klei-nen Gemeinden und Vereinen. Rabbiner Chaim Lauer – ein ursprünglich ostjüdischer Jude mit westeuropäischer Ausbildung – war es zu verdanken, dass gegenseitige Vorurteile abgebaut wurden und die ostjüdische Gemeinschaft bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Cultusgemeinde verschmolzen war. Lauer wechselte 1925 nach Mannheim, von wo er nach der Pogromnacht von 1938 dank seines Schweizer Passes nach Biel flüchten konnte und dort wieder sein früheres Amt übernahm.

Reichhaltiges Vereinsleben

Bereits 1859 gründeten die Bieler Juden mit dem Männerkrankenverein Bikkur Cholim den ersten Verein, dem zahlreiche weitere folgten. Ab 1875 kümmerte sich der Frauenverein um die sozialen Probleme der Frauen und die Bestattung der Verstorbenen. Manche Frauen gehörten später gleichzeitig dem 1920 gegründeten Verein «L’ouvroir / Malbisch arumim» an, der als «Näh- und Strickkränzchen» umschrieben wird. Eine Bieler Besonderheit ist auch der 1918 gegründete Verein Mabbabéa, initiiert von Rabbiner Lauer. Er richtete sich an junge Leute und befasste sich – nebst der Pflege der Kameradschaft – dem Studium der jüdischen Literatur sowie der jüdischen Sprache. Der Verein verfügte über eine so umfassende Bibliothek, dass die Israelitische Cultusgemeinde Zürich (ICZ) sich 1944 für deren Erwerb interessierte.   


Annette Brunschwig: Heimat Biel – Geschichte der Juden in einer Schweizer Stadt vom Spätmittelalter bis 1945. Band 15 der SIG-Schriftenreihe «Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz». Chronos-Verlag Zürich, 2011.



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