Gilad kehrt nicht zurück
Gilad Shalit wird nicht zurückkehren. Zumindest nicht, wenn es vom Staate Israel abhängt und nicht von seinen mörderischen Entführern im Gazastreifen. Leuten, die meine Bemerkungen als zu hart und vielleicht sogar paranoid empfinden, rufe ich in Erinnerung, dass ich im Land der Nazis geboren wurde, wo mein Vater Selbstmord begangen hat. Zu Ihnen spricht also kein grosser Optimist.
Gilad Shalit wird nicht zurückkehren, wenigstens solange nicht, wie unser Premierminister glaubt, über eine starke Mehrheit in der Koalition zu verfügen. Und darüber braucht er sich keine besonderen Sorgen zu machen, denn alle potenziellen Gegner reichen nicht aus: Nicht das Streifchen Arbeitspartei, nicht die zusammengestauchte Meretz oder die Kibbuzbewegung, die auseinanderfällt seit jenen skandalösen Äusserungen Menachem Begins über Schwimmbäder und kapitalistischer Privatisierung, die jetzt ihren Höhepunkt erreicht. Auch die wenigen Zehntausend verborgenen oder offenen Gerechten von Tel Aviv und Haifa reichen nicht aus. So zumindest präsentiert sich die Wirklichkeit heute. Hinzu kommt, dass unser Premierminister einige Alliierte in der Welt gefunden hat, die ihm erlauben werden, bis zum Ende aller Tage von Verhandlungen zu reden, und ich weiss nicht, wie viel dem armen Gilad und uns allen bis dann noch bleibt.
Und warum? Weil eine Koalition der «ermutigten» und «furchtvollen» - so lange wie sie zu einer an der Macht sitzenden, rechtsgerichteten Mehrheit gehören, fürchten sie den Zorn desjenigen, der im Himmel wohnt, aber nicht das, was hier auf Erden geschieht – weil eine solche Koalition nicht mehr helfen wird, als die, welche jenen geholfen hat, die in den Krematorien der Menschen in meinem Geburtsland verbrannt sind. Effektiv sollten wir, die wir das vorherige dunkle Jahrhundert durchgemacht haben und heute noch leben, uns wirklich fürchten. Wir sollten uns auch gut an das erinnern, was einer jener Menschen damals gesagt hat: Ein Mann, der in den Wandelgängen der Knesset zwischen zwei Frauen geht, sei ein blöder Esel. Das Sprichwort, wonach der Mensch, der ein einzelnes Leben in Israel rettet, so betrachtet wird, als hätte er eine ganze Welt gerettet, haben jene bereits vergessen, die durch die Erde graben und stöbern, um «Beweise» für unser Recht auf das Land zu finden. Und wer nicht glaubt, der ist sowieso zur Hölle in diesem Leben verurteilt.
Gilad Shalit wird nicht zurückkehren. Natürlich hoffe ich, dass ich mich irre, doch es ist besser, sich zu irren, als andere an der Nase herumzuführen.
Diese und andere Dinge wollte ich eigentlich sagen, doch offensichtlich werden sie nicht gehört. An sich hatte eine TV-Station zu einem Interview über das unglückliche Thema Gilad Shalit eingeladen, doch ich bin sicher, dass meine Bemerkungen letzten Endes gar nicht ausgestrahlt werden. Deshalb erlaube ich mir, sie in der Bastion der freien Presse in Israel zu publizieren (Natan Zachs Kommentar erschien erstmals in «Haaretz»). Dem Fernsehen überlassen wir all die religiösen Programme, die sich immer wieder und zu jeder Stunde unserer Mattscheiben bemächtigen. Und es macht einmal mehr den
Anschein, als ob Gilad Shalit nicht zurückkehrt. Ich hoffe, ich irre mich, doch mein Vater hatte sich auch geirrt. Mein Vater auf Erden, nicht jener im Himmel.
Natan Zach ist Schriftsteller in Tel Aviv.


