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24. Juni 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 25 Ausgabe: Nr. 25 » June 24, 2011

Es geht nicht nur ums Fleisch

Von Tobias Müller, June 24, 2011
Die Niederlande stehen vor einem Verbot unbetäubten Schlachtens. Die Entrüstung jüdischer Gemeinden ist gross – und nicht nur der Sorge um die Schechita geschuldet.
EINE HALAL-METZGEREI IN AMSTERDAM Koscher- und Halalfleisch in Holland bald verboten?

Wenn es um Essentielles geht, sind Missverständnisse oft an der Tagesordnung. «Was ich nicht verstehe, ist, ob Juden oder Muslime verpflichtet sind, Fleisch zu essen. Können sie nicht als Vegetarier durchs Leben gehen?» Diese Frage stellte ein Leserbriefschreiber am Wochenende in der Tageszeitung «de Volkskrant». Niederländische Medien widmen sich in diesen Wochen ausführlich einer Debatte, die seit Jahren immer wieder aufflackert. Streitpunkt ist ein mögliches Verbot unbetäubten Schlachtens. Ein entsprechender Entwurf der tierschutzbewegten Partij voor de Dieren (PvdD) kann zur Zeit auf eine Mehrheit im Parlament rechnen. Am 28. Juni soll darüber abgestimmt werden.
Die parteipolitische Konstellation ist pikant. Für ein Verbot ist neben der linken Opposition (Sozialdemokraten, Linksliberale, Grüne und Sozialisten) und der rechsliberalen Volkspartij voor Vrijheid en Democratie (VVD) auch die Partij voor de Vrijheid (PVV) von Geert Wilders. Amalgam dieses Bündnisses ist der Standpunkt, Tiere litten beim unbetäubten Schlachten mehr als bei der konven-tionellen Methode, weshalb ihr Schutz schwerer wiege als die Religionsfreiheit. Auf der anderen Seite stehen die konfessionellen Parteien: die Christdemokraten sowie die Calvinisten von Christen Union und der Staatskundig Gereformeerde Partij (SGP).



Knappe Entscheidung

Anders als im Frühjahr sieht es inzwischen nach einer knappen Entscheidung aus. Bei Sozialdemokraten wie Linksliberalen regt sich deutlicher Widerstand an der Basis. Komplex ist die Gemengelage auch innerhalb der PVV, die eigentlich ausgesprochen pro-jüdisch ist, deren internationale Bekanntheit freilich auf ihrer anti-islamischen Agenda basiert. Wie bei anderen Rechtspopulisten steht hier zudem der Tierschutz hoch im Kurs.
Dass die Debatte inzwischen nuancierter verläuft, liegt wesentlich an den Protesten jüdischer und muslimischer Verbände. Auf deren Druck ging auch
die Anhörung von Experten und Vertretern beider Gruppen zurück, die letzte Woche im Parlament stattfand. Daniel Ritsma, Verwaltungsmitglied der orthodoxen Nederlands-Israëlitisch Kerkgenootschap (NIK), bemängelte dort, dass es erst kurz vor der Abstimmung zu einem ernsthaften Dialog komme. Ritsma be-tonte, niederländische Juden seien bereit, zum Tierschutz beizutragen, verwehrte sich aber gegen «populistische Parolen». Binyomin Jacobs, der Leiter des niederländischen Rabbiner-Kollegs, sagte, ein Verbot treffe auch Juden, die nicht koscher ässen.

Fundamentale Unsicherheit

Am deutlichsten wurde Joël Serphos, der Vorsitzende der jüdischen Jugendorganisation CIJO. «Die heutige Debatte lässt uns als junge jüdische Niederländer zweifeln, ob es hier für uns eine Zukunft gibt.» Damit ordnete er die Situation in einen Kontext ein, in dem das Schechita-Verbot durch die deutschen Bestatzer 1940 nicht der einzige negative Referenzpunkt ist.Vielmehr fällt die Debatte in eine Periode fundamentaler Unsicherheit unter den Juden des Landes.
Auf den Punkt brachte diese Stimmung Ende letzten Jahres der in Amsterdam geborene israelische Publizist Manfred Gerstenfeld. In seinem Buch «Der Verfall» zeichnete er das finstere Bild eines Landes, in dem der Antisemitismus immer mehr an Boden gewinnt. Die alltäglichen Erfahrungen vieler der etwa 50 000 niederländische Juden decken sich mit diesem Befund. Gerade in Amsterdam, wo die grösste jüdische Bevölkerungsgruppe lebt, ist ein orthodoxes Erscheinungsbild oder schon eine Kippa genug, um in manchen Vierteln beleidigt, bespuckt oder angegriffen zu werden. Manche Jugendliche bedecken ihre Kippa mit einer Baseballmütze, um dem Hass zu entgehen. Letzten Sommer schlug der marokkanisch-stämmige Sozialdemokrat Ahmed Marcouch daher vor, sogenannte «Lockjuden» einzusetzen – als Orthodoxe verkleidete Polizisten – um gegen den alltäglichen Antisemitismus vorzugehen.

Steigender Antisemitismus

Das Israel- Informations- und Dokumentationszentrum (CIDI) in Den Haag, das antisemitische Vorfälle archiviert, weist seit Jahren auf rapide steigende Zahlen hin. Im letzten Bericht von 2010 findet sich das Beispiel eines jungen Juden aus Rotterdam, der innerhalb eines Monats an elf Tagen beschimpft oder bedroht wurde. Die Täter waren wie üblich meist muslimische Jugendliche oder junge Männer. Das CIDI bestätigt allgemein einen Bezug zum Israel-Palästina-Konflikt. Gerade während des Gaza-Kriegs verzeichnete man eine starke Zunahme antisemitischer Vorfälle.
Es ist dieser Hintergrund, vor dem Joël Serphos warnte: «Der Gesetzesentwurf reicht weiter als die faktische Un¬möglichkeit, koscheres Fleisch zu produzieren.» Noch einen weiteren Apekt brachte der junge Funktionär zur Sprache. «Solange die heutige Betäubungspraktik der regulären Schlacht die Alternative ist, rufen wir auf, während des gesamten Lebenszyklus das Tierwohl zu verbessern.» Serphos folgerte: «Es ist ein koscheres Leben, das zählt, nicht allein ein koscherer Tod.»   



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