Die Lesbe von Damaskus
Am 6. Mai publizierte die britische Zeitung «The Guardian» einen Artikel mit dem Titel: «Lesbe von Damaskus wird zur Heroin der syrischen Revolution». Es handelte sich dabei um die 34-jährige, syrisch-amerikanische Amina Abdallah, die auf ihrem Blog über ihr Leben als Homosexuelle im konservativen Syrien berichtete. Am 26. April schilderte sie, wie Kollaborateure der syrischen Geheimpolizei zu ihr nach Hause gekommen seien um sie festzunehmen, jedoch von ihrem mutigen Vater davon abgehalten worden waren. Kurz darauf tauchten Vater und Tochter in den Untergrund ab. Gleichzeitig wurden die globalen Medien zunehmend auf Aminas Geschichte aufmerksam. Zehn Tage später beschrieb ein von Aminas Cousine Rania veröffentlichter Eintrag, wie diese von maskierten Männern in einen Bus gezerrt worden sei und seitdem verschwunden ist. Eine Petition auf Facebook zu ihrer Befreiung gewann innert Stunden zehntausende Mitglieder, während Medienkommentatoren die Brutalität des Regimes anprangerten. Nachdem ein Journalist vergeblich versucht hatte, Aminas Bekannte und Freunde aufzuspüren, entpuppte sich diese als Hoax. Hinter der online-Identität der damzenischen Lesbe stand der in Schottland lebende Tom MacMaster, ein amerikanischer Student, der den virtuellen Charakter geschaffen hatte um dem «Puls der syrischen homosexuellen Szene näher zu kommen».
Keinen Dienst erwiesen
Mit der Erschaffung von Amina Abdallah hat MacMaster der homosexuellen Szene in Syrien sicherlich keinen Dienst erwiesen. Es erlaubt dem syrischen Regime, seine Repressionen gegen Gegner unter dem Vorwand des westlichen Medienkomplotts mit noch härterer Gewalt durchzuführen. Andererseits zeigt die Geschichte aber auch den Umgang globaler Medien mit Informationen auf dem Internet, sowie deren simplistische Darstellung der Ereignisse in der arabischen Welt. Die Metapher des «arabischen Frühlings», die sich in unserem Diskurs durchgesetzt hat, zeichnet dabei ein romantisches, mit orientalistischen Schnörkeleien verziertes Bild, wonach sich die Araber nach jahrhundertelanger Demütigung überall gegen ihre Tyrannen erheben. Der «arabische Frühling» im Sinne einer revolutionären, von allen Gesellschaftsklassen getragenen, spontanen Volksbewegung liefert eine leicht verdauliche Begründungen für die Aufstände in verschiedenen Teilen des Nahen Ostens. Dabei werden jedoch die spezifischen sozio-ökonomischen und politischen Partikularitäten verschiedener Länder ausgeblendet.
Sorge der Minderheiten
Syrien ist eines der besten Beispiele für die kulturelle und soziale Vielfältigkeit der arabischen Welt. Heimat einiger der ältesten Zivilisationen der Menschheitgeschichte war Syrien von jeher ein Vielvölkerstaat. Nach den islamischen Eroberungen im siebten Jahrhundert war Damaskus während fast einem Jahrhundert Sitz des umayyadischen Kalifen. Unter osmanischer Herrschaft wurden die Grenzen Syriens zu der Grossprovinz «Sham» ausgeweitet, welche Teile der heutigen Türkei und des Iraks, sowie Jordanien, Israel, das Westjordanland und den Gazastreifen umfasste. Das heutige Syrien bildet eine geographische, kulturelle und wirtschaftliche Einheit, in der Menschen unterschiedlicher Ethnien (Araber, Kurden und Türken) und Konfessionen (Sunniten, Schiiten, Alawiten, Druzen, Christen und sogar kleine jüdische Gemeinden) seit jeher zusammenleben. Zahlreiche Syrer, vor allem Angehörige der Minderheiten, befürchten, dass eine Destabilisierung der politischen Situation zu einer sektiererischen Desintegration des Landes führen könnte.
Hohe Stellung der Alewiten
Die urbane Mittelklasse ist am allerwenigsten an einem Umsturz der bestehenden Verhältnisse interessiert. Zwar hat die Teuerung der Lebensmittelpreise alle Länder des Nahen Ostens ähnlich hart getroffen. In einer Region, in der über zwei Drittel des Weizenkonsums aus dem Ausland importiert wird, sind die Menschen der Preisvolatilität von Grundnahrungsmitteln stark ausgesetzt. Dennoch erlebte Syriens Bourgeoise aufgrund von ausländischen Investititonen und einer Reform des Bankenwesens in den letzten Jahren eine deutliche Verbesserung ihres Lebensstandards. Der städtische Mittelstand, der im Falle einer Destabilisierung schwere wirtschaftliche Verluste erleiden würde, steht daher weitgehend hinter der Regierung. Dies erklärt auch, warum sich Massenproteste bisher noch nicht auf grosse urbane Zentren wie Damaskus oder Aleppo ausgeweitet haben, sondern weiterhin an der Peripherie stattfinden.
Darüber hinaus spielt die Machtstellung der Alawiten in Syrien eine besodners wichtige Rolle. Die Alawiten, Angehörige einer heterodoxen schiitischen Sekte, machen ungefähr zwölf Prozent der Bevölkerung aus. Ihre Machtstellung geht auf den Ersten Weltkrieg zurück, als die französische Kolonialarmee Alawiten rekrutierte um ein Gegengewicht zur sunnitischen Mehrheit zu bilden. Mit der Machtergreifung im Jahr 1970 durch Hafez al-Asad, dem Vater des Präsidenten, sicherte sich eine kleine Clique die politische, militärische und wirtschaftlich Kontrolle. Anders als in Ägypten, wo die Armee eine von der politischen Macht unabhängige Institution bildet, oder in Lybien, wo Stammesstrukturen die Loyalität der Armeeführung bestimmen, ist die militärische Macht in Syrien stark ins politische Herrschaftsgefüge eingebunden. Alawiten und deren sunnitische Verbündete besetzen zentrale Posten in der Kommandostruktur des Militärs, des Intelligenzapparates und der politischen Führung. Wie die rund 1200 zivilen Todesopfer zeigen, ist die Herrscherclique inkompetent, paranoid und brutal. Dennoch erfreut sich Asad in Syrien und der arabischen Welt aufgrund seiner anti-israelischen Politik weiterhin einer grossen Beliebtheit. So fand am 15. Juni in Damaskus eine (international nur wenig mediatisierte und von al-Jazira überhaupt nicht erwähnte) pro-Regierungsdemonstration hunderttausender Menschen für die nationalen Einheit statt.
Offene Zukunft
Hinter den Unruhen in Syrien steht demnach nicht ein Verlangen breiter Bevölkerungsschichten nach einem Sturz der Ordnung. Dies wirft die Frage auf, aus welchen Gruppen sich die Opposition denn eigentlich zusammensetzt. Bei näherer Betrachtung scheint diese fragmentiert: Zunächst ist da die weitgehend gesichtslose virtuelle Opposition auf sozialen Netzwerken und Blogs, bestehend aus (oft im Ausland lebenden) online-Aktivisten. Daneben gibt es die Opposition im Ausland, eine aus verschiedenen politischen Couleurs und sozialen Strömungen bestehende, lose Gruppierung von Assad-Gegnern mit unterschiedlichen Motivationen und Zielen. Anfang Juni verabschiedeten Repräsentanten der Exilopposition im türkischen Antalya eine Deklaration, die den Sturz des Regimes forderte, sich sonst jedoch auf keine konkrete Vorstellung über die Zukunft des Landes einigen konnte.
Innerhalb Syriens lassen sich die Demonstranten in drei Kategorien einteilen. Einerseits sind da die verarmten Bauern und der untere Mittelstand, die aufgrund jahrelanger Trockenzeit und steigender Lebensmittelpreise verarmt sind. Daneben existiert eine grosse Zahl gut ausgebildeter junger Menschen, die nach dem Universitätsabschluss keine Aussicht auf Arbeit haben, was ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft erschwert. Wie überall in der arabischen Welt ist die Jugendarbeitslosigkeit auch in Syrien der Hauptmotor der Demonstrationen. Angehörige dieser zwei Gruppen sind grösstenteils sekulär und fast immer friedlich. Sie fordern wirtschaftliche, administrative und agrarische Reformen, politische Freiheiten und den Respekt ihrer Menschenwürde. Diesen Teil der Bevölkerung hat Assad zu gewinnen versucht, als er im April verschiedene Reformpakete verabschiedete, das seit 1962 bestehende Notstandgesetz ausser Kraft setzte und die Löhne für Staatsangestellte um 30 Prozent erhöhte.
Machtpolitische Interessen
Die dritte Gruppe von Demonstranten setzt sich aus verschiedenen islamistischen Strömungen zusammen, wie den Mashreq-Salafisten, den dem saudischen Wahhabismus nahestehenden Muslimbrüdern, sowie ausländischen Söldnern und Jihadisten. Diese Gruppe ist bewaffnet und gewaltbereit, und nutzt das Klima des arabischen Frühlings bewusst aus, um eine westliche Intervention im Stile Lybiens zu provozieren. Zahlreiche arabische Berichte belegen, wie sich bewaffnete Islamisten beispielsweise in Deraa, wo der syrische Aufstand seinen Ursprung hatte, nach dem Freitagsgebet unter friedliche Protestierende mischten, diese aufpeitschten und dann aus ihrer Mitte auf die Sicherheitskräfte schossen. Die Proteste, sowie die undiskriminierte Antwort der Sicherheitskräfte wurden dabei gefilmt, aufs Internet geladen und danach von internationalen Medien als «Augenzeugeberichte» aufgenommen.
Hinter dem ganzen Medienrummel verbergen sich machtpolitische Interessen, die den Islamisten in Syrien logistische, finanzielle und mediale Unterstützung gewähren. Bewaffnet werden die Aufständischen in erster Linie durch Saudi Arabien, dem die pro-iranische Politik Syriens seit Langem ein Dorn im Auge ist. Inwieweit die U.S. Regierung in die Finanzierung der Aufständischen verwickelt ist, bleibt dahingestellt. Sicher ist, dass das amerikanische Aussenministerium die Opposition durch den von Exilsyrern gesteuerten Fernsehsender Barada TV zumindest auf propagandistischer Ebene unterstützt, wie ein Artikel in der «Washington Post» vom 18. April zeigt. Die Hauptaufgabe der anti-Assad-Propaganda fällt dagegen dem durch die Regierung Qatars gesponserten Fernsehsender al-Jazira zu. Dieser füttert globale Medienhäuser mit einseitiger, den politischen Absichten des saudischen Königshauses gefälliger Information und sorgt dafür, dass sich die Weltöffentlichkeit zunehmends gegen das Regime Assads einstellt.
Komplexe Zusammenhänge
Im Moment sieht es nicht so aus, dass die Opposition im Stande wäre, gegen die Macht der alewitischen Regierung um den Präsidenten und seinen Bruder Maher viel auszurichten. Das syrische Militär ist viel zu schlagkräftig und steht (trotz einigen Berichten von einer angeblichen Meuterei) weiterhin geschlossen hinter dem Regime. Auch die Möglichkeit einer internationalen militärischen Intervention ist durch das Veto von Russland und China im Uno-Sicherheitsrat blockiert. Doch die Regierung um den Präsidenten verliert den Propagandakieg auf jeder Ebene. Die Weltöffentlichkeit sieht in Basher Assad zunehmends einen brutalen und repressiven Tyrannen, dessen Truppen unbewaffnete Zivilisten erschiessen. Derweil ist aufgrund der explosiven Situation in Syrien die Implementierung des Reformprogrammes aufgehalten.
Die Menschen in Syrien haben es mit einem repressiven und inkompetenten Regime zu tun, wofür die indiskriminierte Brutalität der Armee ihren besten Beweis liefert. Es ist zu hoffen, dass sie sich über Kurz oder Lang aus ihren autokratischen Herrschaftssystemen lösen und in einem Staat leben werden, der die Freiheit und Würde jedes einzelnen Bürgers garantiert. Doch wie die Geschichte Aminas illustriert sollten wir, die wir am unteren Ende der Informationsnahrungskette stehen, uns hüten komplexe und vielschichtige Zusammenhänge einseitig und pauschalisierend zu erklären.
Victor J. Willi ist ein Fellow des World Economic Forum und arbeitet zurzeit an der Universität Oxford an seinem Ph.D. zu den Muslimbrüdern in Ägypten. Er spricht fliessend Arabisch und hat über zehn Jahre Erfahrung im Nahen Osten.


