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17. Juni 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 24 Ausgabe: Nr. 24 » June 17, 2011

Vom Frühling in den heissen Sommer

Von Jacques Ungar, June 17, 2011
Der «arabische Frühling», wie die Welle der Unruhen in den arabischen Nachbarstaaten Israels gerne genannt wird, geht allmählich in einen «arabischen Sommer» über. Hitzewellen und sengende Flächenbrände treten immer öfter an die Stelle der linden Frühlingswinde und der an Schulausflüge und Rekrutenmärsche erinnernden Demonstrationen zu Beginn des politischen Frühlings in der arabischen Welt.

Israel wurde kaum überrascht von den Entwicklungen in der Nachbarschaft, hatte man in Jerusalem dem «arabischen Frühling» von Anfang an doch im besten Falle Zurückhaltung und Misstrauen entgegengebracht. Sorge bereitet höchstens die Erkenntnis, dass die Araber nichts unterlassen, um Israel auch dann den Schwarzen Peter zuzuschieben, wenn die Argumentation den Eindruck erweckt, extrem an den Haaren herbeigezogen zu sein. Hauptsache, so scheint die arabische Welt sich zu sagen, man kann dem ohnehin schon angeschlagenen internationalen Image Israels noch ein paar Schläge unter die Gürtellinie mehr verabreichen.



Der Fall Grapel

Diese Haltung manifestiert sich dieser Tage besonders drastisch im Zusammenhang mit dem in Kairo inhaftierten israelisch-amerikanischen Doppelbürger und Studenten Ilan Grapel. Der Mann, der laut Berichten in einem Teil der ägyptischen Presse ein vom Mossad-Geheimdienst in die Nilrepublik geschickter Spion sein soll, macht eher den Eindruck, ein leicht trotteliger Naivling zu sein, wie dies diverse Zeitungen in Kairo offen zugeben. Zusammen mit amerikanischen Kollegen arbeiten israelische Diplomaten fieberhaft daran, Grapel freizubekommen, und man darf davon ausgehen, dass die ägyptischen Machthaber früher oder später einen Weg finden werden, um den Pelz zu waschen, ohne in nass zu machen. In einem Kommentar am Mittwoch sieht die «Jerusalem Post» in dem Fall einen weiteren Beweis für den «negativen Trend», der in Kairo seit dem Umsturz die Beziehungen zu Israel bestimmt. Zusammen mit der Annäherung Ägyptens an Iran und die sich verbessernden Beziehungen Kairos zur Hamas bereitet aber auch die auf den ersten Blick lächerliche Affäre Grapel Sorgen und Misstrauen in Jerusalem. Hier scheint man davon überzeugt zu sein, das heutige Regime in Kairo lasse nichts unversucht, Israel die Verantwortung für die gegenwärtige Instabilität im eigenen Land in die Schuhe zu schieben. Und dann kommt natürlich ein Mann wie Grapel wie gerufen, der in seinen Unterhaltungen in Ägypten keinen Hehl daraus machte, als IDF-Soldat gedient zu haben, und der sogar so weit ging, seinen Gesprächspartnern in aller Öffentlichkeit Hebräisch beibringen zu wollen. All dies ist dazu angetan, die Beziehungen zwischen Kairo und Jerusalem noch eisiger zu gestalten, macht aus dem Inhaftierten aber noch lange keinen Meisterspion. Wer mit einer raschen Freilassung Grapels rechnet, sollte daran denken, dass die Ägypter in der Vergangenheit bereits mehr als einmal aus politischen Motiven Geschichten über den Mossad konstruiert haben. Am bekanntesten ist wohl das Schicksal des israelischen Drusen Azzam Azzam, der als israelischer «Wirtschaftsspion» acht Jahre im ägyptischen Gefängnis sass, wo der Beduine Ouda Tarabin aus gleichen Gründen seit über zehn Jahren auf seine Haftentlassung wartet. Während man diese Fälle als «tragisch» bezeichnen kann, entbehrte es nicht einer gewissen Lächerlichkeit, wie die Ägypter vor einiger Zeit allen Ernstes behaupteten, der Mossad habe Haie an die ägyptische Sinai-Küste geschickt, damit sie dort Touristen angriffen und so eine der wichtigsten Einnahmequellen der Nilrepublik schädigten.

Konfliktherde

Die Motivation hinter der Verbreitung solcher Mos-sad-Geistergeschichten ist klar: Man versucht, von den Problemen im eigenen Land abzulenken. Was ist leichter, als sich dabei des Erzfeindes Israel zu bedienen? Ein am Mittwoch veröffentlichter, im Namen von Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon unterzeichneter Bericht enthüllt, dass Syrien den Demonstranten am Golan sowohl am 15. Mai (Nakba-Tag zur Erinnerung an die israelische Staatsgründung 1948) als auch einen Monat später (Naksa-Tag zur Erinnerung an den Sechstagekrieg) nahegelegt hat, bei einer allfälligen Überquerung der Waffenstillstandslinie mit Israel weder Waffen noch persönliche Ausweise bei sich zu tragen. Allerdings beschuldigt der Uno-Bericht Damaskus nicht direkt, die Demonstranten zur Verletzung der Grenzlinie angehalten zu haben.
Israelische Politiker machen je länger, desto weniger eine Mördergrube aus ihren Herzen, wenn es um den syrischen Präsidenten Bashar Assad geht. Dieser habe «seine Legitimität verloren», meinte etwa Verteidigungsminister Ehud Barak an einer Pressekonferenz in China unter Anspielung auf das drastische Vorgehen der syrischen Soldaten gegen Oppositionelle, von denen bereits an die 10 000 in die Türkei geflohen sind. Auch Aussenminister Avigdor Lieberman äusserte sich diese Woche im gleichen Sinne.

Sorge um «Solidaritätsflotille»

Neben den genannten potenziellen Konfliktherden gibt es zahlreiche weitere. So erwarten die israelischen Politiker mit wachsender Unruhe die Beschlüsse über die «Soldaritätsflotille», die am 25. Juni in Richtung Gaza in See stechen soll. Dem Vernehmen nach haben nun auch die Amerikaner den Druck auf die Türkei erhöht, für eine Annullierung des Projekts zu sorgen. In Washington verhehlt man die Befürchtungen nicht, eine erneute Krise zwischen den Türken und den Israeli könnte den siegreich aus den letzten Wahlen hervorgegangenen türkischen Premierminister Reccep Tayyip Erdogan noch weiter in die offenen Arme Teherans drängen. Laut «Yediot Achronot» wird Präsident Barack Obama schon sehr bald höchst persönlich bei Erdogan intervenieren, um eine Annullierung der Flotille zu erzwingen. Israel seinerseits bereitet sich auf alle Eventualitäten vor und hat den Ernstfall bereits auf hoher See im Manöver trainiert.
Ebenfalls nicht gerade beruhigend wirken israelische Presseberichte, die von Scud-Raketen mit einer Reichweite bis Eilat am Roten Meer sprechen, über die die libanesische Schiitenmiliz Hizbollah nach Ansicht westlicher Geheimdienstkreise verfügen soll.
Der Weg vom arabischen Frühling zum heissen Sommer liegt hinter uns, und die Strecke bis zum palästinensischen PR-Feuerwerk im September am Uno-Hauptsitz wird stets kürzer. Israels Politiker sollten einen Zahn zulegen, sowohl im Denken als auch im Handeln.   



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