Prinz Turkis Brandbrief
Abrechnung. Prinz Turki al-Faisal hat der amerikanischen Nahost-Politik jüngst «verfehlte Bevorzugung Israels» vorgeworfen. Der Neffe des saudischen Königs Abdullah hat sein Land jahrelang in Washington repräsentiert und verfügt dort eigentlich über exzellente Kontakte. Nun hat Turki al-Faisal mit der saudischen Tradition gebrochen, seinen Einfluss hinter geschlossenen Türen geltend zu machen: Die Abrechnung des Prinzen mit der Obama-Regierung war in einem Meinungsbeitrag für die Washington Post zu lesen.
Drohung. Dies allein stellt bereits einen erstaunlichen Vorgang dar. Der Inhalt des Beitrags mutet schlichtweg alarmierend für die USA an. Prinz Turki greift zunächst Barack Obamas Erklärung vom Mai auf, ein Friede im Palästina-Konflikt sei nur in den – leicht modifizierten – Grenzen vor dem Sechstagekrieg von 1967 vorstellbar. Dem stellt er Bin¬yamin Netanyahus klare Absage an diesen auch von der Uno mehrfach bekräftigten Grundsatz gegenüber, ehe er Obama Unfähigkeit, eine «konstruktive Rolle in der Lösung des Konflikts zu spielen», unterstellt: Der Präsident sei angesichts der bevorstehenden US-Wahlen 2012 nicht willens, sich gegen den Einfluss Israels im Kongress durchzusetzen. Dann warnt der Prinz Obama vor dem Blockieren des Versuches, die Uno im September zur Anerkennung eines unabhängigen Palästinenserstaates zu bewegen: Es könne nicht angehen, dass der Präsident von Selbstbestimmung für die arabische Welt spreche und diese den Palästinensern verweigere. Zudem dürften die amerikanische Innenpolitik und israelische Intransigenz das Recht der Palästinenser auf eine menschenwürdige Zukunft nicht blockieren. Ein amerikanisches Veto im Sicherheitsrat hätte verheerende Folgen für das amerikanisch-saudische Verhältnis.
Auf diese Drohung setzt Prinz Turki noch eine weitere an die Adresse Israels: Vor 1967 hätten die Araber «Nein zum Frieden gesagt und dann ihre Quittung bekommen». Nun seien die Israeli die Neinsager und er hoffe, nicht zusehen zu müssen, wenn Israel dafür die Rechnung serviert werde.
Bruch? Die zweifache Kampfansage hat in den USA ein merkwürdig geringes Echo gefunden und wird meist als durchsichtiger Versuch Riads abgetan, innere Kritik am Königshaus unter dem Vorzeichen des «arabischen Frühlings» auf die bequeme und bewährte Zielscheibe Israel abzulenken. Aber die Saudis haben sich hier auf eine Weise aus dem Fenster gelehnt, die im September bei dem zu erwartenden amerikanischen Veto ein Zurückrudern undenkbar macht. Damit wäre nach 70 Jahren engster und für beide Seiten enorm wertvoller Freundschaft ein Bruch zwischen den USA und Saudi-Arabien vorprogrammiert. Dies ist allein angesichts der saudisch-iranischen Antagonie und der Ausstattung der saudischen Streitkräfte mit amerikanischen Waffen schwer vorstellbar. Aber Experten wie der ehemalige Pentagon-Geheimdienstler Patrick Lang weisen schon seit einiger Zeit darauf hin, dass China westliche Staaten bereits als wichtigste Käufer saudischen Öls abgelöst hat und Riad es Obama nicht verzeiht, dass er den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak hat fallen lassen. So könnte die seit 1945 währende Vorherrschaft Amerikas im Nahen Osten bald zur Disposition stehen. Was danach kommt, ist schwer vorstellbar.


