Musikalisches Weltformat auf Masada und in Jerusalem
Füssen der Wüstenfestung Masada am Toten Meer, wo die Opernfreunde sich während des Festivals Giuseppe Verdis «Aida» zu Gemüte führen konnten
Zwischen dem 1. und dem 12. Juni stand die israelische Kunst- und Kulturszene ganz im Banne des Opernfestivals zu Füssen der Festung Masada am Toten Meer. Nachdem das Festival schon letztes Jahr mit Giuseppe Verdis Oper «Nabucco» einen die Landesgrenzen klar sprengenden Erfolg verzeichnet hatte, sollte die diesjährige Auflage mit der Aufführung von «Aida» nicht hintanstehen. Und die Kombination von höchstem künstlerischem Können, manifestiert durch den Dirigenten Daniel Oren ebenso wie durch die von der amerikanischen Sopranistin Kristin Lewis meisterhaft verkörperte äthiopische Sklavin Aida, durch Hohepriester Ramfis (Paata Burchuladze), durch das Israelische Symphonieorchester Rishon Lezion oder den Tel Aviver Philharmonischen Chor mit der natürlichen Umgebung der majestätisch sich vor dem Toten Meer erhebenden Wüstenfestung Masada, sorgte dafür, dass der Erfolg von «Nabucco» 2010 in «Aida» dieses Jahr einen würdigen Mitkonkurrenten fand. Mit Spannung darf man auf den 7., 9. und 10. Juni 2012 warten darf, wenn George Bizets «Carmen» das «pièce de résistance» des Festivals sein wird. Zweifelsohne werden auch die tragischen Darbietungen des nächsten Jahres rund um das französische Fabrikmädchen bereichert werden durch ausgeklügelte Anwendungen von Licht- und Lasereffekten, die sich harmonisch nahtlos in die abwechselnden Bilder von Wüstensand, Meer und Felsenformationen einfügten. Nicht unerwähnt bleiben sollen die guten Kritiken, die Verdis ebenfall bei Masada aufgeführtes «Requiem» ergatterte.
Jerusalem mischt mit
Die diesjährige Auflage des Opernfestivals lässt sich insofern nicht unbedingt mit seinem Vorgänger vergleichen, als dass 2011 auch die Stadt Jerusalem in die Aktivitäten miteinbezogen wurde. Hervorstechend war dabei die im Sultan’s Pool mit seinen nahezu 5000, stets ausverkauften, Sitzen zur Aufführung gelangende Verdi-Oper «Jerusalem» unter dem Dirigenten David Stern und mit dem Jerusalemer Symphonieorchester. War «Aida» bei Masada eine Coproduktion mit den französischen Chorégies d’Orange, stand die erstmals überhaupt in Israel aufgeführte Oper «Jerusalem» – eine in Kreuzritter-Intrigen eingebettete Liebes- und Eifersuchtsgeschichte mit leicht vorherzusagenden Ergebnissen – ganz unter dem Eindruck des Chors der Transsilvanischen Philharmonie aus der Stadt Cluj. Ein mit gekonnten Wechseln digitaler Fotografien höchst wirkungsvoll gestaltetes Szenen- und Kulissenbild zog das Publikum schon rasch in seinen Bann, und die harmonischen Arien und Duette «verschluckten» den Lärm des sich an der
Altstadtmauer und der Cinematheque vorbeiwälzenden Strassenverkehrs mit zunehmender Dauer der Oper mehr und mehr. Weil «Jerusalem» seit der Uraufführung in Paris im November 1847 nie mehr in voller Länge zu sehen war, konnte der Oper eine gewisse Frische und Unverbrauchtheit nicht abgesprochen werden. Durchaus denkbar, dass die eine oder andere Melodie oder Arie im Laufe der Jahre den gängigen «Gassenhauern» aus «Aida», «Nabucco» oder «La Traviata» ernstzunehmende Konkurrenz machen wird.
Musikalischer Leckerbissen
Ein ganz besonderer musikalischer Leckerbissen wartete schliesslich in Form des Gala-Opernkonzertes des Orchesters Arena di Verona im Sultan’s Pool auf das Publikum. In atemberaubender Folge lösten sich Melodien Giuseppe Verdis, Gioacchino Rossinis, Giacomo Puccinis, Francesco Cileas und Pietro Mascagnis ab. Die Darbietungen waren auf derart hohem Niveau, dass die Musiker und Sänger am laufenden Band Szenenapplaus erhielten. Zu nennen wären vor allem Mariana Pentcheva (Mezzosopran), Stefano Secco (Tenor) und Svetla Vassileva (Sopran).
Nicht zuletzt wegen lautstarker Proteste ultraorthodoxer jüdischer Extremisten machten die Konzerte mit Sakralmusik in Kirchen der Jerusalemer Altstadt, aber auch im Davidsturm-Museum vor allem politisch-ideologische Schlagzeilen, womit ihnen aus musikalischer Sicht bestimmt Unrecht widerfahren ist.
Festival im Aufschwung
2010 sahen über 42 600 Opernfreunde eine der drei Aufführungen von «Nabucco», und dieses Jahr zählte man bei «Aida» bereits 45 600 Anwesende. Nicht ausgeschlossen, dass 2012 mit «Carmen» die Grenze von 50 000 durchbrochen werden wird. Das israelische Opernfestival Masada/Jerusalem zeigt einen klaren Aufwärtstrend, und wer weiss: Vielleicht lernt auch das israelische Publikum im Laufe der Jahre den Verhaltenskodex bei Opern und Konzerten zu beherzigen. Hält man sich allerdings vor Augen, dass Einheimische die lärmigen Holztreppen im Sultan’s Pool auch bei den schönsten Arien unbekümmert hinauf- und herabstiegen, dass beim auf 20.30 Uhr festgesetzten Beginn von «Jerusalem» die Sitzreihen noch kaum zur Hälfte besetzt waren, dass die Leute die rechtzeitig erschienenen Touristen mit ihrem verspäteten Einlaufen rücksichtslos störten und dass Hunderte von Zuschauern (wahrscheinlich hatten sie Gratis¬tickets bekommen) «Aida» vor dem eigentlichen Ende verliessen, weil sie entweder müde waren oder ihnen die Geduld ausgegangen war – dann allerdings stelle man sich besser auf einen mehrjährigen Lernprozess der Einheimischen mit ungewissem Ausgang ein.


