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17. Juni 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 24 Ausgabe: Nr. 24 » June 17, 2011

Brennender Neid

Nehemia Shtrasler zur lage in israel, June 17, 2011

Der Israeli leidet unter einer Eifersucht, die ihn wahnsinnig macht. Nichts erzürnt ihn mehr als ein erfolgreicher Mensch. Nichts beeinträchtigt seine Gesundheit so sehr wie ein Mensch, der sehr wohlhabend wird. Er hasst ihn. Er wünscht ihm Misserfolg. Er beehrt ihn mit wenig komplimentvollen Begriffen wie «Tycoon» («Magnat», «Gigant»), nur um ihn zu beleidigen, zu erniedrigen und so lange zurechtzustutzen, bis er fällt und leidet wie er selber.



Der Tod Sammy Ofers, eines der reichsten Männer Israels, zwingt uns alle, in uns zu gehen. Erst vor Kurzem, als die Geschichte mit dem Öltanker für Iran platzte, wurde Ofer sogar als ein Verräter etikettiert, der bereit war, um des schnöden Mammons willen mit den Iranern Geschäfte zu machen. Diese Reaktion erfolgte, noch bevor jemand wusste, was sich wirklich zugetragen hatte. Warum auch nicht? Schliesslich ist es lustig, das Blut eines «Tycoons» zu verspritzen.

Wer «normale» israelische Bürger fragt, wie Ofer sein Vermögen gemacht hat, erhält hinter vorgehaltener Hand die vertrauliche Antwort, Ofer habe die Israel Corporation für einen Pappenstiel vom Staat erworben, was ihn zum reichen Mann gemacht habe. Alles sei nämlich korrupt, jeder handle mit jedem. Und im Zentrum stünden die Beziehungen zwischen dem Staat und der Geschäftswelt.

Effektiv aber hat Ofer sein Vermögen im Ausland gemacht. Erst danach kehrte er nach Israel zurück, um seine Gewinne dort zu investieren. Er wurde dank eines internationalen Schiffereigeschäfts, das überhaupt nichts mit Israel zu tun hat, unermesslich reich: In den späten sechziger Jahren verliess er Israel und liess sich in London nieder, wo er ein sehr erfolgreiches Schiffereiunternehmen gründete. Er ging grosse Risiken ein, nahm riesige Anleihen auf und erwarb Schiffe in Zeiten der Krise, als alle anderen Angst hatten, zu kaufen. Das führte dazu, dass er in den Zeiten des Wachstums gut vorbereitet war. Erst in den neunziger Jahren kehrte Ofer mit seinen Milliarden nach Israel zurück. Zuerst kaufte er die Mizrahi Bank und dann die Israel Corporation.

Die Gebrüder Ofer erwarben die Israel Corporation zudem nicht, ¬¬wie oft behauptet wird, vom Staat, sondern von privaten Besitzern. Sie kauften den Konzern nicht einmal sonderlich billig, denn zur gleichen Zeit versuchte ein grosser, mit Phosphaten handelnder kanadischer Konzern, die Israel Corporation (die ihrerseits Israel Chemicals und Dead Sea Works kontrollierte) aufzukaufen, um sich den globalen Phosphatmarkt zu sichern. Idan Ofer las eine entsprechende Notiz in einer Zeitung und überzeugte seinen Vater, einen höheren Preis zu offerieren. Und so kauften die Ofers die Israel Corporation von den Eisenbergs.
Seither sind zwölf Jahre ins Land gezogen, und die Ofers haben das schlimmste aller Verbrechen begangen: Sie waren erfolgreich. Sie förderten die Israel Corporation und erhöhten den Jahresumsatz von einer auf rund zehn Milliarden Dollar. Ihre Gewinne wuchsen entsprechend als Folge der weltweit wachsenden Nachfrage nach Phosphaten und den steigenden Preisen für diese Güter. Hinzu kam ein besseres Management und ein Wagemut, mit dem Märkte in aller Welt erobert wurden.

Was ist daran auszusetzen? Schliesslich brauchen wir Unternehmer, die Risiken eingehen, Grenzen durchbrechen, Arbeitsplätze schaffen und die Wirtschaft vorantreiben. Das alles heisst natürlich nicht, dass die Familie Ofer sich ausschliesslich aus Unschuldslämmern zusammensetzt. Wir dürfen und müssen sie kritisieren, doch dürfen sie deswegen nicht zu «Räuberbaronen» gestempelt werden, die einzig darauf aus seien, vom Staat immer mehr Vergünstigungen und Profite zu ergattern. Denn erstens entspricht das nicht der Wahrheit und zweitens wäre dies der sichere Weg, das Leben in Israel für jeden Unternehmer, jeden reichen Geschäftsmann und jede Person, die investieren, bauen und entwickeln will, absolut unattraktiv zu machen.

Wir sollten nicht dem Irrglauben verfallen, die Ofers wären ein Einzelfall. Jeder erfolgreiche Geschäftsmann ist in Israel ein passendes Objekt des tiefsten Hasses. Eifersüchtige Menschen möchten am liebsten die Besitztümer des Unternehmers Yitzhak Teshuva konfiszieren, weil er Gas fand. Sie würden auch gerne Lev Leviev eliminieren, weil er in der Krise von 2008 nicht Bankrott erklärte, sondern stattdessen mit Erfolg seinen Konzern Africa-Israel rettete.

Das geflügelte Wort, wonach das Land seine Werte billig abstosse, entspricht nicht der Wahrheit. Wahr hingegen ist, dass der Staat nicht weiss, wie ein Geschäft zu verwalten ist. Deshalb verliert ein Unternehmen Geld, wenn die Werte im Besitz des Staates sind. Die Regierung leidet unter einem Überschuss an Arbeitskraft und unter einer amateurhaften politischen Verwaltung. Erst wenn ein Unternehmen an private Kapitalisten verkauft wird, macht es einen Prozess der Redimensionierung und Modernisierung durch, und dann beginnt es, Profite abzuwerfen. Der Wert des Unternehmens steigt, und dann sagen die Neider: «Schaut, es ist eine Tatsache, dass er die Aktien billig erstanden hat.»

Unsere Neider sind nämlich die eifersüchtigsten Menschen auf der ganzen Welt.   

Nehemia Shtrasler ist Wirtschaftsredaktor bei «Haaretz».



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