Thora aus dem Niemandsland
In Bezug auf das Schawuotfest ist der Aspekt des «Gebens der Thora» zweifelsohne der am meisten herausstechende, sowohl hinsichtlich der Erinnerung als auch der Praxis. Dieser Aspekt des Festes hat, wie auch das Geben der Thora im Allgemeinen, einige überraschende Seiten. So überrascht es, dass die Thora das Geschehen wohl detailliert und sorgfältig beschreibt, dass aber nirgendwo festgehalten ist, an welchem Datum es sich effektiv zugetragen hat. Wir können nur aus den Schriften ableiten, dass es an einem der ersten Tage, oder besser noch in der ersten Woche des Monats Sivan, gewesen sein muss, doch etwas Spezifischeres gibt es nicht. Das Thema des Datums liegt seit vielen Generationen im Dunkeln, und sogar die Weisen der Mischna sind sich nicht einig in der Sache. Das verwundert umso mehr, als die Thora die genauen Daten vieler Ereignisse erwähnt, von denen einige recht trivial sind. Ein bahnbrechendes Ereignis aber wie der Erhalt der Thora ist ohne Datum geblieben.
Träume und Gaukeleien
Ein ähnlicher Mangel an Klarheit besteht auch hinsichtlich des Standortes des Berges Sinai. Die Beschreibung der Thora ist in diesem Punkt verschwommen. Im Lauf der Zeit sind verschiedene Standorte diskutiert worden: von irgendwo im Herzen der Sinai-Halbinsel bis zu einem Ort nördlich von ihr. Alle rabbinischen Quellen aber, wie auch die Schriften, weisen in die gleiche Richtung. Der Quellen zufolge war der Berg Sinai ein niedriger Hügel, keinesfalls ein hoher Berg. Es ist nur logisch, wenn Menschen in romantischen Anwandlungen einen der Gipfel auf der Sinai-Halbinsel als Berg Sinai «identifizieren» wollen, doch all dies sind nur Träume und Gaukeleien. Dieser Mangel an Klarheit hinsichtlich Zeit und Ort des Erhalts der Thora ist von grösster Bedeutung: Der Mangel besagt nämlich, dass das Geben der Thora sich nicht in Dimensionen von Zeit oder Ort definieren lässt.
Die Thora als Einheit
Ein anderer Faktor, der die Definition der Thora ausserhalb von jeder konkreten Definition von Zeit und Ort platziert, ist die Tatsache, dass die Thora nicht im Lande Israel gegeben worden ist, sondern in der Wüste, einem unbewohnten Platz. Die Thora gehört weder dem Land Israel noch irgendeinem anderen Ort: Sie kommt von «jenseits». Es handelt sich um eine Einheit, die nicht mit einer der uns bekannten Dimensionen verbunden ist. In ihrem Wesen transzendiert sie alle Komponenten von Ordnung, Gesetzen und Kontinuität von Zeit und Ort.
All dies definiert die Thora – nicht nur zur Zeit, da sie gegeben wurde, sondern für alle Generationen – als eine Einheit, die vollkommen ausserhalb der Rahmen dieser Welt liegt. Auch die Beschreibung von Gottes Abstieg auf den Berg Sinai zum Zweck des Gebens der Thora unterstreicht diesen Quantensprung, dieses Übersteigen aller Grenzen dieses Ereignisses. Das Geben der Thora wird in unserer Erinnerung effektiv als ein Ereignis ohne Beziehung zu irgendeiner spezifischen Zeit oder einem solchen Ort festgehalten. Wir stehen vor einem Ereignis, das von einer sich total «jenseits» befindlichen Realität herrührt.


