«Für alle, die für den Dialog einstehen»
Er nehme die Ehrung entgegen «für alle, die für den Dialog einstehen», sagte alt Bundesrat Pascal Couchepin in seiner sehr persönlich gehaltenen Dankesrede für die Eintragung ins Goldene Buch des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) (vgl. tachles 22/11). Zuvor hatte ihn die Genfer Nationalrätin Martine Brunschwig Graf in ihrer Laudatio als einen Politiker bezeichnet, «der sich dem Dialog immer offen gezeigt hat und sich seiner eigenen Überzeugungen sicher genug war, um jene der anderen respektieren zu können». Der Walliser Freisinnige führte sein Interesse am Judentum auf seine Lebensgeschichte zurück. Dies sei ihm bewusst geworden, als er im Hinblick auf einen Umzug kürzlich sein Büchergestell entrümpelt habe und dabei auf 50-jährige Bücher über Israel gestossen sei. Er gehöre einer Generation an, «für die Israel die Emotionen weckte». Auch erinnerte er sich an amerikanische jüdische Autostopper aus jener Zeit, mit denen er sein Interesse an der Geschichte habe teilen können.
«Viele Blessuren»
Zur aktuellen politischen Stimmung in der Schweiz bekannte Pascal Couchepin, das Stimmvolk habe ihm in letzter Zeit «einige Enttäuschungen» bereitet, und er hoffe, dass die Schweiz das Klima der Intoleranz überwinden werde. Er nahm auch Bezug auf seine Verbundenheit mit Alfred Donath, der posthum ebenfalls mit dem Eintrag ins Goldene Buch des SIG geehrt wurde. Gemeinsam hätten sie die Aufhebung des Schächtverbots in die Wege leiten wollen, doch sei dieses Vorhaben dann angesichts der aufgekommenen Polemik fallen gelassen worden, da auch ein allfälliger Sieg in der Volksabstimmung «viele Blessuren» hinterlassen hätte. Auch in der Laudatio für den vor bald einem Jahr unerwartet verstorbenen Alfred Donath hob Martine Brunschwig Graf seinen Kampf gegen das Schächtverbot hervor: «Man kann nur bedauern, dass er sich unter dem Druck des latenten
Antisemitismus gezwungen sah, diesen Kampf ruhen zu lassen.» Von Mut habe sein Einsatz für die Aufdeckung von Unregelmässigkeiten im jüdischen Weltkongress gezeugt, und auch der Anstoss zur Gründung des Schweizerischen Rats der Reli-gionen habe damals Mut erfordert. Sein Vater hätte sich über die Ehrung seitens «seines» SIG sehr gefreut, meinte Marc Donath in seinen Dankesworten.
«Reale Gefahr»
In seiner einleitenden Tour d’Horizon gab auch SIG-Präsident Herbert Winter seiner Sorge über das politische Klima in der Schweiz Ausdruck. Die Gefahr, dass durch Volksinitiativen religiöse Grundrechte «geritzt oder gar über Bord geworfen» werden könnten, sei «absolut real». Zu den Errungenschaften der Bundesverfassung von 1874 gehöre es, dass jedermann seine Eigenart bewahren und auch zeigen dürfe, denn Integration sei nicht gleich Assimilation. Im gegenwärtigen Wahljahr könnten nun aber «diffuse Ängste» instrumentalisiert werden, was «eine gefährliche Tendenz weiter schüren» würde: «Denn wie der Minarett-Initiative keine Flut neuer Minarett-Bauwerke zugrundelag, so sind auch die Debatten um Kopftücher, Friedhöfe, Knabenbeschneidung oder Schulabsenzen an religiösen Feiertagen vielfach Scheingefechte, die dem Stimmenfang dienen oder schlicht das Werk übereifriger Bürokraten.» Der SIG werde sich auch in Zukunft «für die Wahrung der fundamentalen Grundrechte, insbesondere der Religionsfreiheit» einsetzen, so auch in der Diskussion um die Normen für die Gültigkeitserklärung von Volksinitiativen.
Von einer «latenten Gefährdung der Religionsfreiheit» und einer «realen Gefahr für die freie Religionsausübung» sprach auch Rolf Halonbrenner (Zürich), in der SIG-Geschäftsleitung zuständig für religiöse Angelegenheiten, bei der Diskussion des Jahresberichts am Donnerstag. Dabei bezog er sich unter anderem auf aktuelle Stellungnahmen von Zürcher Kirchen- und Schulbehörden, welche religiöse Gründe für Dispensationen grundsätzlich in Frage stellten. Er führte dies auf eine allgemeine Entfremdung gegenüber religiösen Werten zurück.


