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Juni 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 6 Ausgabe: Nr. 6 » June 3, 2011

Euphorie und Enttäuschung

Von Walter Laqueur, June 3, 2011
Der «arabische Frühling» könnte zur Herrschaft islamistischer Bewegungen und damit zu neuen Krisen führen.
OESSIMISTISCHE PROGNOSE Ausser der Wut auf Mubarak verbindet die Jugendlichen auf dem Tahrir-Platz und den Rest der Ägypter nicht viel


Es sind gerade 100 Tage her seit dem Beginn des Völkerfrühlings in der arabischen Welt, dem grossen Aufstand der arabischen Jugend gegen Diktatur und Korruption. Das war die Zeit des Enthusiasmus und der Euphorie, als eine Million Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo im Mittelpunkt des Weltinteresses standen. Und nicht zu Unrecht, nach Jahrzehnten der Unterdrückung war der Bann der Furcht gebrochen. Die verhassten Diktatoren waren verjagt worden, ohne dass es zu einem Blutvergiessen gekommen war. Es schien nahezu ein Wunder, ein Wendepunkt in der Weltgeschichte, der Anfang vom Ende aller Despotie. Man fühlte, wie es der englische Dichter zur Zeit der französischen Revolution geschrieben hatte: «Bliss was it to be alive», oder wie es bei Ulrich von Hutten hiess: «Es war eine Lust zu leben.»
Doch nach den Tagen der grossen Begeisterung kamen die ersten Zweifel: In Ländern wie Libyen, Syrien und Jemen wurde weiter gekämpft und mehr und mehr Menschen fragten: Was kommt danach? Die internationalen Medien schrieben immer weniger über die glorreiche Revolution; jetzt nannte man es immer häufiger «Umwälzungen in der arabischen Welt».
Nehmen wir als Beispiel Ägypten, das bei weitem wichtigste Land in der arabischen Welt. Heute liegt die Macht weiter in den Händen des Militärs und nach den Wahlen im kommenden September wird es, wie anzunehmen ist, eine demokratisch gewählte Regierung geben. Kaum jemand bezweifelt, dass in dem frei gewählten Parlament die Muslimbruderschaft eine Mehrheit haben wird, und wenn sie nicht allein dort sitzen wird, dann zusammen mit einer Anzahl anderer Islamisten oder der Wafd, der traditionellen säkularen Partei, die zu einer Zusammenarbeit durchaus bereit ist. Der nächste Präsident Ägyptens wird bestimmt kein junger Revolutionär sein, sondern ein älterer Herr, der mit dem vorherigen Regime nie ernsthaft gebrochen hat. Seine Radikalität wird sich darin ausdrücken, dass er zwar den Friedensvertrag mit Israel nicht gänzlich wird annullieren wollen, aber versuchen wird, diesen wesentlich zu Ägyptens Gunsten zu modifizieren. Das wird ihm bestimmt im Lande nicht schaden, allerdings Ägypten auch nicht viel nützen.
Nun ist die Muslimbruderschaft keineswegs mit Bin Laden identisch, der wie seine Anhänger aus dieser Bewegung hervorging. Die Islamisten, die bereits im Voraus auf den Posten des Präsidenten verzichtet haben, wollen auf friedlichem Wege die Macht erringen. Sie sind bereit, mit anderen Kräften zusammenzuarbeiten, doch danach kommen «musharaka» und «mughlaba», also die Eroberung der Macht und die Errichtung einer islamischen Staatsordnung. Der berühmte zweite Paragraph in der ägyptischen Verfassung (der Paragraph erklärt die islamische Gesetzgebung, die Scharia, zur Rechtsgrundlage des Staates) wird also nicht abgeschafft, sondern eher verstärkt werden. Weder Frauen noch nationale und religiöse Minderheiten wie die Kopten haben viel zu erwarten. Die Aussenpolitik eines solchen Staates wird eher gegen den Westen gerichtet sein und auf enge Zusammenarbeit mit anderen muslimischen Staaten wie Iran, Türkei und Pakistan bedacht sein. Denjenigen, die damit nicht einverstanden sind, haben die Führer der Bruderschaft geraten, sich auf eine Auswanderung nach Amerika oder Kanada vorzubereiten.



Schlechte Prognosen

Das ist nun keineswegs eine Staatsordnung, wie sie sich die jungen Revolutionäre vom Tahrir-Platz vorgestellt haben, und bei ihnen herrscht wachsende Enttäuschung. Wie ist es dazu gekommen? Hat man ihre Revolution gestohlen?
Sie hatten vergessen, dass Facebook und Twitter es zwar ermöglichen, eine Million junger Menschen zu mobilisieren. Aber die übrigen 84 Millionen Ägypter, die auch mehr als genug vom Mubarak-Regime hatten, teilen ansonsten keineswegs die Ansichten der bürgerlichen Jugend. Ägypten ist ein sehr armes Land, ohne nennenswerte Bodenschätze und Industrien und mit geringer landwirtschaftlich nutzbarer Fläche. Die Bevölkerung des Landes hat sich in den letzten 30 Jahren verdoppelt und für die meisten jungen Ägypter besteht kaum die Chance, Arbeit zu finden, die eine einigermassen ausreichende Existenz ermöglicht.
Die Situation in Jemen und in Syrien ist sehr ähnlich. Unter diesen Umständen zeigt das politische Barometer in den kommenden Jahren eher auf Radikalisierung als auf einen Sieg der Demokratie. In relativ kleinen oder bevölkerungsarmen Ländern wie Tunesien oder Libyen (falls sich die Ghadhafi-Gegner durchsetzen) kann man mit etwas Glück eine bessere ¬Zukunft erwarten. Aber auch dort ist es keineswegs sicher, ob nun die demokratischen Kräfte der Opposition die Oberhand gewinnen. Einsichtsvolle Beobachter der ägyptischen Szene prophezeiten schon früh, dass die Zukunft Ägyptens irgendwo zwischen der Türkei und Pakistan einzuordnen sei. Leider aber sei Ägypten wirtschaftlich längst nicht so entwickelt wie die Türkei und besitze auch keine ähnlichen Ressourcen.
So kommen nach der Euphorie also die Zweifel und die Depression. Wenige wagen es klar zu sagen, aber die meisten spüren es und auch in der (inzwischen) freien Presse Ägyptens ist es zu lesen. Was die internationalen Medien angeht, so ist die Fehleinschätzung in den frühen Tagen unschwer zu erklären. Es gibt kaum noch Auslandskorrespondenten, sie sind zu teuer geworden. Wenn immer irgendwo auf der Welt es ernsthaft kriselt, so kommen einige Berichterstatter zu Besuch, die zwar ausgezeichnete Journalisten und Stilisten sein mögen, aber die Sprache nicht sprechen und auch sonst über die örtlichen Verhältnisse kaum informiert sind. Einige berichteten von Anfang an nüchtern; sie erinnerten sich, wie sehr sich viele Kollegen seinerzeit über die Zukunft Irans nach dem Sturze des Schahs getäuscht hatten. Aber die meisten wurden von der fieberhaften Atmosphäre auf dem Tahrir-Platz angesteckt.

Revolte gegen Diktaturen

Psychologisch ist das einfach zu erklären. Korrespondenten haben meist über unangenehme Dinge zu berichten – Bürgerkriege, Naturkatastrophen und ähnliches Unglück. Wie angenehm, endlich einmal über eine herzerwärmende, optimistische Geschichte wie den arabische Frühling berichten zu können. Unter diesen Umständen war es wirklich schwierig, von dem fieberhaften Enthusiasmus der ersten Wochen auf dem Tahrir-Platz nicht angesteckt zu werden. Ein Korrespondent der «New York Times» hat selbst erwogen, Selbstmord in den Wassern des Nils zu begehen, falls die ägyptische Revolution nicht gut enden würde. Zu einem solchen tragischen Akt der Verzweiflung ist es allerdings noch nicht gekommen.
Man hätte sich manche Enttäuschung ersparen können, hätte man die wirtschaftlich-soziale Lage und die demografischen Trends des Landes berücksichtigt. Dazu kamen die Lobpreisungen der sogenannten führerlosen Revolution. Das beschreibt zwar die Lage ziemlich genau, bedeutet aber auch, dass es die Revolutionäre nicht weit bringen werden. Denn noch nie in der Geschichte ist es Revolutionären geglückt, sich durchzusetzen, wenn sie nicht wussten, was sie eigentlich wollten und wie sie ihre Ziele erreichen können. Bei den Vorbereitungen zu den kommenden Wahlen gibt es mehr als ein Dutzend sogenannte liberale Parteien und noch mehr linke Gruppen. Die Zersplitterung der demokratischen Kräfte ist gross, die Aussicht auf eine Zusammenarbeit gering.
Die Lage in Syrien und Jemen ist noch komplizierter und demnach auch nicht hoffnungsvoller, denn die Opposition zu den herrschenden Regimes in diesen Ländern besteht im Wesentlichen aus Klans und Stämmen, die zwar die Regierung entfernen wollen, sich aber auch untereinander befehden – auch dort mit den Islamisten als der stärksten Kraft. Ist es also bereits an der Zeit, endgültig von der Nie¬derlage der arabischen Revolution zu sprechen, die im Grunde gar keine war, sondern lediglich ¬eine Revolte gegen altmodische, nicht totalitäre Diktaturen, die sich viel zu lange an der Macht gehalten und mehr gestohlen hatten, als es im Nahen Osten üblich ist?
In Geschichte und Politik gibt es bekanntlich kein «endgültig». Früher oder später wird sich herausstellen, dass auch die Islamisten keine Antwort auf die quälenden sozialen und wirtschaftlichen Probleme dieser Länder haben, obwohl sie dies immer wieder betonen. Doch das mag Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauern, und was danach kommt kann heute niemand vorhersehen. Inzwischen wird die arabische Welt aller Voraussicht nach nicht zur Ruhe kommen.    ●

Walter Laqueur ist am 26. Mai 1921 in Breslau geboren. Der Historiker ist weiterhin ein viel gefragter Experte und Kommentator.



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