«Die Taliban sehen aus wie wir»
Der Militärstützpunkt Camp Nathan Smith liegt mitten in Kandahar. Im Hauptgebäude, das die Taliban früher als Gefängnis benutzten, hat die amerikanische Armee ihre städtische Kommandozentrale eingerichtet. Die ISAF-Soldaten sollen bis 2014 hier bleiben, die Taliban bekämpfen und die afghanischen Sicherheitskräfte ausbilden. Auch Zivilisten, Auftragnehmer oder Angestellte des amerikanischen Aussenministeriums, leben im Camp. Es gibt klimatisierte Zelte, ein Schwimmbad, ein Fitnesscenter, ein Basketball- und Hockeyfeld, und jeden Freitag steht Hummer auf dem Speisezettel. Manche Soldaten nennen die Armeebasis «Sommercamp Smith». In der Küche arbeiten Nepalesen, in der Wäscherei Filipinos und Kenianerinnen. Afghanistan kann man nur erahnen: im Souvenirladen und weil ein paar Afghanen die Toiletten säubern und den Abfall wegräumen, der hier tonnenweise anfällt.
Um als Journalistin ins Camp zu gelangen und Einblick in den Alltag der Soldaten zu erhalten, muss man sich «embedden», also einbetten in die Armeestruktur. Den Stützpunkt verlassen kann man nur noch mit einem bewaffneten Konvoi in gepanzerten Wagen. Kugelsichere Weste und Helm tragen ist Pflicht. Die Soldaten sind mit Maschinengewehren, Sonnenbrillen und Störgeräten ausgestattet, die Telefonsignale blockieren, sodass allfällige Bomben in der Nähe nicht per Mobiltelefon gezündet werden können. In dieser Aufmachung patrouillieren die Einheiten durch Kandahar, vorbei an Lehmhütten, die umgeben sind von Mauern aus Kuhdung, Stroh und Lehm, wie vor 2000 Jahren. In Burkas verhüllte Frauen gehen in sicherer Entfernung den Mauern entlang. Kinder betrachten die Soldaten mit Respekt, und die Männer halten Distanz. Jedes Gespräch mit den Soldaten kann von den Taliban als Kollaboration gedeutet werden. Deshalb will hier eigentlich keiner reden, es sei denn, er kommt nicht darum herum. Etwa wenn einer der Soldaten in der Marktstrasse sich vor ein paar am Boden hockende Afghanen hinstellt und mit Hilfe eines Übersetzers fragt: «Wie ist die Sicherheit hier?» – «Gut.» – «Habt ihr böse Männer bei euch in der Gegend, Taliban?» – «Nein.» – «Falls ihr welche seht, müsst ihr uns das sagen.» Da lachen die Männer: «Taliban sehen aus wie wir. Wie wollt ihr sie von uns unterscheiden? Da nützen euch alle Waffen nichts.» – «Deshalb müsst ihr uns sagen, wenn es hier Taliban gibt.» – «Ihr habt gesagt, ihr bringt Frieden? Wir sehen nichts davon und wir haben keine Arbeit. Wovon sollen wir leben?» – «Wir haben euch eine Strasse gebaut, ist das nicht gut?»
In solch erzwungenen Begegnungen prallen Kulturen aufeinander. Die Bevölkerung wolle nicht verstehen, dass die ISAF-Truppen Gutes täten und sie vor den Taliban schützten, sagen die Soldaten und verstehen ihrerseits nicht, dass der Bau von Schulen, Strassen und Brunnen der Bevölkerung als Versuch der ISAF erscheint, sich ihre Sympathie zu erkaufen. In den Augen vieler Afghanen unterscheiden sich die ausländischen Soldaten nicht von anderen Besatzern und Kriegsfürsten, die das Land seit 30 Jahren gewaltsam beherrschen. Dabei spielt es keine Rolle, dass laut einem Uno-Bericht von 2010 die Taliban für 75 Prozent aller zivilen Opfer verantwortlich waren. Auch die ISAF-Truppen bombardieren Täler und Dörfer und töten Zivilisten, und die Taliban wissen genau, wie man diese Opfer propagandistisch ausschlachtet. Das Misstrauen gegen die Fremden sitzt tief, diese sprechen eine andere Sprache, sie sind Ungläubige und begegnen den Einheimischen nur mit vorgehaltener Waffe. Zudem wissen alle hier: 2014 sind die Amerikaner weg, die Taliban aber können warten.
Poröse Grenze
Der Kampf gegen die Taliban ist eine Sisyphusarbeit. Seit im vergangenen Jahr 40 000 weitere ISAF-Soldaten nach Afghanistan, vor allem in den Süden, geschickt worden waren, wurden teilweise militärische Erfolge erzielt. ISAF-Sprecher Josef Blotz spricht von Hunderten von Kämpfern, die verhaftet worden seien. Wie viele Kämpfer existieren, weiss niemand. 500 von ihnen sind erst kürzlich aus dem Gefängnis von Kandahar ausgerissen. Tausende operieren als «Teilzeit-Taliban» und verdienen sich ein Zubrot, in dem sie Sprengsätze legen oder Angriffe durchführen. «Heute sind die Taliban viel stärker als noch vor fünf Jahren», glaubt ein Sicherheitsberater in Kabul. Denn anders als noch vor einigen Jahren, würden sie vermehrt von der Bevölkerung unterstützt, die genug habe von den internationalen Truppen und auch von der Korruption der Regierung – einer Regierung, die ebenfalls von der ausländischen Koalition unterstützt wird. Zudem spielt Pakistan ein Doppelspiel.
Es wird vermutet, dass die meisten Hardliner aus Pakistan kommen. «Solange die Grenze zu Pakistan porös ist, können wir nichts machen. Die meisten Kämpfer werden in Koranschulen in Pakistan ausgebildet, als Selbstmordattentäter trainiert und gelangen dann ungehindert über die Grenze», sagt der Kommandant einer ISAF-Einheit in Kandahar. Ein instabiles Afghanistan macht es Pakistan leichter, seine eigenen Interessen in der Region zu wahren. «Wir kämpfen am falschen Ort; eigentlich müssten wir in Pakistan sein, aber Pakistan hat Nuklearwaffen. Wer will da schon einfach einmarschieren?» Andere ISAF-Kommandanten vom Camp Nathan Smith geben sich betont positiv. Die Sicherheit sei deutlich besser geworden mit den zusätzlichen Truppen, die Anschläge seien zurückgegangen. Auch die Taliban hätten erkannt, dass sie gegen gepanzerte Konvois wenig ausrichten können und hätten die Strategie gewechselt. Heute griffen sie vermehrt jene an, die sich nicht zu wehren wüssten: lokale Politiker, die mit den Koalitionstruppen zusammenarbeiten, oder afghanische Sicherheitskräfte.
Sicherheit ist demnach relativ. Zudem sind die Taliban längst nicht mehr als Einzige für die Gewalt verantwortlich. Korruption, schwache lokale Regierungen und die Absenz von Recht und Ordnung haben zahlreiche Kriegsfürsten und Kriminelle hervorgebracht, die Afghanistan unsicher machen. «Die Taliban haben uns gezwungen, Bärte zu tragen, wir durften keine Musik hören und keine Filme schauen, aber sie haben für Sicherheit gesorgt, und das ist das Allerwichtigste», sagt ein Filmemacher aus Kandahar. Er will abwarten, was der Sommer noch bringt. Denn erfahrungsgemäss machen auch die Taliban Winterpause und beginnen erst wieder zu kämpfen, wenn es warm wird. Die grosse Frühjahrsoffensive, die sie Ende April angekündigt hatten, ist bislang jedoch ausgeblieben. Zwar attackierten sie Anfang Mai Kandahar mit knapp einem Dutzend Selbstmordattentätern, sie besetzten das Kandahar-Hotel, verschanzten sich in einer Schule und versuchten den Gouverneur umzubringen. Nach zwei Tagen war der Spuk vorbei, Tote gab es vor allem auf Seiten der Taliban. Dennoch lassen sie keine Möglichkeit aus, die Koalitionstruppen und ihre Verbündeten zu piesacken. Und ein lokaler Taliban-Kommandant aus der südlichen Provinz Urusgan warnt am Telefon: «Wir sind noch mitten in der Mohn¬ernte und brauchen dafür unsere Kämpfer. In wenigen Wochen ist sie zu Ende, dann beginnt die Kampfsaison wieder richtig.» Und dann sind auch die Kassen der Kämpfer wieder mit Opium-Geld gefüllt.
Afghanen an der Front
Was passiert, wenn die Truppen abziehen? Und: Können die Taliban wirklich militärisch bekämpft und besiegt werden? Daran scheint auch die Nato zu zweifeln. Zumindest ist sie abgekommen von einer rein militärischen Lösung. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen sagte in einem Interview mit der «BBC» Anfang Jahr: «Wir haben den Fehler gemacht, die Herausforderung zu unterschätzen. Unsere Mission in Afghanistan war viele Jahre unterfinanziert. Ende 2009 haben wir beschlossen, die Truppen mit 40 000 Soldaten aufzustocken und mehr afghanische Soldaten und Polizisten zu trainieren.» Kooperation heisst das gebetsmühlenartig wiederholte Zauberwort. Jeden Monat soll die afghanische Armee um 2800 Soldaten wachsen, bis Oktober 2011 soll sie 171 600 Mann umfassen, die Polizei 134 000. Schon jetzt sind bei allen Einsätzen der ISAF-Truppen auch afghanische Sicherheitskräfte dabei, die theoretisch diese Einsätze anführen sollen. Im Juli soll die Verantwortung für die Sicherheit in sieben Provinzen und Distrikten ganz den afghanischen Sicherheitskräften übergeben werden, und diese sollen bis 2014 für das ganze Land verantwortlich sein. Die ISAF-Kommandanten in Kandahar betonen eifrig, schon jetzt leisteten die afghanischen Polizisten und Soldaten die Hauptarbeit und führten die Operationen an – nicht die amerikanischen Soldaten. Sie hoffen, dass Afghanen an der Front von der Bevölkerung eher akzeptiert werden.
Der Checkpoint an der Strasse nach Kandahar wirkt auf den ersten Blick verlassen. Er befindet sich am Fuss eines Granatapfel-Hains. «Die Taliban haben hier Waffen versteckt und benutzen den Hain als Einfallsroute in die Stadt», erklärt ein amerikanischer Militärpolizist, der an diesem Morgen die Patrouille anführt. Irgendwo blökt ein Schaf. Dann riechen wir den Duft von Haschisch. Wenig später schlendert ein afghanischer Polizist gemächlich zu den Sandsäcken am Rande des Checkpoints. Zwei andere Polizisten schlafen, ein dritter spielt mit einem jungen Hund. Ärger zeichnet sich auf den Gesichtern der amerikanischen Militärpolizisten ab, die die Afghanen seit Wochen ausbilden.
Der Checkpoint-Kommandant kommt nicht aus Kandahar. Trotzdem wissen die Taliban, dass er bei der Polizei arbeitet. Sie haben ihn als Verräter beschimpft und vor wenigen Monaten seinen Bruder entführt. Er müsse 10000 Dollar bezahlen, sonst würden sie den Bruder umbringen. Er hat bezahlt. Seinen Bruder haben sie trotzdem umgebracht und einen weiteren Bruder entführt. Der Checkpoint-Kommandant sagt: «Ich weiss nicht, was ich jetzt tun soll, aber ich werde in der Polizei bleiben. Ich will meinem Land dienen.» Andere Polizisten am Checkpoint sind weniger idealistisch. Sie tun Dienst, weil es sonst keine Arbeit gibt. «Wenn die Amerikaner weg sind, machen die Taliban Hackfleisch aus uns. Ohne Amerikaner geht hier nichts», sagt ein Polizist. Dann herrscht auf einmal Aufregung am Checkpoint, Soldaten zwängen sich in ihre Uniformen, stehen stramm. Der Distriktskommandant ist zur Inspektion vorgefahren, steigt aus einem nagelneuen Polizeiauto. Er weist die Männer darauf hin, dass sie hier sind, um dem Land zu dienen, dann tauscht er den Checkpoint-Kommandanten aus. Dieser, derselbe Mann, dessen Bruder von den Taliban getötet worden war, habe einen Bauern verprügelt, Geld von ihm genommen und gesagt, die Taliban hätten das getan, erzählt ein amerikanischer Militärpolizist später. Natürlich gebe es noch Probleme bei den afghanischen Sicherheitskräften, aber mindestens versuche man sie zu lösen.
Schwierige Partnerschaft
Einfach ist die vielgerühmte Kooperation allerdings nicht. In ihrem jüngsten Bericht «No time to loose» wirft die Nichtregierungsorganisation Oxfam den afghanischen Sicherheitskräften Mord, Folter und sexuellen Missbrauch von Kindern vor. In einem Fall wurde ein Mädchen von einem Soldaten umgebracht, Mitglieder der afghanischen Sicherheitskräfte verhalfen dem Mörder zur Flucht. In einem anderen Fall peitschten Dorfälteste Frauen öffentlich aus. Polizisten standen daneben, lachten und klatschten. Ein Grossteil der Sicherheitskräfte kann weder lesen noch schreiben, und die es können, werden schnell befördert. Auch gibt es sowohl bei der afghanischen Polizei als auch bei der Armee weiterhin viele Deserteure. Wer bei der Polizei arbeitet, beginnt mit einem Grundsalär von 165 Dollar pro Monat. Private Sicherheitsfirmen, Milizen oder die Taliban bezahlen einiges mehr. ISAF-Sprecher General Joseph Blotz kennt die Mängel. «Es gibt trotz aller Schwierigkeiten keine Alternative zur Partnerschaft mit den afghanischen Sicherheitskräften. Das heisst, dass ISAF-Soldaten zusammen leben, zusammen arbeiten, zusammen ausbilden, zusammen in den Kampf gehen. Wir müssen die afghanischen Sicherheitskräfte aufbauen, wenn wir die Übergabe der Verantwortung schaffen wollen.»
Die ISAF legt erst seit 2009 so viel Gewicht auf die Ausbildung und Rekrutierung von afghanischen Sicherheitskräften. Sie schrecke dabei auch nicht davor zurück, Personen mit sehr zwielichtigem Hintergrund anzuwerben, heisst es im Oxfam-Bericht. Die Ausbildung wurde verkürzt und konzentriere sich vor allem auf Waffentraining, die Menschenrechte kämen zu kurz. Die Nato setze auf Quantität statt auf Qualität, kritisiert Oxfam. Zudem gebe es kein effizientes System, das es Zivilisten ermögliche, die nationalen Sicherheitskräfte anzuzeigen. Viele sind auch schlicht zu verängstigt und fürchten Racheakte. Deshalb schweigen sie und warten. Das haben sie in all den Jahren gründlich gelernt. ●
Karin Wenger, geboren 1979, ist Südasien-Korrespondentin von Schweizer Radio DRS und lebt seit Oktober 2009 in Neu-Delhi. Sie studierte Gesellschaftswissenschaften in Fribourg, Irland und an der Universität Birzeit im Westjordanland. Von 2004 bis 2009 berichtete sie als freie Journalistin aus dem Nahen Osten, u. a. für die «Neue Zürcher Zeitung». 2006 wurde ihr für eine Reportage über die Beduinen in der Wüste Negev der Zürcher Journalistenpreis verliehen. Im Frühling 2011 reiste sie einen Monat durch Afghanistan, von Kabul ins Panjir-Tal, nach Herat und Kandahar.


