Die heimliche jüdische Hauptstadt
Schon die Gründung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) wurde in Bern beschlossen, wo im Juni 1902 eine Vorversammlung in der alten Synagoge stattfand. Nur in Zürich trafen sich die Delegierten seither öfter als in Bern – dies, obschon die ansässige jüdische Gemeinde wesentlich kleiner ist als diejenigen von Zürich, Genf, Basel und Lausanne. Ganze 318 stimmberechtigte Mitglieder zählt die Jüdische Gemeinde Bern (JGB) heute, bei leicht sinkender Tendenz. Mit einem Jahresbudget von unter 700 000 Franken und viel Freiwilligenarbeit betreibt die Einheitsgemeinde eine beachtliche, wenn auch nicht umfassende Infrastruktur. Eine Besonderheit erwähnt JGB-Präsidentin Edith Bino: «Wir unterhalten recht enge Beziehungen zur israelischen Botschaft, und der jeweilige Botschafter ist Mitglied unserer Gemeinde». An den Feiertagen finden sich auch andere jüdische Angehörige des Diplomatischen Corps in der Synagoge ein, und diese revanchieren sich mit Einladungen in ihre Botschaften.
«Brücke zur Westschweiz»
Dass mit den «drei B» Georges Brunschvig (1946–1973), Robert Braunschweig (1980–1988) und Rolf Bloch (1992–2000) gleich drei Berner Persönlichkeiten den SIG nach dem Zweiten Weltkrieg präsidierten, ist nicht nur Zufall. «Bern ist eine Brücke zur Westschweiz, und in Bundesbern hat man leichteren Zugang zu den Behörden und Diplomaten», nennt Rolf Bloch gegenüber tachles die «innen- und aussenpolitischen» Vorteile. «Wenn die übrigen Voraussetzungen ungefähr gleich sind, hat es ein Berner Kandidat deshalb leichter.» Um die Koordination mit der Zürcher SIG-Zentrale sicherzustellen, setzte Bloch denn auch den Berner Fürsprecher Martin Rosenfeld als Generalsekretär ein, dem er gewissermassen eine Rolle als Stabschef übertrug. «Gerade in einer Krisenzeit wie derjenigen um die nachrichtenlosen jüdischen Vermögen bei Schweizer Banken war die Nähe zum politischen Zentrum wichtig», blickt der Mann zurück, der sich mit der eingängigen Formel «Gerechtigkeit für das jüdische Volk und Fairness gegenüber der Schweiz» allgemeinen Respekt erwarb.
Präsident und Vizepräsident
Ohne derart dramatische Ereignisse verlief die Präsidentschaft von Robert Braunschweig in den achtziger Jahren, wenn auch der Libanon-Krieg nicht ohne Auswirkungen auf die Schweizer Juden war. Der langjährige Chefredaktor der «Automobil-Revue», der für kurze Zeit auch dem Berner Kantonsparlament angehört hatte, kam als Quereinsteiger ins Amt und fand in der Geschäftsleitung mit dem 1974 gewählten René Weil noch einen zweiten Berner im obersten SIG-Gremium an. Die beiden widmeten sich gemeinsam dem Zukunftsprojekt Tikwatenu («Hoffnung»), das dem jüdischen Leben in der Schweiz mehr Inhalt vermitteln sollte. René Weil, der das neu geschaffene Ressort Koordination und Planung leitete, war von 1982 bis zu seinem Rücktritt 1984 auch Vizepräsident, sodass der SIG in dieser Zeit «fest in Berner Hand» war. Der emotionale Höhepunkt in der Amtszeit von Robert Braunschweig fand am 13. Juni 1984 mit dem Besuch von Papst Johannes Paul II. in Freiburg statt. «Mit grosser Aufmerksamkeit» habe der Papst der Ansprache des SIG-Präsidenten gelauscht, vermerkt dazu der SIG-Jahresbericht.
Vom Trauma zum Traum
Mit Georges Brunschvig stellte Bern auch die prägendste Figur des Schweizer Judentums im 20. Jahrhundert. Praktisch gleichzeitig mit der Erlangung seines Anwaltspatents im April 1933 begann sein Engagement im Kampf gegen den Antisemitismus, wie die 2011 erschienene Masterarbeit der Historikerin Isabel Hagist im Detail dokumentiert. Mit regelmässigen «Wochenberichten» gab er die Erkenntnisse des Berner Abwehrkomitees den SIG-Gremien weiter – lange bevor er 1940 ins Centralcomité, 1944 in die neu geschaffene Geschäftsleitung und 1946 zum Präsidenten gewählt wurde. Seine 27-jährige Amtszeit stand im Zeichen des Übergangs «vom Trauma der Vernichtung zum Traum vom jüdischen Staat», wie der SIG ihn im Jahresbericht 1973 würdigte. Sein Wirken und sein Leben hatten in dem Jahr an einer Krisensitzung während des Jom-Kippur-Kriegs ein abruptes Ende genommen. «Er fiel für Israel», brachte seine Witwe Odette Brunschvig diese Tragik später auf den Punkt.
Aktiv auch bei Zukunftsplanung Berner Persönlichkeiten spielten aber nicht nur in der Vergangenheit eine aktive Rolle. Mit Monique Bino (2001–2004) und Melanie Höchner (2007–2010) stellte die JGB zwei der letzten SIG-Jugendleiterinnen. Und als Vizepräsidentin des Centralcomités gehört Brigitte Halpern dem vierköpfigen Ausschuss an, welcher zusammen mit dem Kommunikationsberater Iwan Rickenbacher in den letzten Monaten drei Brainstormings zum Thema «Zukunft des SIG» vorbereitet und aus-gewertet hat.


