Welche Grenze?
Am 15. Mai, dem Tag, den die Araber «Tag der Nakba» («Tag der Katastrophe») nennen, ging der Bericht durch die Medien, syrische Bürger hätten die israelische Grenze auf den Golanhöhen überquert. Premier Binyamin Netanyahu versprach in einer dramatischen Verlautbarung sogar, Israel werde seine Grenzen schützen.
Der Zwischenfall wirft die Frage auf, ob Israel auf dem Golan tatsächlich eine Grenze mit Syrien hat. Die Antwort scheint offensichtlich zu sein, ist sie aber nicht. Eine internationale Grenze wird in einer Übereinkunft zwischen den politischen Einheiten auf den beiden Seiten fixiert. Manchmal, aber nicht immer ist die Linie das Ergebnis von direkten Verhandlungen. So wurden Europas Grenzen nach dem Zweiten Weltkrieg von den Siegern gezogen, während im 19. Jahrhundert Afrika von den europäischen Grossmächten unter sich aufgeteilt worden ist. Einige der Staaten, deren Grenzen auf diese Weise definiert worden sind, haben gegen deren Verlauf protestiert, akzeptierten letzten Endes die Demarkation jedoch, die dann zur internationalen Grenze geworden ist.
Es gibt noch immer einige lokale Konflikte hinsichtlich des genauen Verlaufs von Grenzen. Zu Beispielen der jüngsten Vergangenheit zählen solche aus Zentralamerika (zwischen Nicaragua und Costa Rica) und in Südostasien zwischen Kambodscha und Thailand. In beiden Fällen dreht sich der Konflikt um den exakten Verlauf der Grenze, nicht um deren eigentliche Existenz.
Israel ist insofern ein atypischer Staat, als er nicht mit all seinen Nachbarn international anerkannte Grenzen hat. Das gilt vor allem für Syrien und Libanon. Israel und Libanon sind zurzeit durch die sogenannte Rückzugslinie der israelischen Streitkräfte voneinander getrennt, auf die sich Israel und die Uno im Jahr 2000 geeinigt haben. Man spricht auch von der «blauen Linie». Teilweise stimmt sie überein mit der internationalen Grenze, die die Regierungen Englands und Frankreichs 1923 gezogen hatten. In der Praxis gibt es gegenwärtig aber keine Grenze zwischen Israel und Libanon.
Noch komplexer ist die Situation an der Grenze zwischen Israel und Syrien. 1923 wurde zwischen dem Mandats-Palästina und dem damals von Frankreich kontrollierten Syrien eine internationale Grenze gezogen. Sie galt bis zum israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948. Als Bestandteil des Waffenstillstandsabkommens entstand die «grüne Linie», die teilweise westlich der Mandatslinie von 1923 verläuft. Das von Israel kontrollierte Territorium zwischen der Waffenstillstands- und der Mandatslinie wurde demilitarisiert. Der Sechstagekrieg eliminierte 1967 diese Grenzen, und an ihrer Stelle trat eine Waffenstillstandslinie.
1974 handelte die Uno nach dem Jom-Kippur-Krieg das Truppentrennungsabkommen zwischen Israel und Syrien aus. Es hielt die Schaffung zweier Linien fest, welche die militärische Kontrolle spezifischer Regionen durch die beiden Seiten fixierten. Einige Jahre nach der Festlegung dieser als «violetten Linien» bekannten Grenze verabschiedete das israelische Kabinett eine Resolution, welche die dahin von den IDF-Truppen kontrollierten Gebiete einseitig Israel zusprach. Dadurch wurde diese Linie auf den Golanhöhen zur israelischen
Grenze.
Diese Linie haben syrische Bürger am 15. Mai passiert. Laut allen internationalen Kriterien handelt es sich dabei nicht um die Grenze zwischen Israel und Syrien. Zur Schaffung einer Grenze bedarf es nämlich immer noch einer offiziellen Übereinkunft zwischen den zwei Staaten, genauso wie die Grenzen zwischen Israel und Jordanien beziehungsweise Ägypten ein Teil des Friedensabkommens zwischen den betreffenden Ländern waren.
Die Syrer sind aus diesen Gründen in ein von Israel kontrolliertes Gebiet eingedrungen, doch haben sie ebenso wenig die israelische Grenze überschritten, wie die Palästinenser aus dem Gazastreifen versucht haben, die israelische Grenze im Süden zu durchbrechen. Sie überschritten die im Osloer Abkommen ratifizierte Waffenstillstandslinie, die aber bisher nie als eine Grenze zwischen
Israel und irgendeinem Nachbarn im Süden des Staates definiert worden ist.
Gideon Biger unterrichtet an der Geografischen Fakultät der Tel-Aviv-Universität.


