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27. Mai 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 21 Ausgabe: Nr. 21 » May 27, 2011

«Teil des interterritorialen jüdischen Weltvolkes»

Von Gisela Blau, May 27, 2011
Die Zukunft des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds sollte immer wieder neu erfunden ¬werden, doch stets scheiterten die Anläufe an der Statutenrevision. Besonders interessant ist ein Papier aus dem Jahr 1943.
EIN INTERNATIONALES JUDENTUM? Erste interessante Reformpapiere gab es im SIG bereits 1943

Das Szenario ist brisant: Es war Sommer 1943, mitten im Zweiten Weltkrieg, doch das Blatt wendete sich langsam zugunsten der Alliierten. Nazideutschland mordete in den Vernichtungslagern trotz militärischer Niederlagen systematisch weiter. Anfang 1943 hatten die deutschen Truppen bereits viel verloren: Stalingrad fiel, und die Briten besetzten Tripolis. Im Februar hielt NS-Propagandaminister Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast die Rede, in der er zum «totalen Krieg» aufrief und die Ausrottung der Juden bekräftigte. Im April begann der Aufstand im Warschauer Ghetto. Im Mai 1943 kapitulierten in Nordafrika 150 000 deutsche und 100 000 italienische Soldaten, und Berlin wurde für judenfrei erklärt. Im Juli landeten die Alliierten in Sizilien; Mussolini wurde auf Befehl des italienischen Königs verhaftet. Und im August 1943 legte E. B. Sadinsky aus Zürich einen Statutenentwurf für den Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) vor.
Über E. B. Sadinsky ist nicht viel in Erfahrung zu bringen, ausser was aus seinem Papier hervorgeht: Er wohnte an der Hallwylstrasse 54 in Zürich und war offenbar Mitglied des Centralcomités (CC) des SIG. Und er machte sich im leicht schwülstigen Stil der Zeit viele Gedanken über eine Erneuerung des SIG. Der Gemeindebund befand sich damals in seinem letzten Jahr eines Organigramms, das gänzlich andere Strukturen aufwies als heute. Es gab zwar einen Präsidenten, aber das Exekutivorgan, das den SIG nach aussen und nach innen vertrat, war das CC. Für die Geschäfte war ein Ausschuss zuständig. Der Sitz befand sich jeweils am Wohnort des Präsidenten. Einmal jährlich gab es eine Delegiertenversammlung.



«Unverbrüchliche Treue»

Trotz Gefährdungen wie Frontenbewegung in der Schweiz, Nationalsozialismus in Deutschland, Judenverfolgungen in Europa und jüdische Flüchtlinge in der Schweiz liess sich der Dachverband viel Zeit für eine Neuordnung. Möglicherweise war diese Milizorganisation so beschäftigt mit den drängenden Problemen der Kriegsjahre, dass sie keine Reformen an die Hand nehmen konnte. Diese kamen erst 1944, aber nicht aufgrund des Entwurfs von E. B. Sadinsky. Für ihn war das CC sakrosankt geblieben, aber in der Realität wurde dieses wie auch der Geschäftsausschuss laut der Homepage des Zürcher Archivs für Zeitgeschichte 1943/44 als Exekutivorgan erstmals durch eine Geschäftsleitung von sieben Mitgliedern mit klaren Ressorts inklusive dem SIG-Präsidenten abgelöst. Saly Mayer aus St. Gallen war 1943 als SIG-Präsidient zurückgetreten und durch den Zürcher Saly Braunschweig abgelöst worden. Unter Leo Littmann gab es damals erstmals ein SIG-Sekretariat, das bis heute seinen Sitz in Zürich hat.
In dieser bewegten Zeit schrieb E. B. Sadinsky in seinen Statuten-Entwurf als Präambel einen Paragraph 1 hinein, für den er sich in den anschliessenden «Erläuterungen» wortreich rechtfertigte. Darin wollte er nämlich vom SIG die «völkische Zugehörigkeit der Juden in der Schweiz zum interterritorialen jüdischen Weltvolke» postuliert sehen, wobei sich diese aber mit dem «schweizerischen Staatsbewusstsein in vollem Einklange» befinde. Sadinsky wollte auch «die unverbrüchliche Treue» zum schweizerischen Staate proklamiert sehen, auch «die absolute Verpflichtung» für jeden schweizerischen jüdischen Staatsbürger, «mit seinem Gute und seinem Blute» für die Erhaltung der freien, unabhängigen Schweiz einzustehen.
Zu den Zweckbestimmungen des SIG zählte der Autor unter anderem die Unterstützung für den Aufbau eines «jüdischen Nationalheimes in Palästina» als auch die Beteiligung «an allen interterritorialen Hilfsaktionen, die für einen bedrohten oder verfolgten Teil des jüdischen Volkes ausserhalb der Schweiz notwendig werden». Als Mitgliederbeitrag müsse jede Gemeinde pro Mitglied zehn Franken an den SIG abliefern. Und er postulierte zwei jährliche Delegiertenversammlungen (DV), im Herbst, um das Budget festzulegen, im Frühjahr für Berichte aus den Ressorts und den Jahresbericht. Jede DV müsse einen Tag dauern und immer am Vormittag ein Referat mit anschliessender Diskussion «über ein allgemeines jüdisches Problem» enthalten.

«Internationales Judentum»

Laut dem Archiv für Zeitgeschichte zählte das CC erst sieben, später 15 Mitglieder. Sadinsky schlug 23 vor, nach einem von ihm errechneten Schlüssel aus den damals noch existierenden 26 Gemeinden (heute 17). Dabei fasste er gewisse Gemeinden in Gruppen zusammen und wies ihnen gemeinsame CC-Mitglieder zu. Für Baden, Endingen, Lengnau und Bremgarten sah er einen einzigen Delegierten vor, ebenso für La Chaux-de-Fonds und Délémont, Luzern und Lugano sowie Winterthur, Schaffhausen, Diessenhofen und Kreuzlingen. Biel erhielt bei Sadinsky alleine eine Vertretung, Basel und Liestal zusammen drei, je zwei sollte es für Bern und Solothurn, Lausanne, Yverdon, Freiburg i. Üe. und Montreux-Vevey sowie für die Israelitische Cultusgemeinde St. Gallen, die Gemeinde Adass-Isroel St. Gallen und die Gemeinde Davos geben. Am meisten CC-Männer, nämlich vier, sollte die Israelitische Cultusgemeinde Zürich erhalten, je einen die Israelitische Religionsgesellschaft und die Agudas Achim in Zürich.
Die 51 detaillierten neuen Statuten vom 31. August 1943 wurden wie alle anderen seither entworfenen nicht angenommen. Unter den «verehrten Herren Kollegen im CC» und unter den Delegierten sah E. B. Sadinsky Widerstand gegen seine «ideologische» Typisierung der Juden in der Schweiz als nicht allein einer Religion zugehörig, sondern auch als «völkische Erscheinung» voraus, obwohl er doch nur aufräumen wollte mit deren lieb gewordenen Auffassungen aus vergangenen Epochen. Er schrieb, er höre schon die «Aufschreie: Wahnsinn! Unsinn! Politische Gefahr! Internationales Judentum, was wohl die Antisemiten dazu sagen würden usw.» Was die «verehrten Herren Kollegen» und die Delegierten zum Statutenentwurf und zu den mehr als sechs eng beschriebenen Seiten der Erläuterungen im Detail sagten, war nicht herauszufinden. Sicher ist nur: Auch dieser Anlauf zu neuen Statuten scheiterte.   



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