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27. Mai 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 21 Ausgabe: Nr. 21 » May 27, 2011

Mit der Schweiz ganz vorne

Von Daniel Zuber, May 27, 2011
An den 13. Europäischen Maccabi-Spielen trifft sich die Crème de la Crème der jüdischen Athleten aus 39 Nationen in Wien, um ihr Können zu messen. Die Spiele haben dieses Jahr eine zusätzliche politische Dimension, da sie zum ersten Mal seit 1945 auf dem Boden des ehemaligen deutschen NS-Reichs ausgetragen werden. Die Schweiz ist mit einer vielversprechenden Delegation dabei.
SPORTLICHES EREIGNIS Das Bild zeigt die Eröffnungszeremonie der Maccabia 2009 in Israel


Seit 1932 findet in Israel alle vier Jahre die grösste jüdische Sportveranstaltung der Welt statt – die Maccabiade. Diese Sportveranstaltung, welche in Bedeutung und Symbolik ähnlich konzipiert ist wie die Olympischen Spiele, zählt zu den fünf grössten internationalen Sportereignissen der Welt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden jüdische Sportler überall in Europa aus nationalen Verbänden ausgeschlossen, was dazu führte, dass sie sich in eigenen Verbänden organisierten. Durch die erzwungene Isolation ist schliesslich auch die Idee spezieller jüdischer Spiele erwachsen.
Das europäische Pendant zur Maccabiade stellen die Europäischen Maccabi-Spiele (EMG) dar, welche ebenfalls im Vier-Jahres-Rhythmus stattfinden und zwei Jahre versetzt zur Maccabiade in Israel ausgetragen werden. Dieses Jahr ist es wieder so weit. Mehr als 2000 jüdische Sportler aus 39 Ländern messen vom 6. bis zum 13. Juli in der österreichischen Hauptstadt Wien ihre Kräfte an den 13. EMG.



Schritt zur Vergangenheitsbewältigung

Wien habe sich bereits vor 20 Jahren als Austragungsort für die EMG beworben, erzählt Oskar Deutsch, Vorsitzender des Organisationskomitees der EMG und langjähriger Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Damals stiess die Kandidatur jedoch auf politischen Widerstand. Für die EMG 2011 hat sich Wien gegen die Städte St. Petersburg, Madrid und Stockholm durchgesetzt. Gründe für die erfolgreiche Kandidatur sieht Deutsch mitunter darin, dass Wien mit Hakoah und Makkabi zwei sehr traditionsreiche jüdische Sportvereine hat. Die Sportstätte des 1909 gegründeten S. C. Hakoah im Wiener Prater wurde erst 2008 nach einer langwierigen Restitutionsgeschichte und Platzsuche wiedereröffnet und kann nun als Hauptaustragungsort für einen Grossteil der Sportarten an den EMG dienen. Weiter habe sich der Bürgermeister Michael Häupl stark für die Austragung der EMG in Wien eingesetzt, erzählt Deutsch. Für die Stadt stellen die Spiele eine willkommene Chance zur Vergangenheitsbewältigung dar. «Wien möchte seine jüdische Infrastruktur zeigen, und es ist eine einzigartige Gelegenheit für die Stadt, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten», so Deutsch. «Die Spiele dienen als eine Art Visitenkarte.» Heute leben noch etwa 8000 Juden in Wien, und «die Stadt würde mehr vertragen», wie Deutsch ausführt. Der Tatsache, dass die Spiele zum ersten Mal seit 1945 auf dem Boden des ehemaligen «Dritten Reiches» ausgetragen werden, werde mit einem umfangreichen kulturellen Be-gleitprogramm Rechnung getragen. So referieren während der Spiele am Schabbat beispielsweise verschiedene Zeitzeugen zu der bewegten jüdischen Geschichte der Stadt, die vielversprechende Eröffnungszeremonie auf dem Rathausplatz hat Theodor Herzl als Thema und wird ebenfalls Geschichtliches thematisieren. Bereits im Vorfeld der EMG finden zudem verschiedene literarische und kulturelle Anlässe statt. Wie bei jeder jüdischen Veranstaltung wird auch bei den EMG das Thema Sicherheit grossgeschrieben. «Die Sicherheit hat höchste Priorität. Das muss bei jüdischen Grossveranstaltungen leider so sein», erklärt Deutsch.

Die Schweizer Delegation

Auch die Schweiz ist an den EMG 2011 mit einer vielversprechenden Delegation dabei. Während die Sportarten Fussball, Tennis und Tischtennis laut Oskar Deutsch an den EMG am stärksten vertreten sind, mischen Schweizer Athleten in den Sportarten Tennis, Golf, Fechten, Schach, Bowling und Fussball mit, wie Jürg Anner, Präsident von Maccabi Schweiz, dem Dachverband aller jüdischen Sportvereine in der Schweiz, ausführt. Ungefähr 40 vorwiegend junge Sportler werden nach Wien reisen, wobei Anner besonders für die Sportarten Golf und Tennis Medaillenhoffnungen hegt. Die Athleten stammen zum grossen Teil aus der Deutschschweiz, was der Maccabi-Schweiz-Präsident auch in unterschiedlichen Einstellungen der Westschweizer zum jüdischen Sport begründet sieht: «Es besteht eine Art Röstigraben zwischen der Deutschschweiz und der Westschweiz und es ist sehr schwierig, Sportler aus der Westschweiz für die EMG zu begeistern.» So leidet denn auch das Fussballteam, welches die Schweiz an den EMG stellt, stark an der fehlenden Unterstützung aus der Westschweiz. Sechs sehr gute Spieler aus französischsprachigen Gefilden haben sich erst kürzlich aus dem Team abgemeldet.
Schwierige Suche nach jüdischen Sportlern

«Ambitionierte jüdische Sportler in der Schweiz zu finden ist nicht ganz einfach», erzählt Anner. Da es erstens nicht besonders viele solche Sportler in der Schweiz gebe und diese zweitens ihre Sportart kaum in einem jüdischen Verein ausübten, gestalte sich die Suche nach talentierten und vielversprechendenjüdischen Sportlern oft sehr schwierig. Hinzu komme die Tatsache, dass sich nicht alle Athleten gleich für die «jüdische Olympiade» begeistern lassen. Trotz allem ist Anner zuversichtlich, auch dieses Jahr die eine oder andere Medaille in die Schweiz zu bringen. «Im Golf hat die Schweiz an den letzten EMG in Rom ziemlich abgeräumt. Zwar sind dieses Jahr viele der Spieler von 2007 nicht mehr dabei, die Golfer sind jedoch auch jetzt sehr stark», so Anner. Bei den Junioren sind ein Tennisspieler und ein Fechter aus der Schweiz vertreten, welche ebenfalls beide vielversprechende Athleten seien. Frauen sind in den Sportarten Tennis und Fechten dabei. Die Tennisspielerin Jessica Anner macht bereits seit 16 Jahren an den EMG mit und hat schon mehrere Medaillen für die Schweiz gewonnen. Auch dieses Jahr ist sie eine grosse Medaillenhoffnung.



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