Die letzte Synagoge
Es war wieder soweit: Feierlich prozessierten die Graduierten über den Campus der renomierten Yale Universität. Die 1701 gegründete Universität ist die drittälteste höhere Bildungsanstalt der USA und gilt als eine der besten der Welt. Zu den Gründern der Hochschule in New Haven zählten zahlreiche Theologen, die Hebräisch wie Griechisch und Latein als eine klassische Sprache ansahen, deren Studium notwendig zum Verständnis des Alten Testaments war. Ezra Stiles, von 1778 bis 1795 Rektor der Universität, führte daher das Leitmotiv «urim and thummim» als Teil des Universitätslogos ein, das auf das Buch Exodus zurückzuführen ist und allgemein mit «Licht und Recht» übersetzt wird. Neben den hebräischen Wörtern findet sich auch die lateinische Übersetzung «Lux et Veritas» auf dem Logo.
Die pompösen Feierlichkeiten an der Eliteuniversität, zu deren Alumni zahlreiche US-Präsidenten sowie Nobel- und Pulitzer-Preis-Träger zählen, unterstreichen den Stellenwert der Universität. Yale gehört zu den besten Adressen in den USA.
Jüdische Geschichte
Doch verlässt man den Campus, zeigt sich ein ganz anderes Bild. Die Stadt New Haven, mit knapp 130 000 Einwohnern zweitgrösste Stadt im Bundesstaat Connecticut und sechstgrösste Stadt Neu Englands, hat eine der höchsten Kriminalitätsraten in den USA. Während das Stadtzentrum und die gut bewachte Gegend um den Campus herum als sicher gelten, gibt es in New Haven zahlreiche Gegenden, die man nach Sonnenuntergang besser meiden sollte. In einer dieser Gegenden befindet sich Beth Israel, New Havens letzte Synagoge, die allgemein als Orchard Street Shul bekannt ist. Obwohl die Synagoge nur etwas mehr als einen Kilometer vom Campus entfernt ist, wird sich in Yale kaum ein jüdischer Student finden, der jemals von der Synagoge gehört hat. Nur wenige verlassen den Campus.
Während die Absolventen der juristischen Fakultät ihren Abschlussball feierten, fand in dem 1924 erbauten Gotteshaus eine ganz andere Gala statt. Auf dieser Feier wurden all diejenigen geehrt, die in der Synagoge seit 1924 ihre Bar Mizwa feierten. Über 100 Teilnehmer kamen, davon 35, die ihre Bar Mizwa in der Synagoge feierten. «Die Veranstaltung soll Interesse für das alte Gotteshaus wecken», erklärt Lee Lieberman, der 87-jährige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde der Stadt. Die Synagoge an der Orchard Street befindet sich im ehemaligen Immigrantenviertel der Stadt, das heute hauptsächlich von Afroamerikanern bewohnt wird. Die Geschichte von Beth Israel ist die Geschichte von vielen amerikanisch-jüdischen Gemeinden. Anfang des 20. Jahrhunderts kamen Tausende von Immigranten aus Osteuropa nach New Haven. Man entfloh Armut und Pogromen und hoffte auf ein besseres Leben in der neuen Welt.
Dutzende von koscheren Läden, Restaurants und Synagogen gab es einst in diesem Teil der Stadt, dessen Zentrum Oak Street war. Vor allem ältere New Havener bezeichnen die Gegend noch heute als Oak Street, auch wenn diese schon seit Jahrzehnten nicht mehr existiert.
1928 lebten 22 500 Juden in New Haven, was etwa zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachte. Nur zwölf amerikanische Städte hatten damals eine grössere jüdische Bevölkerung als New Haven. An den Feiertagen waren alle Plätze in den Synagogen belegt, und in den Strassen hörte man überall Jiddisch.
Einziges jüdisches Gotteshaus
Doch diese Zeiten sind lange vorbei. Heute hat die Gemeinde nur noch 60 Mitglieder, von denen niemand mehr in der Nähe der Orchard Street lebt. Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen New Havens Juden, wie ein Grossteil der weissen Mittelklasse, in die Vororte, die sogenannten Suburbs. Ein Trend, den man überall in den USA beobachtete. Die Stadtverwaltung beschloss daher, eine Zugangsstrasse zur Autobahn zu errichten, die es ermöglichte, schnell vom Stadtzentrum in die Vororte zu gelangen. Das Ende des fünfziger Jahre angefangene Bauprojekt führte Mitten durch die ehemalige Oak Street und sorgte für einen rapiden Niedergang der Gegend. Ein Grossteil der Infrastruktur wurde zerstört, darunter auch zahlreiche Gotteshäuser wie etwa die 1912 erbaute Synagoge Beth Jacob an der George Street, die 1962 abgerissen wurde.
Dass Beth Israel als einziges jüdisches Gotteshaus New Havens bis heute überlebt hat, sehen viele als ein Wunder an. 1995 wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt. Ein Teil der Gelder, die die Gemeinde in den letzten Jahren erhalten hat, wurde in die notwendige Restauration des Gebäudes investiert. Doch es werden wahrscheinlich Millionen benötigt, um das Gebäude zu retten. Der 89-jährige Sam Teitelman, der bis letztes Jahr Vorsitzender der Gemeinde war, hofft trotzdem, dass die Synagoge eine Renaissance erlebt. «Gottesdienste gibt es nur sehr unregelmässig», erklärt er, während er stolz das Innere dieser im Kolonialstil erbauten Synagoge präsentiert.
Chabad als Konkurrenz
Die Orchard Street Shul ist eine typisch osteuropäisch-amerikanische Synagoge der zwanziger Jahre, deren Charme durch die vielen wunderbare Details, etwa den aus Holz geschnitzten Thoraschrein, geprägt ist. Ein Gefühl der Nostalgie begleitet einen überall hier. Mendy Hecht, dessen Vater und Grossvater als Rabbiner für Beth Israel tätig waren – sein Grossvater war der erste Vollzeitrabbiner der Gemeinde –, teilt Teitelmans Hoffnung. «Yale hat viele jüdische Studenten, die man dazu bewegen muss, die Synagoge zu entdecken», erklärt der 26-jährige, der bei Weitem das jüngste Gemeindemitglied ist. Auf dem Campus gibt es neben Hillel auch die Chabad-Bewegung, der Hecht angehört. Doch andere Gemeindemitglieder sehen genau da das Problem. «Wir mögen Mendy, und seine Familie ist Teil der Geschichte der Synagoge», erklärt eine ältere Dame, die anonym bleiben will, «aber wir wollen nicht, dass Chabad unsere Synagoge übernimmt.»
Die Zukunft der Synagoge bleibt daher ungewiss. Es gibt vereinzelte Versuche, die Gegenden um das Stadtzentrum wiederzubeleben. Darunter auch die Gegend um die Zugangsstrasse zur Autobahn, an der sich die Synagoge befindet. Um den Bahnhof herum dominieren Baukräne die Skyline. Neue Apartmenthäuser sollen neue Einwohner nach New Haven locken. Bis nach New York sind es lediglich knapp eineinhalb Stunden mit dem Zug. Doch
alles, so ist man sich einig, wird davon abhängen, ob die Kriminalitätsrate zurückgehen wird. Denn solange Studenten der Yale-Universität Angst haben, den Campus zu verlassen, ist die Synagoge nicht nur einen Kilometer, sondern Welten entfernt von der Rettung.


