Verbesserte Vorsorge
Jährlich erkranken etwa 35 000 Menschen in der Schweiz an Krebs – Tendenz steigend. Nach Herz-Kreislauf-Krankheiten ist Krebs die zweithäufigste Todesursache für Schweizer, bei Menschen unter 65 die häufigste. 30 Prozent der Männer und 23 Prozent der Frauen sterben laut einer kürzlich veröffentlichten Studie vom Bundesamt für Statistik, dem Nationalen Institut für Krebsepidemiologie und -registrierung und dem Schweizer Kinderkrebsregister an einem Krebsleiden. Jakob Passweg, Medizinprofessor an der Universität Basel und Präsident der Krebsliga Schweiz, führt aus: «Die Schweiz besetzt einen Spitzenplatz in Europa, was die Krebshäufigkeit betrifft, dies hat zum Teil auch mit der frühen Entdeckung der Krankheiten zu tun. Andererseits stehen wir bei der Mortalität im internationalen Vergleich eher gut da.»
Oncosuisse, die Schweizerische Vereinigung gegen Krebs, hat nun das nationale Krebsprogramm 2011–2015 vorgestellt. Es handelt sich dabei um das zweite nationale Krebsprogramm, welches von Oncosuisse, der Dachorganisation der Schweizer Krebsbekämpfungsorganisationen, angestossen wurde. Das Ziel ist dabei nach wie vor, «dass weniger Menschen an Krebs erkranken und an Krebs sterben».
Ausbau der Prävention
Das neue Vierjahresprogramm umfasst alle Schritte von der Prävention über die Früherkennung, die Therapie und die Rehabilitation bis hin zur Palliativbetreuung. Nur ein ganzheitlicher Ansatz ermögliche einen wirksamen Kampf gegen Krebs, schreibt Oncosuisse in einer Medienmitteilung. Besonders betont wird dabei die vermehrte Informations- und Öffentlichkeitsarbeit sowie die Früherkennung, welche verbessert werden soll. «Man schätzt, dass sich etwa ein Drittel der Fälle durch verbesserte Präventionsarbeit verhindern liesse», erläutert Passweg die Betonung der Vorsorge. Schon einfache Massnahmen würden das Krebsrisiko stark senken: «Eine gesunde Lebensweise kann viel beitragen: nicht Rauchen, mehr Bewegung, weniger direkte Sonnenexposition, gesunde Ernährung mit Gemüse und Früchten», so Passweg. Und gerade hier könnte die Bevölkerung durch entsprechende Öffentlichkeitsarbeit sensibilisiert werden. Auch Infektionen spielten bei der Krebsentstehung eine Rolle. Diese könnten relativ einfach – etwa durch einen Abstrich – frühzeitig entdeckt werden, führt er aus.
In einigen Kantonen wird bereits aktiv mit Öffentlichkeitskampagnen gearbeitet. In der Westschweiz, in St. Gallen und im Tessin werden etwa Frauen im Alter zwischen 50 und 70 Jahren schriftlich kontaktiert und zur Durchführung einer Mammografie ermuntert. Ein ähnliches Vorgehen könnte auch für andere Krebsarten in Betracht gezogen werden. «Systematische Vorsorgeuntersuchungen sind jedoch nur bei häufigen Krebsarten sinnvoll und nur dann, wenn durch eine frühe Entdeckung die Ausbreitung im Körper verhindert werden kann», präzisiert der Spezialist Passweg. Dies sei der Fall für Gebärmutterhalskrebs, Brustkrebs, Dickdarmkrebs und verschiedene Arten von Hautkrebs. Beim Prostatakrebs sei die Datenlage nicht eindeutig. Wie bei allen diagnostischen Massnahmen gibt es bei Vorsorgeuntersuchungen jedoch das Risiko der Fehldiagnose. Krebserkrankungen werden nicht entdeckt und die Untersuchung gibt eine falsche Sicherheit, oder aber es wird fälschlicherweise Krebs diagnostiziert. Passweg führt dazu aus: «Keine diagnostische Massnahme ist perfekt, es liegt an der Bemühung der Ärzte, die Rate an Fehldiagnosen möglichst niedrig zu halten.»
Politische Umsetzbarkeit
Auf die Frage, wie er die politische Umsetzbarkeit der geforderten verbesserten Präventionsmassnahmen beurteilt, antwortet Passweg optimistisch: «Die Chancen stehen nicht schlecht, weil die Massnahmen in der Westschweiz bereits praktiziert werden. Die kartesianisch denkenden Romands stehen der staatlichen Intervention zwar positiver gegenüber als die Deutschschweizer, welche den persönlichen Willen jedes einzelnen höher werten. Es ist nun aber so, dass die Kosten der Krebsbehandlung so oder so von der Allgemeinheit getragen werden müssen.» Systematische Vorsorgeuntersuchungen verursachten zwar eine finanzielle Zusatzbelastung, ein früh diagnostiziertes Krebsleiden sei jedoch «günstiger» als eine Diagnose im Spätstadium. Und Passweg ergänzt: «Wenn eine 55-jährige Mutter an Brustkrebs stirbt, verursacht sie ab dem Todestag keine direkten Gesundheitskosten mehr, aber wie wollen Sie menschliches Leid gegen Franken aufwiegen?»


