Israel hat zu wenig Pathologen
Der Mangel an Pathologen in Israel könnte zu einer Verzögerung bei der Behandlung von Krebspatienten führen. Das erklärte der Leiter der pathologischen Abteilung der Israel Medical Association (IMA). Verschärft wird die Situation durch die von den Ärzten nach dem israelischen Unabhängigkeitstag wieder aufgenommenen Streiks. So drohte allen Kliniken für Tagespatienten in den staatlichen Krankenhäusern nördlich von Tel Aviv sowie im Beilinson-Krankenhaus in Petah Tikva und dem medizinischen Zentrum Sheba im Tel-Hashomer-Krankenhaus die vorübergehende Schliessung.
Nach Ansicht von Judith Sandbank, einer Pathologin am Krankenhaus Assaf Harofe, verlängere die übermässige Arbeitslast der israelischen Pathologen die Zeit, bis Patienten ihre Untersuchungsergebnisse erhalten. Wenn es sich um Krebsgeschwüre handelt, könnte sich, wie Sandbank unterstreicht, die Zeitverzögerung als eine kritische Komponente erweisen. «Pathologen sind als einzige Ärzte qualifiziert, Diagnosen über bösartige Tumoren zu stellen», so Sandbank an einer von der IMA organisierten Konferenz über den Mangel an Pathologen. Besonders kritisch sei die Situation in Krankenhäusern an der Peripherie des Landes.
Übermässiges Pensum
An der Konferenz im medizinischen Zentrum Sheba nahmen so viele israelische Pathologen teil, dass es landesweit zu einer beunruhigenden Beeinträchtigung der Dienstleistungen in diesem Bereich kam.
Israel muss die Zahl pathologischer Arbeitsplätze im ganzen Land um 53 Prozent erhöhen. Das erklärten an der Konferenz Vertreter der Ergo Consulting Group, die ihre Kunden bei Fragen der organisatorischen Verwaltung berät. Im Durchschnitt würden nach Ansicht von Ergo Consulting israelische Pathologen im Vergleich zu ihren Kollegen in westlichen Ländern das doppelte Ausmass an Arbeit leisten. Sollte nichts Konkretes in diesem Bereich geschehen, würde gemäss den Voraussagen der IMA die Zahl der israelischen Pathologen in den kommenden fünf Jahren um zehn Prozent auf 107 zurückgehen.
Pathologen führen nicht nur Autopsien durch, sondern analysieren auch Gewebe und Zellen, um Krebs und andere Krankheiten zu diagnostizieren. In unlängst abgehaltenen Verhandlungen zwischen der IMA und dem israelischen Finanzministerium forderte die IMA Anreize, um Pathologen zu rekrutieren, unter anderem ein Spezialprogramm für Pathologen, die sich einverstanden erklären, auf eine Karriere im Privatbereich zu verzichten und stattdessen einer vollzeitlichen Beschäftigung in einem staatlichen Krankenhaus nachzugehen. Des Weiteren verlangt die IMA Arbeitsgarantien und spezifische Salärregelungen für Pathologen im genannten Spezialprogramm. Auf 100 000 Einwohner entfallen in Israel 1,9 Pathologen, eine verschwindend kleine Zahl im Vergleich etwa zu den USA, wo es für die gleiche Anzahl Menschen 4,4 Pathologen gibt.
Grosser Mangel
Nach Angaben der IMA gehört die Pathologie in Israel neben der Anästhesie und der Intensivpflege zu jenen medizinischen Sektoren, in denen der Ärztemangel auch andere Sektoren negativ beeinflussen könnte. Die IMA nennt die folgenden Bereiche als ausgesprochene Mangelbereiche: Innere Medizin, Chirurgie, Versorgung von Neugeborenen, Rehabilitation, Geriatrie und Notfallmedizin.
«Die Pathologie ist kein Elitesektor, der die Bedürfnisse eines kleinen Prozentsatzes der israelischen Bevölkerung abdeckt», so Sandbank. «Vielmehr handelt es sich um das Fundament der Medizin, und ohne uns könnten andere Spezialbereiche nicht funktionieren.»


