Zentren deutsch-jüdischer Kulturimpulse
Die Wiener Moderne begann um 1890 mit einer Handvoll Dichter, die später als Jung-Wien apostrophiert werden sollte. Darunter Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Richard Beer-Hofmann und Felix Salten – alle jüdischer Herkunft. Dass so viele jüdische Künstler und Intellek-
tuelle zur literarisch-künstlerischen Avantgarde gehörten und zu Schrittmachern einer ganzen Epoche wurden, dass sie die säkularisierte Gesellschaft sowie das kulturelle Leben Wiens so nachhaltig prägten, hängt mit der jüdischen Tradition selbst zusammen: mit der Wertschätzung von Lernen, Erziehung und Bildung und mit der dem Judentum immanenten Religion der Ethik und des Individualismus, so Steven Beller in seiner Abhandlung «Wien und die Juden 1867–1938».
Die Bedeutung jüdischer Persönlichkeiten in Wien stieg bereits ab dem 18. Jahrhundert eliminiert: Familien wie Wertheimer, Gompertz, Eskeles, Pereira, Todesco und Lieben spielten führende Rollen im Wirtschafts- und Kulturleben und wurden – meist allerdings erst nach erfolgter Taufe – geadelt. Das kulturelle Leben – die Wiener Klassik mit Haydn, Mozart und Beethoven etwa – prosperierte auch dank des mäzenatischen Engagements jüdischer Familien. Dieser noch überschaubaren Gruppe folgte die Akkulturation breiterer Schichten, die sich Ende des 19. Jahrhunderts mit atemberaubender Geschwindigkeit vollzog. Die Wiener Szene als ein Schmelztiegel von Ideen war ein Produkt auch dieser Entwicklung – doch zugleich war diese Zeit, wie sich zeigen sollte, die Brutstätte für Antisemitismus und Hitlers Populismus.
Die Wiener Moderne und ihre Protagonisten brachten stilbildende Leistungen in Architektur, Literatur, Malerei und Musik hervor. Zu den Umwälzungen, die von dort ihren Ausgang nahmen, gehörten neben Neuerungen in Musik und Kunst auch die Psychoanalyse Sigmund Freuds und Theodor Herzls Zionismus. Die Innovationen der deutschsprachigen Geis-teselite jener Zeit prägen das internationale Kulturleben bis heute.
Dies zeigte zuletzt die enorm erfolgreiche Ausstellung «Wien 1900», die von Herbst 2010 bis Anfang Februar 2011 in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel zu sehen war.
Das multikulturelle Reich Österreich-Ungarn mit seiner schrittmachenden Metropole Wien war um 1900 in vielerlei Hinsicht ein Experiment und bot Reibungsflächen. Die Gründerzeitväter und ihre rebellischen Söhne standen sich konflikthaft gegenüber. Der Umbruch, das Nebeneinander von Tradition und Moderne, von Untergang und Fortschritt machten aus Wien einen Nährboden und ein Synonym für Innovationen auf ästhetischem, philosophischem und musikalischem Gebiet Bedeutende jüdische Intellektuelle und Künstler waren unter den Akteuren dieses von einer überwiegend deutschsprachigen Elite getragenen Wandels, der der Zeit den Stempel aufdrückte.
Entgrenzung und Moderne
Der Esprit des Fin de siècle in Wien um 1900 war avantgardistisch, von Aufbruch und einer gewissen Leichtigkeit geprägt, es war die Ära des Jugendstils. Die Experimentierfreude in der Wiener Werkstätte, aber auch die Skandale um die Künstlerbewegung Wiener Secession zählen zu den Phänomenen dieser Zeit. Die Dichter und Denker, die im Kaffeehaus ihre Gedanken feingeistig oder scharfzüngig, polemisch oder pointiert zu Papier brachten, sind verschwunden. Doch ihre Ideen wirken fort. Was im kulturellen und wissenschaftlichen Wien geschah, drang weit über die Grenzen des Landes, die Grenzen Europas hinaus. Oftmals auf mehr als einem Gebiet aktiv – wie etwa der Maler und Komponist Arnold Schönberg –, standen die führenden Köpfe und Querköpfe mehr als anderswo untereinander in enger Verbindung. Dass die Gedanken aus einem System, etwa der Psychoanalyse, dann in einem anderen System, etwa der Musik oder der Kunst, auftauchten, ist daher nicht verwunderlich. Freud – und seine ganze überwiegend jüdische Schülerschaft – entwickelte mit der Psychoanalyse eine völlig neue Sicht auf die Seele des Menschen. Arthur Schnitzler gehörte zu den Literaten, die ebenfalls erfüllt waren von der Problematik des Einzelnen in einer zerfallenen, sich neu orientierenden Gesellschaft. Als Komponist, Kapellmeister und musikalischer Tabubrecher dominierte Gustav Mahler das Musikleben. Gustav Klimt und Egon Schiele waren Lichtgestalten unter den Malern. Und auch Egon Schiele folgte in seinen Werken den Entwicklungen der Psychoanalyse. Er versuchte, die seelischen Befindlichkeiten seiner Modelle sichtbar zu machen. Die erst jüngst wiederentdeckte Malerin Broncia Koller stand ebenfalls unter Klimts Einfluss – und ihrerseits mit der Wiener Geisteselite von Freud bis Mahler in Verbindung. Die Grossmutter der erst im späteren Exil bekannt gewordenen jüdischen Malerin Marie-Louise von Motesiczky war eine der ersten Patientinnen von Sigmund Freud und gehörte einem grossen Kreis hervorragender österreichisch-jüdischer Intellektueller, Künstler, Wissenschaftler und Bankiers an. All diese untereinander verflochtenen Akteure befruchteten sich gegenseitig in ihrem Tun und machten die Donaumetropole um 1900 zu einem – wenn nicht dem – Zentrum europäischer Geistesgeschichte, wie es der Kulturhistoriker Carl E. Schorske in seinem Klassiker «Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de siècle» beschreibt.
Ob Maler, Musiker, Literat oder Professor, ob Politiker, Philosoph, Architekt oder Kunsthandwerker – sie alle kreisten um den Fokus der «Entgrenzung». Diese Entgrenzung – oder besser: Grenzüberschreitung – war für moralisch-wissenschaftliche als auch für ästhetisch-künstlerische Aspekte ihres Schaffens von grosser Bedeutung. Die Künste wurden so auch eine Metapher für die gewaltigen Erschütterungen, die diese Zeit prägten: Sie erzählt von Veränderungen und Neuerungen, kündet von Wandel und Ungewissheit und von grenzenlosen Möglichkeiten des Ausdrucks. Standen Literatur und Kunst bis dato vor allem für das Schöne und das Erhabene, bewegte sich die Welt des Geistes und der Künste in den Ateliers und Schreibstuben fortan immer mehr zwischen Revolte und Rückzug. Dieses Novum veränderte auch die Rolle des Betrachters. Ein neues Kunstverständnis, neue abstrahierte Malweisen, neue sprachliche Dimensionen und verstörende Tonfolgen luden zu einem Dialog zwischen Künstler und Betrachter ein, zum Reflektieren – und machten den Leser, Betrachter, Zuhörer zu dem, der mit diesem seinem Beitrag das Kunstwerk erst vollendet.
Diese facettenreiche Welt der Intelligenz im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn und das schöpferische Klima in dessen Zentrum Wien war aus unterschiedlichen Gründen von jüdischem Hintergrund und Einfluss geprägt. Die Zuwanderung aus Ost- und Südosteuropa sowie die wachsende kulturelle Vernetzung mit Berlin, Budapest, Paris und Prag spielten dabei die wichtigste Rolle. Politik, Gesellschaft, Kultur, Kunst und Religion waren Ende des 19. Jahrhunderts von der immensen Zunahme der Integration und Partizipation der jüdischen Bevölkerung und ihrer verschiedenen Milieus charakterisiert. Dabei dominierten die assimilierten Kreise mit ihrer Aufstiegs- und Bildungsorientierung bzw. ihrer sozialen Stellung etwa im Bürgertum. Auch weniger offenkundige Einflüsse hatten ihren Anteil daran: Im Zuge des Börsenkrachs von 1873 und der nachfolgenden Wirtschaftskrise etwa bekam die Hochphase des Fortschrittsoptimismus der liberalen Ära einen Dämpfer. Angesichts knapper werdender Mittel und zugleich bemüht, das wissenschaftliche Niveau zu halten, konzentrierte sich beispielsweise die akademische Welt verstärkt auf die deutschsprachige Elite als Konsens. Diese Elite, so Felicitas Seebacher in ihrem Buch «Das Fremde im deutschen Tempel der Wissenschaften», wurde beispielsweise bei Berufungen gegenüber anderen Ethnien der Habsburgermonarchie bevorzugt: Die traditionelle Elite repräsentierte weitgehend homogene und vor allem bildungsorientierte Milieus, die sich durch eine gemeinsame Kultur auszeichneten.
Bastion der Avantgarde
Dies gilt auch für Berlin, das nach 1900 die tonangebende Rolle von Wien übernahm. Der Einfluss jüdischer Eliten dort reicht in das 17. Jahrhundert zurück und begann mit der Ansiedlung von reichen Juden durch den Grossen Kurfürsten (Schutzjuden). 1812 gab es das erste preussische Emanzipationsedikt. In jüdischen Privathäusern traf sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Intelligenz. In den Salons fanden weibliche, jüdische, geistige und bürgerliche Emanzipationsbestrebungen zusammen – befeuert vom postrevolutionären Geist Frankreichs. Begründet wurden die Salons meist von kultivierten Jüdinnen. Dorothea Mendelssohn, Henriette Herz, Amalie Beer, Sara Levy-Itzig und Rebecca Solomon gehören zu den berühmtesten Salondamen sowie Rahel Varnhagen von Ense, die vielleicht bekannteste Berliner Jüdin überhaupt. Den Salonièren gemein war der Kampf um das Recht auf Gleichstellung und Selbstbestimmung. Die Blütezeit der Salonkultur indes war kurz: Als die patriotischen Intellektuellen sich nach 1806 gegen die französische Okkupation wandten, gaben sie ihre pro-französische und philosemitische Einstellung auf, die Voraussetzung für die Salonkultur war.
Der «Verbürgerlichungsvorsprung», so Peter Schutte und Jürgen Sprengel in «Die Berliner Moderne», gehobene Berufe und hoher Bildungsstand in Verbindung mit liberaler Gesinnung machten die Berliner Juden der besseren Stände empfänglicher für die künstlerischen Aufbruchsbestrebungen in der modernsten und am raschesten wachsenden Metropole Europas. Immer mehr Zuwanderer, darunter viele aus preussischen Provinzen oder Osteuropa, erlagen der Sogwirkung Berlins. 1871 lebten rund sieben Prozent der deutschen Juden in Berlin, 1910 waren es bereits rund 27 Prozent und bis 1925 kletterte der Anteil auf 30 Prozent. Das deutsche Bildungswesen galt um 1900 als eines der führenden in der Welt, verlieh den Eliten neuen Aufschwung und zog weitere an. Sie begriffen die Herausforderungen und Möglichkeiten der expandierenden Kapitale als Chance. Zeitungen und Verlage standen unter jüdischer Leitung, etwa von Fischer, Mosse, Ullstein. Und es war – in Berlin wie in Wien – das jüdische Bürgertum das Publikum, das Theater besuchte, Bilder und Bücher kaufte. Die «Gesellschaft der Freunde», ein seit 1792 und bis 1935 bestehender Verein mit Mitgliedern wie Max Liebermann sowie vielen Bankiers und Verlegern, setzte sich, einer Maxime Moses Mendelssohns folgend, für die Emanzipation und Integration der jüdischen Bürger ein. Gelehrte von Weltrang, darunter etliche Nobelpreisträger, zog es an die Spree. Albert Einstein etwa lebte von 1914 bis Dezember 1932 in Berlin und stand mit akademischen Kollegen, dem gehobenen Bürgertum und pazifistischen Intellektuellen gleichermassen in Verbindung. Er wurde sich erst in Berlin seiner jüdischen Identität bewusst, im doppelten Sinne: Sein Eintreten für den Zionismus machte Einstein auch in der deutschen Hauptstadt, die sich noch in den zwanziger Jahren so freigeistig gezeigt hatte, zur Zielscheibe antisemitischer Verbalattacken.
Exekutive einer Wertegemeinschaft
Im deutschsprachigen Kulturraum prägten Intellektuelle und Künstler eine Epoche. Die Wiener Wellen der Erneuerung – und Erschütterung – erfassten rasch auch Berlin. Die deutsche Hauptstadt war der Schauplatz, an dem sich politische Instabilität, individuelle Träume und ungekannte Freiheiten zu einem mondänen Mix verbanden, der weltweit Beachtung fand. In Wissenschaft, Malerei und Literatur, Ufa-Film, Kabarett und Theater, Architektur und Design, in der Musik von Oper bis Operette – überall gehörten jüdische Kulturschaffende bis in die dreissiger Jahre zur Spitze. Als kulturelle Avantgarde setzten sie sich mit den Themen Natur und Urbanität, Sexualität und Libertinage sowie mit ihren Erfahrungen im Ersten Weltkrieg wegweisend auseinander. Lange lediglich als Anbahnung der Nazi-Zeit betrachtet, wird die Ära der Weimarer Republik vor allem in Amerika mittlerweile noch stärker als hierzulande im Kontext der europäischen Moderne wertgeschätzt. Jüngst widmeten sich gleich zwei Ausstellungen in New York dem Topos Berlin als einem immens einflussreichen Laboratorium. Die Schau «German Expressionism» ist bis Anfang Juni im Museum of Modern Art (MoMa) zu sehen.
Zweifelsohne kommt Kunst, Kultur und Wissenschaft als einem Entwicklungslabor für wegweisende Ideen gegenwärtig wie um 1900 eine Schlüsselfunktion zu. Dies in einem vielleicht noch grösseren Kontext. Sie können dazu beitragen, die stark vernetzte Welt stabiler zu machen. Ihre Vertreter und Botschafter sind Brückenbauer und im Idealfall selbst «Entwicklungshelfer»: Kosmopolitisch interaktive und kreative Persönlichkeiten sind gemeinhin aufgeschlossener für neue Impulse und Sichtweisen. Trotz bestehender Traditionen des Kulturaustausches auf diplomatischer, politischer, institutioneller und akademischer Ebene sind diesbezügliche Möglichkeiten nicht ausgeschöpft. Das internationale Symposium «The Language of Art and Music» etwa, das Mitte Februar in Berlin stattfand, widmete sich dem Potenzial von Kunst – Musik, Malerei, Film, Theater, Literatur und Musik – als neutrale Plattform: Sie, so die Hoffnung, können kulturelle, nationale und religiöse Differenzen überwinden helfen, Denkmuster erweitern und Wirklichkeit stiften angesichts sich ständig neu formierender Galaxien in virtuellen Netzwerken. Und sie können Menschen durch ein Erlebnis – ein Konzert, Film, Sportevent – auch auf emotionaler Ebene verbinden. Befürworter verstehen dies als moderate Vermittlerrolle in Zeiten der Globalisierung. Kritiker befürchten repressiven Kulturimperialismus und das Schwinden regionaler Identitäten. Zwischen diesen beiden Polen liegen die Chancen einer Kultur-Avantgarde als Exekutive einer Wertegemeinschaft heute. ●
Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.


