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Mai 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 5 Ausgabe: Nr. 5 » May 10, 2011

Merkurs Sandalen

Von Yuri Slezkine, May 10, 2011
Mit seinem Buch «Das jüdische Jahrhundert» hat der in Russland geborene Historiker Yuri Slezkine den Begriff der «merkurianischen Dienstleistungsnomaden» geprägt, die seit der Antike in allen Weltteilen auftraten. Dazu zählen Juden ebenso wie Libanesen, Inder oder Chinesen. Der folgende Text ist das Einführungskapitel des Buches.
DREMDES FACHWISSEN Chinesische Arbeiter in Libyen

An der sozialen und wirtschaftlichen Stellung der Juden im Europa des Mittelalters und der Frühen Neuzeit war nichts Ungewöhnliches. In vielen Agrar- und Hirtengesellschaften gab es Gruppen dauerhaft Fremder, die Aufgaben erfüllten, welche die Einheimischen nicht erfüllen konnten oder wollten. Um Lebensbereiche wie Tod, Handel, Magie, die Wildnis, Geld, Krankheiten und Gewalt im Inneren kümmerten sich oft Menschen, die andere Götter verehrten, in anderen Sprachen zu Hause waren und sich auf andere Ursprünge beriefen oder denen man diese Götter, Sprachen und Ursprünge zuschrieb. Derlei spezialisierte Fremde liessen sich von Fall zu Fall als Sklaven, Schreiber, Händler oder Söldner herbeischaffen, oder sie standen als demografisch geschlossene, endogame Abstammungsgruppen dauerhaft zur Verfügung. Vielleicht konnten oder mussten sie sich auf bestimmte Tätigkeiten spezialisieren, weil sie ethnisch Fremde waren, vielleicht wurden sie aber auch zu ethnisch Fremden, weil sie sich auf bestimmte Tätigkeiten spezialisierten. In jedem Fall verbanden sie eine aus sich heraus erneuerungsfähige Ethnizität mit einer gefährlichen Beschäftigung.
Im mittelalterlichen Korea waren die Koli such’ok und die Hwach’ok-chaein als Korbflechter, Schuhmacher, Jäger, Metzger, Hexer, Folterer, Grenzwächter, Clowns, Tänzer und Puppenspieler beschäftigt. Im Afrika des frühen 20. Jahrhunderts wirkten die Yibir unter den Somali als Magier, Chirurgen und Ledermacher. In Europa spezialisierten sich verschiedene Zigeuner- und Traveller-Gruppen auf Messerschleifen, Schornsteinfegen, Pferdehandel, Wahrsagerei, Schmuckherstellung und Trödelei, was Betteln und Diebstahl einschloss. Das Wandergewerbe war meist von Tauschgeschäften begleitet, und manche «fremden» Minderheiten wurden zu professionellen Händlern. Der Aufstieg von Ausgestossenen zu Kapitalisten war auch an anderen Orten Afrikas und über weite Gebiete Eurasiens keine Seltenheit. Jüdische, armenische und nestorianische (assyrische) Unternehmer schlugen aus ihrem Spezialwissen als Grenzgänger Kapital für Geschäfte, während die Mehrheit ihrer dienstleistungsorientierten Angehörigen weiterhin in Berufen mit traditionell niedrigem Status arbeitete.
Weltweit wurde der Fernhandel zum Grossteil von politisch und militärisch protegierten Diasporagruppen beherrscht – unter anderem von Griechen, Phöniziern, Venezianern und Niederländern –, doch gab es immer Raum für schutzlose und mutmasslich neutrale Fremde. So konnte sich der jüdische Unternehmer über die Kluft zwischen Christen und Muslimen hinwegsetzen, als Heereslieferant dienen oder den tabuisierten, aber notwendigen «Wucher» treiben. Der Aufstieg des europäischen Kolonialismus brachte mehr und besser spezialisierte Fremde hervor, weil der merkantile Kapitalismus in zuvor nicht monetäre regionale Tauschsysteme und Agrarwirtschaften eindrang. In Indien wurden die Parsen aus Bombay und Gujarat zu den wichtigsten kommerziellen Mittlern zwischen Europäern, dem indischen Hinterland und dem Fernen Osten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts folgten mehr als zwei Millionen Chinesen dem europäischen Kapital nach Südostasien, wo sie zahlreiche frühere Kolonien vorfanden, zum Indischen Ozean, nach Afrika und nach Nord- und Südamerika. Sie beherrschten schliesslich Handel und Industrie Südostasiens. Ähnliches gilt für Inder in Ostafrika und levantinische Christen und Muslime, die nach Westafrika, in die Vereinigten Staaten, nach Lateinamerika und in die Karibik gingen.



Erfolgreiches Fremdsein

All diese Gruppen produzierten keine Primärgüter, sondern waren darauf spezialisiert, die Bevölkerungen der umgebenden Agrar- oder Hirtengesellschaften mit Gütern und Dienstleistungen zu versorgen. Ihre wichtigste Ressource war der Mensch, nicht die Natur, und ihr Fachwissen bezog sich auf auswärtige oder fremde Angelegenheiten. Sie waren die Nachfahren – oder Vorfahren – von Hermes (Merkur), dem Gott all derer, die keine Tiere hüteten, nicht das Land bestellten oder durch das Schwert lebten, dem Schutzheiligen der Regelbrecher, Grenzgänger und Unterhändler, dem Beschützer jener Menschen, die von ihrem Verstand, ihrem Geschick und ihrer Gewitztheit lebten. Immer waren sie dauerhaft
ansässige Ausländer und berufene Fremde. Ein jüdisches Haus in der Ukraine sah nicht aus wie die Bauernhütte von nebenan, weil es nie angestrichen, repariert oder geschmückt wurde. Es gehörte nicht zur Landschaft; es war eine trockene Hülse, in der sich der wahre Schatz verbarg – die Kinder Israels und ihr Gedächtnis. Alle Nomaden definierten sich in genealogischen Begriffen; die meisten «Dienstleistungsnomaden» behielten diese Gewohnheit innerhalb der herrschenden, den Raum sakralisierenden Agrargesellschaften bei.
Da nur Fremde bestimmte gefährliche, wundersame und abstossende Dinge tun konnten, hing das Überleben der auf diese Dinge spezialisierten Völker von ihrem erfolgreichen Fremdsein ab. Dienstleistungsnomaden wurden darum oft in speziellen Stadtvierteln abgesondert und brachen mit den lokalen Anstandsregeln. Gemeinsam war ihre auffällige Abwesenheit würdevoller Männlichkeit. Doch nicht nur Bilder, auch Handlungen bringen Fremde hervor; und von allen menschlichen Handlungen glaubt man allgemein von zweien im Besonderen, dass sie Menschlichkeit und Gemeinschaft definieren: das
Essen und die Fortpflanzung. Alle Dienstleistungsnomaden sind endogam und viele von ihnen befolgen strenge Speiseverbote, die es ihnen unmöglich machen, mit ihren Nachbarn/Kunden zu fraternisieren. Zudem schaffen oder bewahren sie Sprachen, die der sie umgebenden Mehrheit fremd sind. Neben ihren mehr oder weniger geheimen Volkssprachen besitzen die Juden und einige Dienstleistungsnomaden offiziell heilige Sprachen und Alphabete, mit denen sie einen Schriftbezug zu ihren Göttern, ihrer Vergangenheit, ihrer Heimat und ihrer Erlösung bewahren. Alle Merkurianer sind also mehrsprachig; Hermes war auch der Gott der Eloquenz. Und die Gebildeten unter ihnen sind in der Regel viel gebildeter als die Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft – da Bildung, wie Sprache im Allgemeinen, sowohl zur Aufrechterhaltung ihrer separaten Identität wie auch zur Erfüllung ihrer Verbindung stiftenden kommerziellen Funktion eine Schlüsselrolle spielt.
Doch auch hier steht die Differenz an erster Stelle. Die dauerhafte Erfüllung der Verbindung stiftenden Funktion ist, wie alle Akte der Vermittlung, des Verhandelns und Übersetzens, vom Fortbestand der Differenz abhängig, und Differenz bringt merkwürdige Bettgenossen hervor: Wo immer Merkurianer leben, sind die Beziehungen zu ihren Kunden auf beiden Seiten von Feindseligkeit, Misstrauen und Verachtung geprägt. Entscheidend ist nun, dass viele dieser Einschätzungen tatsächlich zutrafen. Nicht in dem Sinn, dass bestimmte Akte tatsächlich ausgeführt wurden oder dass man Verallgemeinerungen auf bestimmte Individuen anwenden konnte, sondern sofern sie die kulturellen Werte und das Wirtschaftsgebaren einer Gemeinschaft in Begriffen einer anderen beschrieben. Die beiden Gemeinschaften waren sich sehr oft über die allgemeine Form der Beschreibung einig. Fremdheit war der Beruf der Dienstleistungsnomaden; Reserviertheit ihre Form, fremd zu bleiben, und ihre oberste Loyalität galt einander und ihrem gemeinsamen Schicksal.
Jede ökonomische Arbeitsteilung bringt eine Differenzierung der Werte mit sich. Hier hat die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung die gravierendsten Auswirkungen, unmittelbar gefolgt von der Unterscheidung zwischen Nahrungsmittelproduzenten und Jägern einerseits und Dienstleistern andererseits. Apollonier und Dionysier sind normalerweise ein und derselbe Menschenschlag, einmal nüchtern und gelassen, das andere Mal betrunken und rasend. Die Anhänger des Hermes aber sind nichts von beidem. Hermes besass nichts als seinen Verstand; Apollo, sein grosser Bruder und herablassender Gegenpart, besass fast alles auf der Welt, weil er der Gott der Viehzucht und des Ackerbaus war. 

Wichtiges Überlegenheitsgefühl

Immer wenn Apollonier zu Kosmopoliten werden, empfinden sie Merkurianer als ungewöhnlich widerspenstig und beschuldigen sie des Tribalismus, des Nepotismus, des Stammesgefühls und anderer Sünden, die vormals Tugenden waren und es in vielen Situationen immer noch sind. Tatsächlich verfügen Dienstleistungsnomaden gerade in modernen Gesellschaften in der Regel über grössere verwandtschaftliche Solidarität und mehr inneren Zusammenhalt als ihre sesshaften Nachbarn. Stammesgefühl ist die Loyalität zu einem begrenzten, wohldefinierten Kreis von wirklichen oder fiktiven Verwandten. Eine solche Loyalität schafft Vertrauen nach innen und Undurchdringlichkeit nach aussen; beides zusammen versetzt Dienstleistungsnomaden in die Lage, in einer fremden Umgebung zu überleben und unter bestimmten Bedingungen spektakulär erfolgreich zu sein.
Gleichzeitig schliesst man offenkundig Fremde mit Nachdruck von der Gemeinschaft aus. Als Stammesgefühl bezeichnet man eine Loyalität, von der man ausgeschlossen ist. Das Wesen des merkurianischen Wirtschaftens hängt mit einer weiteren Eigenschaft zusammen, die man im Wesentlichen zutreffend für typisch hält: «Sie glauben, dass sie besser sind als alle anderen, diese Schlauköpfe.» Und natürlich glauben sie das wirklich und sind es auch. «Es ist das Gefühl, als ob man auf eine Eliteschule gegangen ist», erläuterte ein Inder, den offenbar ein unbezwingbares Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Indern plagte: «Du bist stolz auf deine Eliteschule, aber du schämst dich, sobald andere davon erfahren. Du denkst, sie denken, du fühlst dich ihnen überlegen, und du tust es auch und weisst, dass es falsch ist.» Doch falsch ist dieses Überlegenheitsgefühl noch nicht seit Langem. Merkurianer verdanken ihm ihr Überleben.
Wirtschaftliche Transaktionen brachten die Mitglieder merkurianischer Gemeinschaften miteinander in Kontakt, sei es durch Schriftverkehr oder persönliche Zusammenkunft. Typisch für das jüdische Geschäftsleben waren Verbindungen mit jüdischen Gemeinschaften in entlegenen Städten und Ländern. Bankiers, Hausierer, Jeschiwa-Studenten und berühmte Rabbiner unternahmen ausgedehnte Reisen, weit über die Grenzen des bäuerlichen Vorstellungsvermögens hinaus. Sie reisten nicht nur zu Land und zu Wasser. Manche Dienstleistungsnomaden waren belesen und aus diesem Grund im doppelten Sinn Nomaden. Durch natürliche Ausweitung seiner Zuständigkeit für Klugheit und Redekunst wurde Merkur zum Schutzheiligen der Schriftsteller und Merkurianer wurden zu den wichtigsten Manipulatoren von Texten.
Über weite Strecken der Menschheitsgeschichte war es ziemlich offensichtlich, wer die Oberhand hatte. Hermes brauchte seinen Verstand, weil Apollo und Zeus so gross und stark waren. Irgendwann aber begannen sich die Dinge zu ändern: Apollo verlor seine Gelassenheit; und Hermes bluffte sich bis an die Spitze. Die moderne Industriegesellschaft bedeutete, dass jeder zu einem Dienstleistungsnomaden werden musste: mobil, clever, wortgewandt, beruflich flexibel und im Fremdsein begabt. Einige apollinische Gruppen erwiesen sich als willens und in der Lage, zum Merkurianismus überzutreten; andere scheuten davor zurück, scheiterten oder rebellierten. Keiner aber war gegen die Veränderungen gefeit, und niemand war ein besserer schriftkundiger Merkurianer, das heisst moderner, als die alten und neuen schriftkundigen Merkurianer.

Merkurianische Unternehmen

Wo immer sie auftauchten, waren sie eine kleine Minderheit, doch arabisch sprechende Immigranten von der Levante – Syrer, Palästinenser und Libanesen – beherrschten schliesslich unter anderem das Wirtschaftsleben Jamaikas, der Dominikanischen Republik und von Honduras. Im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte waren mindestens sieben der Staatsoberhäupter der Neuen Welt libanesischen Ursprungs. Verschiedene indische Diasporagemeinden haben das Britische Weltreich überlebt, das so viel tat, um sie zu vertreiben, und sind, auf traditionelle merkurianische («jüdische») Berufe wie Handel, Finanzen, Kleidung, Schmuck, Immobilien, Unterhaltung und Medizin spezialisiert, weiter in die Ferne gezogen. Heute bilden die Überseechinesen die mit Abstand grösste und zerstreuteste merkurianische Gemeinschaft. Die meisten von ihnen leben in Südostasien, wo sie es zu einer vollständigen ökonomischen Vorherrschaft brachten, die indes häufig durch eine Vielzahl lokaler Strohmänner verborgen wird.
Die beliebteste Erklärung für erfolgreichen Merkurianismus ist die «Wirtschaftsfamilie», von der man annimmt, sie befördere Vertrauen und Gehorsam im Innern, während sie die Anzahl potenzieller Nutzniesser begrenzt. Tatsächlich sind praktisch alle Geschäfte von Armeniern, Koreanern, Libanesen, Exil-Indern und Italo-Amerikanern Familienbetriebe. Selbst die grössten Handels- und Industrieimperien der Überseechinesen ähneln noch dem Bankhaus Rothschild, weil ihre regionalen Zweigstellen normalerweise von den Söhnen, Brüdern, Neffen oder Schwiegersöhnen des Gründers geleitet werden.
Eine strikt soziobiologische Erklärung des unternehmerischen Nepotismus übersieht aber, dass einige der erfolgreichsten merkurianischen Unternehmen nicht auf Verwandtschaftsstrukturen basierten. Dies gilt etwa für deutsche oder japanische Unternehmen ebenso wie für die sizilianische Mafia. Sie bedienten sich aber Familienmodelle und -metaphern, um Quasi-Familien von grosser Überlebensdauer und starkem Zusammenhalt zu schaffen. Vermutlich sind jene Gruppen am besten für merkurianische Rollen geeignet, die den alten merkurianischen Stämmen am meisten gleichen. Die wichtigste Eigenschaft, die alle Bewerber besitzen müssen, ist die Mischung aus innerem Zusammenhalt und äusserer Fremdheit: Je grösser der Zusammenhalt, desto grösser die Fremdheit, und je grösser die Fremdheit, desto grösser der Zusammenhalt, was immer zuerst dagewesen sein mag. Die beste Absicherung für beides ist ein kompromissloser und ideologisierter Familiensinn (Stammesdenken), der biologisch begründet oder angeeignet sein kann und durch ein starkes Gefühl göttlicher Auserwähltheit oder kultureller Überlegenheit befördert – bzw. tatsächlich ersetzt – werden kann.
Doch aus welchen Quellen sich seine jüngsten Varianten auch immer speisen, das Dienstleistungsnomadentum war immer eine gefährliche Angelegenheit. Als unbewaffnete Ausländer im Inland sind Merkurianer ebenso verwundbar wie fremd. Ihre Geschichte wird daher meist von spontanen Pogromen und einer fortwährenden staatlichen Ambivalenz geprägt, da Regime zwischen Erpressung und Perioden der Enteignung, Zwangsbekehrung, Vertreibung und Hinrichtung schwankten. Um für die Mehrheitsgesellschaft auf Dauer von Nut   zen zu sein, mussten Merkurianer wirtschaftlichen Erfolg vorweisen; offensichtlicher wirtschaftlicher Erfolg führte jedoch zu höherer Besteuerung, gewaltsamen Übergriffen und unausgesetzten Klagen der einheimischen Konkurrenten. Dabei ist bemerkenswert, dass die praktisch einhellige Verurteilung der versuchten «Ausrottung» der Armenier und Assyrer in der Türkei sowie der Juden und Zigeuner in Europa wenig zur Abkühlung des anti-merkurianischen Eifers beigetragen hat. So bedeutete «Afrikanisierung» in den unabhängigen afrikanischen Staaten unter anderem die Diskriminierung indischer und libanesischer Unternehmer und Beamter. Und im postkolonialen Südostasien wurden die Chinesen zur Zielscheibe vergleichbarer Bestrebungen zur Konstruktion eines Nationalstaates.    ●

Yuri Slezkine ist Professor für Geschichte an der University of California Berkeley. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags Vandenhoeck & Ruprecht.



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