logo
Mai 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 5 Ausgabe: Nr. 5 » May 10, 2011

Im Klub der mächtigen Frauen

Von Pamela Ryckman, May 10, 2011
Das Frauen-Netzwerk Belizean Grove hilft Unternehmerinnen und jungen Talenten, sich in einer immer noch von Männern dominierten Welt durchzusetzen. 1999 in San Francisco gegründet, zählt der elitäre Klub heute auch Mitglieder aus zahlreichen anderen Nationen.
EHEMALIGES MITGLIED IM FRAUENKLUB BELIZEAN GROVE US-Verfassungsrichterin Sonia Sotomayor (l.)

Der Ort war dem Anlass angemessen: Im Februar versammelten sich elitäre Vertreterinnen aus Politik, Finanzwirtschaft, Technologie und anderen Bereichen in einer Abtei aus dem 17. Jahrhundert im kolumbianischen Cartagena zu einem alljährlichen Ritual. Die Frauen gehören einem geheimnisumwitterten Kreis an, der den ganzen Erdball umfasst. Mitglieder werden nach der Manier des legendären Geheimclubs Skull & Bones der Yale University rekrutiert: Bewerbungen sind zwecklos, der Kreis wählt seine Neuzugänge selbst aus. Wer hier mittun will, muss Geld, Wissen und Macht mitbringen, um den Einfluss der Organisation zu stärken. Doch eine Gruppe darf sich überhaupt keine Hoffnungen auf eine Mitgliedschaft machen: Männer.
Der Klub nennt sich Belizean Grove. Und dass er bis heute in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist, liegt im Sinne der Gründerinnen, die vor zwölf Jahren zusammenkamen und diskretes Vorgehen bevorzugen. Erstmals in den Medien aufgetaucht ist Belizean Grove im Jahr 2009, als bekannt wurde, dass die amerikanische Verfassungsrichterin Sonia Sotomayor dem etwa 125 Frauen starken Klub angehört. Sotomayor ist mittlerweile ausgetreten. Seither hat sich herumgesprochen, dass Belizean Grove der mächtigste Verein für Frauen ist. Das überrascht kaum angesichts des Vorbilds: Die Frauen orientieren sich an einem der exklusivsten Herrenklubs weltweit, dem Bohemian Grove, einem Ableger des vor 139 Jahren gegründeten Bohemian Club in San Francisco. Diesem gehörten und gehören so viele reiche und mächtige Männer an, dass er tatsächlich wie eine Erfindung des auf Verschwörungstheorien spezialisierten Autors Dan Brown anmutet. Die US-Präsidenten Dwight Eisenhower, Richard Nixon, Jimmy Carter und beide Bushes gehören zu den Mitgliedern von Bohemian Grove, die sich alljährlich im kalifornischen Monte Rio treffen. Bei einem solchen Treffen im Jahre 1942 brüteten Mitglieder das sogenannte Manhattan Project aus, aus dem später das amerikanische Atomwaffen-Arsenal entstand.



Vertrauen und Verschwiegenheit

Die Damen von Belizean Grove sind mindestens ebenso ehrgeizig. Sie verfolgen derzeit das sogenannte White House Project, das erstmals eine Frau ins Weisse Haus schicken soll. Eingeweihte nennen einander «Grovers», sind meist über 50 Jahre alt und obwohl sie häufig kaum über ihre jeweiligen Geschäftszweige hinaus bekannt sind, sitzen sie in den Vorständen von Konzernen wie Xerox, Procter & Gamble, NYSE Euronext, Nasdaq, Nordstrom, PetSmart oder der Sportartikelkette REI. Einige Mitglieder waren zuvor bei Grosskonzernen tätig und haben sich danach selbstständig gemacht. Daneben gehören eine kanadische Senatorin und eine führende Persönlichkeit der Episkopalkirche dem Belizean Grove an. Frauen aus Kolumbien, Ecuador, Island und Neuseeland sind ebenfalls in der Gruppe vertreten. Wie bei traditionellen Herrenklubs zahlt sich eine Mitgliedschaft auch praktisch aus, etwa bei Geschäftsabschlüssen, bei der Stellensuche oder bei der Karriereberatung. Zudem hat sich Belizean Grove zu einem Vorbild für weitere Frauen-Netzwerke im Geschäftsleben entwickelt. Über Details geben «Groverinnen» jedoch ungern Auskunft. Wer wie mit wem kooperiert, geht Aussenseiter nichts an. Gegenseitiges Vertrauen und Verschwiegenheit sind oberstes Gebot bei Belizean Grove.
Höhepunkt des Klublebens sind die alljährlichen Treffen im Februar, die meist in Mittel- oder Südamerika in einem attraktiven Küstenort stattfinden. Dabei geht es zwanglos zu. Die Damen erholen sich beim Schwimmen oder Sonnen, geniessen ein Glas Wein und – vor allem – sprechen miteinander. Dabei reichen die Themen von der Kindererziehung und anderen privaten Sorgen bis zu diplomatischen Fragen oder Firmenfusionen. In Cartagena erklärte Catherine Allen, Geschäftsführerin der Beratungsfirma Santa Fe Group: «Wir lassen unsere Egos und unsere Visitenkarten am Eingang zurück. Hier funktioniert das so: ‹Ich habe dieses oder jenes Problem. Ich bin CEO eines Konzerns und stehe vor einer kniffligen Entscheidung. Was denkt ihr darüber?› Und meistens hilft das, denn andere Mitglieder hatten in der Regel schon einmal ähnliche Probleme zu lösen.» Allen ergänzt: «Hier geht es um die gegenseitige Bereicherung. Wir lernen voneinander und entwickeln Freundschaften fürs Leben.»
Die Gruppe hat sich allmählich und ohne konkrete Agenda entwickelt. Die ersten Mitglieder hatten bereits ihre Karrieren absolviert und waren auf der Suche nach Seelenverwandten, denen sie sich anvertrauen konnten. Daraus erwuchsen dann geschäftliche und politische Verbindungen. Der Klub hat Frauen aus dem Technologie-Bereich mit solchen aus dem Banken-Bereich in Kontakt gebracht, führende Persönlichkeiten aus den Medien lernten Spitzenjuristinnen kennen. Mit der Ausweitung ihrer Netzwerke können Angehörige von Belizean Grove ihren Einfluss vergrössern. Catherine Allen erklärt: «Frauen aus den Bereichen High-tech, Medien und der Geldbranche investieren gemeinsam und sitzen zusammen in Vorständen von Beteiligungskapitalfirmen. Und etliche sind dort dank anderer Frauen, die ihnen geholfen haben.» Allen selbst hat mit drei anderen «Groverinnen» unlängst eine zweite Beratungsfirma gegründet.
Doch über Details ihres Vereinslebens schweigen sich die Mitglieder aus. So bleibt unbekannt, wie Neuzugänge ausgewählt werden. Aber wer einmal in Betracht gezogen wird, kann auf eine oder mehrere Angehörige des Klubs zählen, die ihnen bei Interviews mit dem Aufnahmegremium beiseite stehen. Neue Mitglieder werden dann von diesen «grossen Schwestern» bei Meetings und gemeinsamen Klausuren eingeführt. Um Reibungen zu vermeiden, kann nur jeweils eine Frau aus einer Firma Mitglied werden. «Wir wollen einander helfen, unsere Bestimmung zu verwirklichen», erklärt Susan Stautberg die Mission von Belizean Grove. Die Präsidentin von PartnerCom hat den Klub gegründet. Ihr Unternehmen berät Firmenvorstände und vermittelt Topmanager. Strautberg weiter: «Wir helfen einander im Beruf und bei der Kindererziehung, ausserdem greifen wir uns gegenseitig bei Firmengründungen unter die Arme.»

Exklusive Frauen-Klubs

Stautberg hat auch den Verband Women Corporate Directors ins Leben gerufen, dem 850 Frauen angehören, die weltweit in den Vorständen von Unternehmen sitzen. Bei den Women Corporate Directors stehen jedoch berufliche Qualitäten im Vordergrund, eine Mitgliedschaft stellt daher kein Ticket für die Aufnahme bei Belizean Grove dar, so Stautberg: «Bei Belizean Grove hat jede Angehörige ein phänomenales Resümee, aber darüber hinaus zählen für uns Herz, Seele und Geist.» Natürlich schürt die elitäre Anmutung Misstrauen gegenüber Belizean Grove. Aber Mitglieder betonen, dass sie ohne Ansehen von Religion, Rasse, Klasse oder Parteizugehörigkeit rekrutiert worden sind und sich aufeinander verlassen können müssen, um eine wirkliche Gemeinschaft zu bilden. Zudem haben Mitglieder dank ihren exponierten Positionen Sorgen und Bedürfnisse, für die sie bei den meisten anderen Frauen weder Verständnis noch Hilfe erwarten dürfen.
Bei den Klausuren werden Mitglieder ermutigt, sich bei anderen Mitgliedern vorzustellen, die sie noch nicht kennen. Die meisten Teilnehmerinnen werden in Doppelzimmern untergebracht, nicht selten hat Susan Stautberg bei der Auswahl der Zimmergenossinnen die Hand im Spiel. Den Morgenstunden sind Podiumsdiskussionen über Themen wie «Komplexität», «Zukunftsgestaltung» oder «Weisheit und Spiritualität» gewidmet. Dabei bringen «Groverinnen» ihre Kenntnisse bei der Kriegsführung ebenso ein wie in  Philanthropie, Meeresbiologie oder in der Frage nach den geopolitischen Auswirkungen der laufenden Revolutionen in Nahost. Zur Mittagszeit folgen weitere Gesprächsrunden, bei denen auch Fragen wie «Soll ich mein Gesicht liften lassen?» zur Debatte stehen können. Über die Nachmittage verfügen die Frauen nach eigenem Belieben. Abends stehen hochkarätig besetzte Tafelrunden etwa in der jeweiligen US-Botschaft auf dem Programm, an denen die führenden Köpfe des Gastlandes teilnehmen.
«In meinem Leben gibt es ansonsten keine Zeit für entspanntes Zusammensein, aber hier lernt man sich wirklich von Grund auf kennen und kann rückhaltlose Freundschaften entwickeln», erklärt Davia Temin, Chefin der PR-Agentur Temin & Company: «Ich komme lieber mit Leuten ins Geschäft, denen ich moralisch und ethisch vertraue. Bei Grove-Mitgliedern kann ich da ganz sicher sein.» Temin macht deutlich, dass sich weibliche Spitzenkräfte häufig zunächst gegen Diskriminierung und Sexismus durchsetzen mussten, um «in einer vollständig von Männern dominierten Welt Fuss zu fassen. Da hilft es schon, wenn man sich auf ein eigenes Netzwerk stützen kann. Aber heute erklimmen wir bereits die nächste Stufe und gründen eigene Firmen.» Um gezielt junge Talente zu fördern, hat Belizean Grove die Gruppe Today’s Already Rising Achievers (TARA) für Frauen zwischen 30 und 50 gegründet. Die etwa 45 TARAs nehmen an den letzten beiden Tagen der Winter-Klausur und an anderen Events über das Jahr teil.
«Wer führt, hat die Verpflichtung, anderen zu helfen», erklärt Susan Stautberg ihr Credo: «Um relevant zu bleiben, müssen wir nachfolgende Generationen unterstützen. Wir geben Ratschläge, helfen bei der Suche nach Startkapital und ermöglichen öffentliche Auftritte. Dafür profitieren wir Älteren von der grösseren Vertrautheit der TARAs mit dem Zeitgeist und modernsten Technologien und mitunter können sie unseren eigenen Nachwuchs anheuern.» Mit 27 ist Alexa von Tobel zu jung, um Mitglied bei den TARAs zu werden, aber sie hat dennoch keinen Mangel an «grossen Schwestern». Nachdem sie 2009 die Harvard Business School verlassen hatte, um die Website LearnVest zu gründen, die Frauen in Geldfragen berät, konnte sie Startkapital bei den drei Gründerinnen der Circle Financial Group sammeln: beim Grove-Mitglied Ann Kaplan, die heute als ehemalige Goldman-Sachs-Partnerin im Vorstand der Goldman Sachs Bank USA sitzt; der ehemaligen Goldman-Sachs-Partnerin Jacki Zehner sowie bei der ehemaligen Goldman-Sachs-Vizepräsidentin Maria Chrin. Die drei Frauen halfen von Tobel erfolgreich bei der Suche nach weiteren Investorinnen. Nun revanchiert sich die Jungunternehmerin, indem sie die Grove-Mitglieder anderen jungen Talenten vorstellt. Dazu hat von Tobel im letzten Herbst die Lady Business Party in Manhattan veranstaltet, an der 100 vielversprechende junge Frauen teilnahmen.
Frauen-Netzwerke wie Belizean Grove stossen selbst bei einigen Frauen auf Misstrauen, vor allem bei solchen, die geschlechtsspezifische Organisationen ablehnen. Zudem haben viele erfolgreiche Frauen ihren Erfolg männlichen Mentoren zu danken, die gerade in Grosskonzernen immer noch an den Schaltstellen sitzen. So sind 97 Prozent der CEOs bei den Firmen in der «Forbes 500»-Liste Männer und 84 Prozent der entsprechenden Konzernvorstände sind ebenfalls männlich. Angesichts dieser Zahlen zögern viele Frauen damit, sich durch eigene Netzwerke bewusst gegen diese Herren-Front abzusetzen. So erklärt die ehemalige Oracle-Spitzenmanagerin Karen White, die heute eine Gründungskapitalsfirma leitet: «Die meisten erfolgreichen Frauen in meinem Bekanntenkreis scheren sich bei ihren Kontakten nicht um die Chromosomen. Für mich wäre es eine Zeitverschwendung, wenn ich mich auf den Aufbau eines geschlechtsspezifischen Netzwerkes konzentrieren würde. In meiner Branche existieren bereits ausserordentlich dynamische Beziehungsgeflechte, in denen ich mich bestens aufgehoben fühle.»
Selbst Grove-Mitglieder fühlen sich mitunter von ihrer ausschliesslich weiblichen Umgebung überfordert. So seufzt Davia Temin: «Im letzten Herbst hatte ich sieben grosse Frauenveranstaltungen in sieben Wochen. Am Ende hatte ich schlicht eine Dosis Testosteron nötig und war froh, wieder bei meinem Mann zu sein. Ich habe ihn gebeten, einfach über Basketball zu reden.» Alexa von Tobel ist dagegen dankbar für die Hilfe der Grove-Damen: «Ich komme aus einem winzigen Nest in Florida. Niemand aus meiner Familie war in Harvard und ich bin nicht mit einer Million Dollar in der Tasche geboren worden. Ich habe sehr hart gearbeitet, aber ich bin beeindruckt von dem Engagement dieser Frauen, die so viel tun, um Neulingen wie mir zu helfen.»    ●

Pamela Ryckman ist Reporterin bei der «New York Times».



» zurück zur Auswahl