Die Kinder des Pelikans
Die Idee wird immer wieder für das Kino aufgewärmt: Ein ehemaliger Schüler kehrt an seine Alma Mater zurück und erlebt dort erstaunliche Abenteuer. Nun hat der junge Soziologe Shamus Rahman Khan das Kunststück fertig gebracht, aus diesem alten Konzept tatsächlich neue Erkenntnisse zu gewinnen. Der Sohn eines pakistanischen Arztes und einer Irin hat in den neunziger Jahren die St. Paul’s School in Concord, New Hampshire, besucht. 2008 ist er für ein Jahr als Lehrer in diesen frostigen Winkel von Neuengland zurückgekehrt und hat dort gleichzeitig über die Formation der amerikanischen Elite geforscht. Die Resultate liegen nun mit «Privilege. The Making of an Adult Elite at St. Paul’s School» vor. Wie Khan erklärt, hatte er sich für seinen Lehr- und Studienaufenthalt mit Theorie gewappnet. Der heute 33-Jährige stützt sich vor allem auf den grossen französischen Kultursoziologen Pierre Bourdieu. Aber Khan bringt die Theorie zum Leben, indem er seine eigenen Erfahrungen in den Text einarbeitet. Daher bietet das Buch nicht nur eine aufschlussreiche, sondern auch eine unterhaltsame Lektüre.
Zur Untersuchung der amerikanischen Eliten ist das Internat in New Hampshire bestens geeignet. Im Gegensatz zu berühmten New Yorker Privatschulen wie Horace Mann oder der auf die holländische Kolonialzeit zurückgehenden Collegiate School ist St. Paul’s seit der Gründung im Jahr 1856 ein Internat. Lektionen, Sport und eine Fülle sonstiger Angebote lassen den Schülern kaum Zeit für private Momente, die sie ohnehin in Wohnheimen mit Kommilitonen und dort ebenfalls lebenden Lehrern verbringen. Die Jahre an der St. Paul’s sind daher prägender als das meist anschliessende Studium an Eliteuniversitäten wie Harvard, Yale oder Columbia. An der Schule unterrichten 110 durchweg hoch qualifizierte Pädagogen etwa 530 Zöglinge der obersten vier Klassen auf einem weitläufigen Campus, der von einem imposanten Sandsteinbau, der «chapel», dominiert wird, einer episkopalischen Kirche aus dem späten 19. Jahrhundert. St. Paul’s muss trotz der jährlichen Gebühr von derzeit 44 000 Dollar 84 Prozent der Bewerber abweisen und liegt damit weit über dem Durchschnitt amerikanischer Privatschulen, die knapp zwei Drittel der Interessenten aufnehmen und – da keine Internate – meist deutlich kostengünstiger sind.
Klassische Aufsteigerbiografien
Wie Khan feststellt, tummelt sich an der Schule daher trotz grosszügiger Stipendien – speziell für begabte Jugendliche aus Minderheiten – vorwiegend der Nachwuchs der amerikanischen Oberklasse. Dabei ist zwischen etablierten Familien wie den Vanderbilts und jenen Leuten zu unterscheiden, die sich einfach die Studiengebühren leisten können. Dazu gehören die Eltern von Khan. Beide sind in ihren Geburtsländern als Bauernkinder aufgewachsen, können aber als Einwanderer klassische amerikanische Aufsteigerbiografien vorweisen. Khan erzählt, dass ihn seine Eltern in Boston zum Geigenunterricht genötigt hätten, um für ihren Sohn neben den materiellen auch die kulturellen Qualitäten zu erwerben, die Angehörige der Eliten auszeichnen. Aber als Khan 1993 nach Concord kam, wurde ihm auch ohne Bourdieu-Lektüre rasch klar, dass zwischen dem neuen Wohlstand seiner Eltern und den Lebensumständen seiner Mitschüler Welten lagen: Etliche Kommilitonen reisten im elterlichen Privatjet an und folgten Generationen von Vorfahren nach St. Paul’s.
Diese Differenzen wurden dadurch verstärkt, dass Khan in einem speziellen Wohnheim für «Minderheiten» untergebracht wurde. Die Absonderung hat ihm die Fragen aufgedrängt, die ihn schliesslich zu seinem Buch angeregt haben: Warum wirken Schüler aus reichen Elternhäuser so entspannt und nehmen ihre Präsenz in St. Paul’s als selbstverständliches Geburtsrecht hin, während andere dies als enorme Leistung empfinden? Warum sind so viele der Schüler, die vom Internat als die besten Amerikas bezeichnet werden, zudem so reich? Doch bei seiner Rückkehr 15 Jahre später suchte Khan vergeblich nach einem Minoritäten-Wohnheim. Stattdessen hatte die Schule nun eines ihrer 18 Wohnheime für Angehörige alter Yankee-Dynastien reserviert. Für diese hat der «Paulie» E. Digby Baltzell 1964 in seinem Klassiker «The Protestant Establishment: Aristocracy and Caste in America» die bereits zuvor kursierende Abkürzung WASP (weisse, angelsächsische Protestanten) geprägt.
Aus dieser dramatischen Umkehrung der Verhältnisse gewinnt Khan die wertvollsten Erkenntnisse in seinem Buch. Er greift auf das 19. Jahrhundert zurück und erklärt, wie sich die amerikanische Oberklasse zunächst systematisch gegen die Masse armer Mitbürger abgeschottet hat. So wurde das kastellartige Zeughaus des elitären 7. Regiments an der Park Avenue und der 67. Strasse in Manhattan 1880 aus Privatmitteln des damals an die Upper East Side ziehenden Geldadels gebaut, um im Falle sozialer Unruhen als Zuflucht zu dienen. Dazu kamen die zahllosen, aus Bourdieus «Feinen Unterschieden» bekannten Merkmale kultureller und sozialer Distinktion, mit denen sich die Eliten von den Massen abgrenzten. Schulen wie St. Paul’s dienten laut Khan dazu, den Status von Oberklasse-Familien durch den Erwerb von Titeln, Beziehungen und Wissen zu sichern und an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Zu den Abgrenzungsmechanismen gegenüber der breiten Bevölkerung gehörte neben dem Ausschluss farbiger Ethnien die Ablehnung der groben und billigen Massenkultur.
Leistung, nicht nur Geld
Khan stellt zu seinem eigenen Erstaunen fest, dass sich die «feinen Unterschiede» in den letzten 20 Jahren deutlich verschoben haben. Er beschreibt, wie Kommilitonen einen Jungen abkanzeln, der Respekt für seine «blaublütige» Herkunft verlangt. Ein anderer Schüler wird von Älteren verspottet, weil er mit teuren Hemden von der Londoner Savile Row protzt. Heute führt der Weg an die Spitze der Gesellschaft über die eigene Leistung – zumindest haben sich Schule und Schüler diese Idee der «Meritokratie» inzwischen zueigen gemacht. Wer an der St. Paul‘s ist, gehört dorthin, weil er aussergewöhnlich ist – klüger, begabter und fleissiger als die Masse. Dabei werden die hohen Studiengebühren ebenso ausgeblendet wie die Bevorzugung von Nachkommen ehemaliger «Paulies». Zudem haben viele Schüler die für die Aufnahme ebenfalls notwendigen guten Noten an privaten Kindergärten, Vor- und anderen Schulen erworben.
Die Überzeugung, aussergewöhnlich zu sein, wird den Zöglingen bereits durch die Tatsache eingeimpft, dass sie von der St. Paul‘s aufgenommen worden sind. Die Schule tut dann alles, um diesen Glauben zu verstärken. Dafür steht schon das Wappen der Schule mit dem Motto: «Lasst uns auf Erden Wissen erwerben, auf das wir im Himmel aufbauen können». Es zeigt einen Pelikan, der sich die Brust mit dem Schnabel zerfleischt, um seine Jungen mit dem eigenen Blut zu füttern. Die Ikonografie geht auf eine frühchristliche Legende zurück, die den Pelikan aus einer fehlerhaften Naturbeobachtung heraus zum Symbol für Jesus Christus werden liess. St. Paul‘s signalisiert mit seinem Wahrzeichen, dass Lehrer und Angestellte sich ebenfalls selbstlos in den Dienst ihrer aussergewöhnlichen Brut stellen. Dies führt laut Khan zu einer erstaunlichen Selbstüberschätzung der Schüler, die ihre Projekte in Biologie oder Englisch allen Ernstes für wissenschaftliche Durchbrüche halten. Obendrein ist der Lehrplan ausserordentlich ehrgeizig und umfangreich. «Paulies» werden binnen Monaten durch die Religionen und die Literatur der Menschheit geführt, um zu rundum gebildeten Persönlichkeiten erzogen zu werden.
Khan hält fest, dass dies die Kapazitäten von Schülern und Lehrern gleichermassen übersteigt. Aber die Ambition des Lehrplans und der von den Schülern gezeigte Fleiss – der durchaus demonstrative Züge trägt – bilden den Kern des elitären Selbstverständnisses der Institution. Obendrein reicht der Bildungshorizont der «Paulies» heute laut Khan «von Beowulf zum weissen Hai», umfasst also über den klassischen Kanon hinaus die Populärkultur. So fliegen Schüler heute zu Opernabenden nach Manhattan und hören dabei Hip-Hop auf ihren iPods. Damit ist die ganze Welt zu der sprichwörtlichen «Auster» geworden, die Auserwählten offen steht. «Paulies» ziehen daraus jene «selbstverständliche Leichtigkeit», die Khan für die zentrale Eigenschaft der neuen Eliten hält: Man steht zu Recht an der Spitze, kennt alles und weiss alles.
Elegante Unbekümmertheit
Damit geht dem Soziologen zufolge eine gewisse Respektlosigkeit und Gleichgültigkeit Kulturgütern gegenüber einher: Ein Pavarotti-Abend in Manhattan ist den Schülern kaum mehr wert als ein Schulterzucken. Doch Khan schildert auch «Paulies», denen diese Leichtigkeit schwer fällt. So bezeichnet ein schwarzes Mädchen den Internats-Betrieb als «Bullshit» und Fassade, dem sie ihre eigene Persönlichkeit nicht opfern will. Sie steht sich daher selbst beim Erwerb elitärer Leichtigkeit im Wege. Ähnlich ergeht es einem weissen Mädchen, das ihren Fleiss übertreibt und sich derart abhetzt, dass sie zum Gespött ihrer Kommilitonen wird.
Dass St. Paul’s aussergewöhnliche Individuen quasi am laufenden Band produziert, zahlt sich für Schulabgänger umgehend aus. Khan erklärt in Anlehnung an den Klassiker «The Chosen» von Jerome Karabel, dass die Elite-Colleges Harvard, Yale und Princeton nach 1900 andere Aufnahmekriterien als exzellente Noten konstruierten, um die Zahl jüdischer Studenten zu reduzieren. Diese wurden in den diffusen Begriff «Charakter» gefasst, der in Aufnahmeinterviews an sportlichen Leistungen oder ausserschulischen Aktivitäten gemessen wurde, die armen, jüdischen Kids von der Lower East Side Manhattans nicht offenstanden. Der antisemitische Aspekt dieser Charakter-Kriterien ist längst verschwunden. Aber die von Anwärtern überwältigten Elite-Colleges – Harvard nimmt lediglich sieben Prozent der Bewerber auf – bevorzugen weiterhin Bewerber, die neben guten Noten auch aussergewöhnliche Erfahrungen und Leistungen vorweisen können. Dafür bieten die zahlreichen Angebote von St. Paul’s die besten Voraussetzungen. Die Schule beschäftigt zudem Spezialisten, die sich über persönliche Kontakte mit den Zulassungsressorts der Universitäten um die Platzierung von «Paulies» kümmern. Offensichtlich mit Erfolg: Einer Erhebung zufolge kommen von 130 Abgängern des Internats über 90 bei den zehn Top-Colleges unter.
Khans Buch lässt zweifellos Fragen offen. So stellt die «Leichtigkeit», die er als definierende Eigenschaft der neuen Eliten ausmacht, eine bekannte Qualität dar. Schon um 1920 hat der aus bürgerlichen Verhältnissen stammende Erzähler in Marcel Prousts «Suche nach der verlorenen Zeit» seinen adeligen Freund Saint-Loup für die elegante Unbekümmertheit bewundert, mit der sich dieser über Umgangsformen hinwegsetzt. Aber dennoch bereichert Khans Buch eine wachsende Literatur, die sich mit der rapide voranschreitenden Umverteilung von Vermögen und Chancen von der Masse an die Spitze der amerikanischen Gesellschaft auseinandersetzt. Laut Khan dürften sich die neuen Eliten nicht kampflos zu einer Aufgabe ihrer exponierten Stellung bewegen lassen: Schliesslich haben sie ihren Status «durch Begabung und Fleiss» gewonnen und empfinden kaum Sympathie für die übrige Menschheit, die in ihren Augen schlicht fauler oder dümmer ist. ●
Shamus Rahman Khan: «Privilege. The Making of an Adult Elite at St. Paul’s School.» Princeton University Press, 2011.
Jerome Karabel: «The Chosen: The Hidden History of Admission and Exclusion at Harvard, Yale, and Princeton.» Houghton Mifflin, 2005.
Andreas Mink ist USA-Korrespondent der Jüdischen Medien AG und Redaktor des aufbau.


