«Wir dürfen jetzt nicht bequem werden!»
Die Tötung Osama bin Ladens durch amerikanische Kommandoeinheiten ist ein epochales Ereignis. Mit der Vergeltung für die Anschläge von «9/11» konnte Barack Obama Amerika nach zehn Jahren von dem Alptraum befreien, einer nebulösen Terrororganisation ausgeliefert zu sein. Bereits wenige Tage nach dem Husarenstück von Abbottabad zeichnet sich eine Neugeburt Obamas ab. Hatten selbst seine Anhänger den Präsidenten bis zum vergangenen Wochenende als wankelmütigen Zauderer kritisiert, gewinnt nun seine Selbstdarstellung als Erwachsener unter politischen Kindsköpfen, der auf lange Sicht plant und handelt, Gaubwürdigkeit. Dennoch warnen Experten bereits vor einem Zurücksinken Amerikas in eine neue Bequemlichkeit im Kampf gegen den islamistischen Terror.
Dramatischer Sieg
So erklärte Bruce Hoffman im Gespräch mit tachles, die Liquidierung bin Ladens stelle zwar einen dramatischen Sieg dar. Aber Amerika stehe trotzdem noch ein langer Krieg gegen den islamistischen Terror bevor. Hoffman beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Terrororganisationen und hält unter anderem eine Professur an der Georgetown-Universität in Washington. Nun befürchtet er, dass Amerika die Gelegenheit verstreichen lässt, das Terrornetzwerk gänzlich auszuschalten: «Vor acht Jahren hätte bin Ladens Tod die Organisation zerstört. Doch in der Zwischenzeit hat sich al-Qaida zu einer differenzierten, diffusen und regional tief verwurzelten Kraft entwickelt. Immerhin kann das Netzwerk demnächst seinen 23. Geburtstag feiern.» Hoffman vergleicht al-Qaida mit politischen Parteien oder Staaten, die den Tod führender Köpfe ebenfalls zu überstehen pflegen. Dennoch dürfte bin Ladens mutmasslicher Nachfolger Aiman al-Sawahiri dem Experten zufolge erhebliche Probleme haben, die Organisation zusammenzuhalten, sofern die amerikanischen Sicherheitskräfte den Druck auf das transnationale Netzwerk aufrechterhalten.
Hoffman unterstreicht die enormen Fortschritte der USA auf technischem und operativen Gebiet im Kampf gegen den Terror: «Als Bill Clinton 1998 nach den al-Qaida-Anschlägen auf US-Botschaften in Ostafrika Kommandoeinheiten auf bin Laden ansetzen wollte, beschied ihm das Militär, derartige Kräfte seien schlicht nicht vorhanden.» Zudem hätten die Amerikaner in bin Ladens Villa wertvolle Informationen über die al-Qaida sicherstellen können. Davon erhofft er sich auch Aufschluss über die Rolle bin Ladens bei der Führung des Netzwerks: «Dass er sich so lange unter der Nase der pakistanischen Sicherheitskräfte verstecken konnte, wirft neben allem anderen die Frage auf, ob bin Laden vielleicht doch mehr in taktische Entscheidungen involviert war, als wir bisher angenommen haben. Die Kommandooperation zeigt, wie wenig wir in Wahrheit über die al-Qaida wissen und wie wichtig die Geheimdienstarbeit hier ist.»
Auf dem Weg zum Sieg
Hoffman beklagt die verbreitete Haltung, al-Qaida gerade mit Blick auf den «arabischen Frühling» entweder über- oder unterzubewerten. Die Organisation sei nie in der Lage gewesen, die gesamte arabische Welt zu mobilisieren. Andererseits habe sich al-Qaida neben dem chaotischen Jemen gerade in Staaten wie Somalia und Pakistan etabliert, die von den demokratischen Umwälzungen nicht berührt seien. Der «arabische Frühling» sei zwar sehr bedeutsam, habe jedoch bislang vor allem die Breitenwirkung der Islamisten beeinträchtigt: «Bis vor wenigen Monaten hat al-Qaida die Berichterstattung aus der arabischen Welt dominiert. Dem hat der ‹arabische Frühling› ein Ende bereitet.»
Für Hoffman gilt es nun zu verhindern, dass sich al-Qaida neu in Afghanistan oder den pakistanischen Stammesgebieten etabliert, wo islamistische Gruppen wie die Lashkar e-Toiba oder das Haqqani-Netzwerk weiterhin eine starke Präsenz hätten. In diesem Zusammenhang warnt der Autor von Standardwerken wie «Inside Terrorism» eindringlich vor einem überstürzten Abzug westlicher Truppen aus Afghanistan: «Wir müssen uns jetzt entscheiden, ob wir die Geduld aufbringen wollen, ein anderes Afghanistan zu schaffen – nicht im Sinne einer Nationsbildung von Grund auf. Aber Präsident Obama hat dem Militär bis 2014 Zeit gegeben, dort Zustände zu schaffen, die eine Regruppierung der al-Qaida verhindern. Ich glaube, dass wir dabei signifikante Fortschritte machen und auf dem Weg zu einem Sieg sind.» Der Schlag gegen bin Laden hat für Hoffman demonstriert, dass die al-Qaida existenziell auf sichere Rückzugsgebiete angewiesen ist: «Das kann eine Region wie das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet sein, oder eine Villa – ohne Unterschlupf stirbt die Organisation.»
«Törichtes Wunschdenken»
Der Terrorexperte warnt auch vor Spekulationen über die Auswirkungen der Kommandoaktion auf den Palästina-Konflikt. Hoffman widerspricht den Kommentatoren, die den Tod bin Ladens mit dem «arabischen Frühling» zusammenspannen und Obama nun auffordern, sich «auf die Seite des Fortschritts zu schlagen» und Israel zu einer Zweistaatenlösung zu drängen: «Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen der Tötung bin Ladens und der Lösung des arabisch-israelischen Konflikts – das wäre bestenfalls törichtes Wunschdenken.» Hoffman betont, dass bin Laden nicht durch den Palästina-Konflikt radikalisiert worden sei, sondern durch die sowjetische Invasion in Afghanistan 1979. Dass die Hamas die Ermordung bin Ladens verurteilt habe, demonstriere indes einmal mehr die Militanz und die Unwilligkeit der fundamentalistischen Bewegung zu einem Frieden mit Israel.
Mit Blick auf die Umwälzungen in Ägypten weist Hoffmann auf die jüngste Öffnung der Grenze des Nilstaates zu Gaza hin: «Die neue Regierung scheint sich wie die Hamas stärker auf Iran hinzubewegen.» Das dürfte in seinen Augen einer Zweistaatenlösung auch nicht zuträglich sein. Hoffman zieht überdies Parallelen zwischen der Tötung der Hamas-Gründer Ahmed Yassin und Abdel Aziz Rantisi durch das israelische Militär vor fast genau sieben Jahren und der Tötung bin Ladens: «Yassin war eine enorm charismatische und effektive Figur. Doch nach seinem Tod ist die Hamas nicht schwächer, sondern immer stärker und militanter geworden. Natürlich halte ich eine Zweistaatenlösung für erstrebenswert, aber die Basis dazu kann ich derzeit bei der Hamas nicht erkennen. Ich kann nur hoffen, dass der Tod bin Ladens die Hamas dazu bewegt, ihre Einschätzung über den Nutzen von Terroranschlägen zu überdenken.»


