Im Zangengriff der Paranoia
Abstruse Vorwürfe. Sean Wilentz, Professor für amerikanische Geschichte an der Princeton-Universität, hat Anfang dieser Woche in der «New Republic» eine hoffnungsvolle Frage gestellt: «Wird das Ende Osama bin Ladens Amerika aus dem Zangengriff der paranoiden Politik befreien?» Zum Wochenausgang lautet die Antwort: «Nein, Herr Professor, leider nicht.» Hatte sich das politische Washington vor der Kommandoaktion gegen den Al-Qaida-Gründer mit der absurden Frage beschäftigt, ob Barack Obama tatsächlich amerikanischer Staatsbürger ist, übertreffen sich rechte Eiferer nun in abstrusen Vorwürfen und Verdächtigungen. Den Vorreiter dabei spielt einmal mehr der auf die Kompilation Obama feindlich gesinnter Geschichten spezialisierte «Drudgereport» im Internet. Da melden die einen Zweifel am Tod bin Ladens an. Andere loben die Folterpraxis der Regierung von George W. Bush in Guantánamo, die angeblich vor vielen Jahren die Informationen «produziert» hat, die nun zur Tötung bin Ladens geführt haben sollen. Und wieder andere rufen laut nach der Veröffentlichung von Todesbildern des Terror-Emirs oder reiben dem Präsidenten widersprüchliche Aussagen seines Stabs zum Hergang der Operation unter die Nase. Immerhin erlebt Obama zumindest einen kurzfristigen Auftrieb in den Meinungsumfragen.
Offene Kritik. Das Weisse Haus hat sich die rasche Rückkehr der paranoiden Politik allerdings auch selbst zu zuschreiben. Natürlich dürfte es ausserordentlich schwierig sein, den genauen Hergang zu rekonstruieren. Allerdings konnten Obama und sein Kriegskabinett die nächtliche Kommandoaktion live über Kameras auf Helmen der Navy Seals mitverfolgen. Aber das Weisse Haus hat seine Darstellung des Hergangs inzwischen mehrfach geändert und will sich nun gar nicht mehr dazu äussern. Inzwischen sieht es so aus, als seien die Navy Seals mit dem Auftrag nach Abbottabad geflogen, um den anscheinend doch unbewaffneten bin Laden zu erschiessen – ihn also nicht gefangen zu nehmen, wie zuerst von Offiziellen behauptet. Dies hat inzwischen Benjamin Ferencz auf den Plan gerufen, der am Mittwoch in der «New York Times» die Frage gestellt hat: «War bin Ladens Tod ein geplanter, illegaler Mord?» Für Ferencz «untergraben geheime, nicht rechtlich sanktionierte Akte dieser Art die Demokratie». Immerhin hat der 91-Jährige in Nürnberg erfolgreich den Prozess gegen die Massenmörder der SS-Einsatzgruppen geführt, gegen deren Taten auch ein bin Laden verblasst. Aber die Kritik von Ferencz kommt aus einer Welt humanistischer Prinzipien, die dem «Drudgereport» denkbar fern ist.
Internes Gezerre. Das Weisse Haus ist sich zudem nicht zu schade, den Erfolg politisch auszuschlachten: Regierungsmitglieder wie Obamas Terror-Berater John Brennan stellen den Präsidenten als risikofreudigen Entscheider dar, der sich um kleinste Details der Operation gekümmert hat. Dazu will es nicht passen, dass die offizielle Version der Tötung bin Ladens schwankt. Anscheinend hat sich dieser auch nicht hinter einer seiner Frauen versteckt, wie Brennan am Montag nicht ohne Häme behauptet hat. Obamas Kritiker stürzen sich zudem auf das interne Gezerre um die Veröffentlichung der Todesbilder bin Ladens. Im Gegensatz zu CIA-Chef Leon Panetta will der amerikanische Präsident die schockierenden Fotos nun doch nicht veröffentlichen. Dies klingt nach einer gut abgewogenen Entscheidung, wie so oft bei Obama. Aber die Stimmung seiner aufgewühlten Nation scheint er damit nur bedingt zu treffen.


