Im Schatten des Tsunami
Am letzten Wochenende habe ich mich der Freiwilligengruppe aus der Präfektur Aichi angeschlossen, der Gegend um Nagoya, in der ich mit meiner Familie lebe. Wir haben Hilfslieferungen in das Katastrophengebiet 500 Kilometer nördlich von uns gebracht. Die Gruppe entstand wenige Tage nach dem Erdbeben im März. Wir waren 131 Freiwillige und fuhren mit drei Bussen und zwei LKW ins Katastrophengebiet. Unser Ziel war ein Evakuierungszentrum in einer Grundschule. Danach wollten wir bei den Aufräumungsarbeiten an der vom Tsunami besonders schwer betroffenen Küste helfen.
Auf der langen Busfahrt sollte sich jeder von uns vorstellen und seine Motive für die Teilnahme erklären. Ich sagte, dass ich den Leuten in Miyagi unweit von der Küstenmetropole Sendai helfen wollte, meinem ersten Wohnort in Japan vor über 20 Jahren. Über meine anderen Motive habe ich geschwiegen. Ich war unglücklich über die vielen Leute, die Japan von Panik ergriffen verlassen haben, weil sie Angst vor der radioaktiven Strahlung aus den Atomreaktoren von Fukushima hatten. Das waren überwiegend «Fly-jin» ( eine Kombination aus den Worten «Fly-in» – also Ausländer, die nach Japan einfliegen – und «Jin»: Leute), was die hiesigen Vorurteile gegen Nicht-Japaner bestärkt hat. Zu diesen zähle ich selbst für viele Japaner immer noch. Obwohl die «Gaijin» (Aussenseiter) nur zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen, schieben viele Einheimische ungeachtet der Tatsachen alle Probleme des Landes auf sie.
Position beziehen
Ich wollte nicht vor den Problemen davonlaufen, sondern Position beziehen. Deshalb bin ich nach dem Erdbeben zu unserer Stadtverwaltung gegangen und habe meine Hilfe für das Katastrophengebiet angeboten. Ein Beamter liess mich wissen, die Stadt habe nichts mit dem Erdbeben zu tun, und man würde mich benachrichtigen, falls man meiner bedürfte. Dann habe ich in den Nachrichten und auf Plakaten Hinweise auf das Rote Kreuz und andere Hilfsorganisationen gesehen. Überall wurden Kästen für Geldspenden aufgestellt. Ich betrachte das mit gemischten Gefühlen. Spenden erreichen nicht immer die richtigen Stellen. Grosse Organisationen tun sich mitunter schwer mit rascher Hilfe. Ich wollte mit eigenen Augen sehen, wie die Hilfsmassnahmen vorangingen.
Auf der Busfahrt haben sich andere Freiwillige ähnlich wie ich geäussert. Eine Frau wollte sich für die Unterstützung bedanken, die ihrer Familie nach dem Niigata-Erdbeben an der japanischen Westküste von 1964 zuteil wurde. Damals wurde ihr Haus schwer beschädigt, wie so viele andere. Das Alter von uns Freiwilligen reichte von Mittelschülern bis zu einem Mann in seinen Siebzigern. Als letzter kam ein Gymnasiast zu Wort. Er sagte: «Ich bin nach dem Kobe-Erdbeben von 1995 geboren worden und konnte dort nicht helfen. Dies ist das grosse Desaster meiner Generation und ich will beim Wiederaufbau dabeisein. Dann kann ich meinen Kindern davon erzählen.»
Wie Kartenhäuser
Am nächsten Morgen erreichten wir Ishinomaki. Der Himmel war bedeckt. Städtische Beamte erklärten uns, bei Regen würden die Aufräumungsarbeiten ausgesetzt. Auf den inzwischen von Schlamm und Schutt befreiten Strassen waren viele Militärlastwagen zu sehen. Halb Ishinomaki war immer noch mit Trümmern zerstörter Gebäude bedeckt, die zusammengebrochen waren wie Kartenhäuser. Der Rest der Stadt war unberührt. Hier hat der Tsunami 90 Prozent der Schäden verursacht.
Nach unserer Ankunft hat meine Gruppe Eimerbrigaden gebildet, um Kisten mit Stiefeln, Schaufeln, Unterhosen, Helmen, Regenschirmen, Gaskochern und Putzlappen aus den Lastern zu laden. Wir brachten auch Blumen zur Aufmunterung und Gemüse mit. Alle Güter waren frisch, neu und mit Etiketten versehen. In dem Evakuierungszentrum standen Kisten mit der Aufschrift «Kobe» voller Kleidung, die niemand wollte. Irgendjemand hatte sie an die Wand der Turnhalle geschoben. Danach haben wir Berge von leeren Kartons aus vorherigen Hilfslieferungen entfernt und auf die leeren Laster geladen, die nach Aichi zurückfuhren. Unsere Kartons haben wir nach Inhalt sortiert und geöffnet. Anschliessend haben wir den Flur gefegt.
Gegen Hunger und Not
Am Nachmittag kamen Leute aus dem Katastrophengebiet, um Hilfsgüter abzuholen. Niemand hatte ein System dafür organisiert. So kam es zu wüsten Szenen, die an einen Schlussverkauf erinnert haben. Die Leute haben sich um besonders begehrenswerte Dinge gerissen. Eine ältere Frau ging mit fünf Regenschirmen unter dem Arm davon. Ich habe ihren Enkel noch fragen hören: «Warum brauchen wir so viele davon?» Sie gab zurück: «Sei still!»
Wer zu spät kam, ging leer aus. Ich fragte mich, wo die lokalen Behörden waren, um bei der Verteilung zu helfen. Eine angemessene Vorbereitung hätte Wunder gewirkt. Am gleichen Nachmittag habe ich auf der Bühen der Turnhalle Kinderspiele organisiert. Eine Junge erzählte, sein Haus sei unbeschädigt. Ein anderer hatte alles verloren. Und die Schule? Die sollte am Montag mit zweiwöchiger Verspätung wieder beginnen. Wir haben Kreisel gedreht. Ein Zweitklässler fragte mich: «Opa, warum kannst du den Kreisel nicht richtig drehen? Bist du blöde?» Mit gefiel sein Humor und ich antwortete: «In deinem Alter hatte ich kein Spielzeug. Jetzt muss ich lernen. Hilf mir!» Und das hat der Junge auch getan.
Nachdem die Hilfesuchenden aus der Turnhalle verschwunden waren, ging ich durch die Nachbarschaft. Es roch nach Meer, aber nicht übel, wie an trockenen Tagen. Die Luft war staubfrei, dank des Regens. Bei meiner Rückkehr in das Evakuierungszentrum roch ich vom Ende der Halle her Curry. Als ich dem Duft nachging, sah ich einen älteren Pakistani an einem gewaltigen Kessel. Gross genug für 800 Mahlzeiten, wie er mir sagte. Ich fagte ihn: «Wann sind Sie hierher gekommen?» Er antwortete: «Wir haben einige Tage nach dem Tsunami Nagoya verlassen. Ich habe einige Freunde hier und wir sind seither in dieser Turnhalle.» Hungrige Leute gibt es hier genug und der Pakistani wusste, wie er ihnen Essen zubereiten konnte.
Auf der Heimfahrt fragte ich mich, wie man den Bedürftigsten am Besten helfen konnte. Vom Roten Kreuz oder anderen grossen Hilfsorganisationen habe ich nichts gesehen. Allerdings soll unweit des Evakuierungszentrums eine Notklinik eröffnet worden sein. Aber dafür war der Mann aus Pakistan an der verwüsteten Küste. Er hat allein gearbeitet, die Hungrigen satt gemacht und ihnen die Kraft zum Weitermachen gegeben.


