Geschäfte mit Bildern und Schicksalen
von Alfred Flechtheim (porträtiert von Otto Dix, 1926)
Die Hauptstadt Berlin war in den zwanziger und noch in den frühen dreissiger Jahren Anziehungspunkt für europäische und nicht europäische Künstler und infolgedessen auch eine Metropole des internationalen Kunsthandels. Als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, griffen sie alsbald auch in diesen florierenden Wirtschaftszweig ein und unterwarfen ihn zunehmend und umfassend ihren Interessen.
Arisierung, Enteignung, Zwangsversteigerung: Auch der Kunsthandel war in die politischen Ziele der Judenverfolgung während der NS-Zeit verstrickt. Wie diese Verstrickung aussah, zeigt eine von Christine Fischer-Defroy kuratierte Ausstellung mit dem Titel «Gute Geschäfte», die seit Mitte April und noch bis zum 31. Juli im Berliner Centrum Judaicum zu sehen ist. Zusammengestellt wurde die Schau vom Verein Aktives Museum. Faschismus und Widerstand in Berlin.
Stillschweigendes Einverständnis
Der Kunsthandel war ab 1933 nicht mehr dem Spiel der freien Kräfte am Markt, sondern nationalsozialistischen Vorgaben unterstellt. Bereits 1933 wurden erste Verordnungen erlassen, deren Konsequenz die wirtschaftliche und persönliche Demontage der jüdischen Branchenvertreter war und sein sollte: Auch Galeristen waren nun verpflichtet, der Reichskulturkammer beizutreten. Bis zum Jahr 1933 waren rund 800 Antiquare und Kunsthändler in Berlin tätig. Fünf Jahre später, als Folge der systematischen Verdrängung vom Markt, waren es weniger als 500. Viele jüdische Kunsthändler wurden Opfer antisemitischer Verfolgung. Nicht allen gelang es, rechtzeitig zu emigrieren. Andere Galeristen profitierten bei der Auflösung der Betriebe ihrer verfemten Kollegen – nicht wenige fungierten überdies als Hehler beschlagnahmter und geraubter Kunstwerke. Ab 1937 setzte zudem ein schwunghafter Handel mit den vielen in deutschen Museen als «entartet» etikettierten und deswegen entfernten Werken der Moderne ein. Die Deals waren ein Wirtschaftsfaktor für sich: Verkauf gegen Devisen ins Ausland. Dieser freihändige Verkauf, so die Ausstellungsmacher, verlief hauptsächlich über vier Kunsthändler – drei davon agierten in Berlin.
Gute Geschäfte
Gesetze wurden erlassen, die Bestände und Inventar aus jüdischem Besitz quasi per Handstreich in Besitz der neuen Machthaber brachten. Ab 1938 galt ein generelles Berufsverbot für jüdische Kunsthändler. Ihre Geschäfte wurden liquidiert oder arisiert. Das international bedeutende Galerien-Viertel im Berliner Bezirk Tiergarten, dessen Kunsthäuser und Galerien sich auf Werke der Moderne, Kubisten, Dadaisten oder Expressionisten spezialisiert hatten, wurde dadurch förmlich zerschlagen. Jüdische Kollegen erhielten schliesslich Berufsverbot, Sammlungen wurden aufgelöst, verkauft, versteigert. Während Ladengeschäfte schliessen mussten, nahm die Bedeutung von Auktionshäusern zu.
Diese versteigerten immer häufiger die privaten Sammlungen von meist jüdischen Bürgern, und oftmals deren komplette Wohnungseinrichtung, Möbel, Bücher, Antiquitäten, Teppiche noch dazu. Der Händler Leo Spik soll allein in der ersten Jahreshälfte 1941 mit solchen Versteigerungen über eine Million Reichsmark verdient haben. Anhand von 14 Fallgeschichten über bekannte und weniger bekannte Kunsthändler und Auktionatoren verdeutlicht die Berliner Schau exemplarisch, wie seinerzeit auch der Kunsthandel für die NS-Ziele, für Judenverfolgung, Ausbeutung und Ausplünderung umfänglich instrumentalisiert wurde oder sich instrumentalisieren liess, und wer Nutzniesser war. Deutsche Kunsthändler machten mit den Beständen ihrer enteigneten Kollegen «gute Geschäfte». Auch mit Beutekunst aus den im Krieg eroberten Gebieten wurde Umsatz gemacht. Und Spediteure verdienten. Zum funktionierenden System gehörte die wissentliche oder auch unwissentliche Kollaboration: das stillschweigende Einverständnis jener Käufer, die Kunstwerke mit zweifelhafter Herkunft, etwa aus dem Besitz übervorteilter Juden, zu erwerben bereit waren. Darunter auch einige der bedeutendsten Museen der Welt.
Flucht in Sachwerte
Die angesichts zunehmender Repressalien wachsende Bereitschaft zur Emigration ausnutzend, erfanden die Nationalsozialisten Zwangsabgaben wie etwa die Reichsfluchtsteuer. Diese meist aberwitzig hohen Forderungen konnten von den jüdischen Zahlungsverpflichteten zumeist nur durch Abverkäufe in grossem Stil und unter Zeitdruck bedient werden. Da auf diese Weise der Kunstmarkt binnen Kurzem mit Angeboten überschwemmt wurde, verfielen die Preise. Wer zuschlug, konnte grosse Werke zu Schleuderpreisen erwerben. Kunsthändler rissen sich komplette Sammlungen unter den Nagel. Sowohl geraubte als auch angekaufte Werke niederländischer, deutscher oder italienischer Maler sollten den Grundstock bilden für ein nie realisiertes Herzensanliegen des grössenwahnsinnigen Kunstfreundes Adolf Hitler: das erträumte opulente «Führermuseum» in einem zu errichtenden Prachtbau im österreichischen Linz.
In den letzten Kriegsjahren schürte zudem die «Katastrophenstimmung», so die Meldung, Ängste vor einer massiven Geldentwertung. Dies sorgte für die Flucht in Sachwerte und ausserordentlich grossen Andrang bei Auktionshäusern wie etwa der Berliner Firma Hans W. Lange. Die Interessenten bildeten schon Stunden vor Beginn von Vorbesichtigungen oder Versteigerungen lange Warteschlangen vor den Türen. «Denn diese Leute sind jene, die schon vor drei Jahren gesagt haben, dass wir den Krieg verlieren würden, und nun ihre Ansicht bestätigt zu finden glauben. Deshalb wollen sie möglichst viel Geld noch in Sachwerten anlegen», zitieren die Berliner Ausstellungsmacher aus den «Meldungen aus dem Reich, 22. März 1943».
Restitutionsfragen ungeklärt
Bereits 2009 beleuchteten die Autoren des Buches «Verlorene Bilder, verlorene Leben» das Thema Raubkunst und insbesondere die Schicksale jüdischer Sammler. Darunter der bekannte Galerist Alfred Flechtheim. Er ist einer der Kunsthändler, die in der Berliner Ausstellung gewürdigt werden. Flechtheim gab sein Geschäft 1936 auf und setzte sich ins Ausland ab. Seine Frau indes blieb in Berlin. Am Vorabend ihrer Deportation 1941 beging sie Selbstmord. Die Wohnung, an deren Wänden etliche Werke bedeutender moderner Künstler wie Pablo Picasso, Max Beckmann und Marc Chagall zu finden gewesen sein sollen, wurde polizeilich versiegelt – die Bilder gelten seitdem als verschollen. Ausserdem thematisieren die Macher die verschwundene, sehr bedeutende Sammlung des Berliner Unternehmers Max Cassirer. Doch die Ausstellung widmet sich auch dem Fall Wilhelm August Luz, eines nicht jüdischen Händlers, der sich nicht bereichert hat.
Die Schau zeichnet die vielen Wege vom Kunsthändler zum Kunsthehler für die Nazis nach. Einige Spuren führen bis in die Gegenwart. Doch das Schicksal vieler Werke und ihrer Käufer bleibt auch heute noch offen. Zur Rechenschaft gezogen wurde die Mehrzahl der Kunsthändler und Auktionatoren nach dem Krieg selten. Die Restitutionsfragen sind vielfach noch immer ungeklärt. Erst seit einigen Jahren richtet sich das Augenmerk verstärkt auf die Provenienzforschung. Trotz medienwirksamen Prozessen um Restitutionen weltberühmter Gemälde sind in anderen Fällen dubioser Veräusserungen nur wenige Bilder ihren einstigen Besitzern bzw. ihren Erben zurückerstattet worden. Dafür weitere Anstösse zu geben, ist eines der Ziele der Ausstellung.


