Scheu vor Verantwortung
Die Regierung der Republik Ungarn hat Anfang dieses Jahres einen Erlass über die «Erneuerung des Lebens der ungarisch-jüdischen Gemeinschaft, die Unterstützung der jüdischen Gemeinschaften, die regelmässige Kontakthaltung mit jüdischen Organisationen sowie die Durchführung der Regierungsaufgaben im Zusammenhang mit dem Gesetz Nr. 10 von 1997» verabschiedet. Besagtes Gesetz regelt die Entschädigung der Opfer des Holocausts. Ministerpräsident Orbán Viktor beauftragte den Staatssekretär für Verwaltungsangelegenheiten, András Levente Gál, mit der Verwirklichung dieser Aufgaben. Zusammenfassend bedeutet der neue Verantwortungsbereich die «kulturellen, traditionserhaltenden bzw. historischen Tatsachen der herausragenden Tätigkeit der jüdischen Gemeinschaften» zu koordinieren und sich regelmässig, mindestens einmal im Quartal, mit den Interessenvertretungen derselben zu treffen. Zudem soll sich Gál von nun an mit der Vorbereitung und Koordinierung der Fachaufgaben in Bezug auf Entschädigungsansprüche jüdischer Gemeinschaften beschäftigen. Dieser Tätigkeitsbereich wurde bisher durch ein interministerielles Gremium ausgeübt.
«Unnötige Spannungen»
Staatssekretär Gál machte sich an die Arbeit. Am 31. Januar verhandelte er mit den Vertretern jüdischer Organisationen. Laut Zusammenfassung, welche auf der Website des Ministeriums erschien, verlief die Begegnung zur gegenseitigen Zufriedenheit. Die Beteiligten hätten die Bemühungen der Regierung begrüsst und freuten sich, dass der mit dem «Judentum geführte Dialog» von der Parteipolitik ausgeklammert bleiben wird. Der Staatssekretär hat angekündigt, dass die Regierung, als Gründer des Holocaust-Dokumentationszentrums und Gedenksammlung (allgemeinhin bekannt als Holocaustmuseum) die Belegschaft des Kuratoriums neu besetzen wird.
Anfang Februar hat Gál die Dauerausstellung des Museums besichtigt, und am 17. März fand die zweite Konsultationsrunde statt. Zwei Tage später erschien ein Interviewtext auf der erwähnten Website. Wer die Fragen gestellt hat, geht aus dem Kontext nicht hervor. Klar ist nur, dass die Antworten von Gál stammen.
Die Notwendigkeit des aktiven Austausches zwischen der Regierung und den jüdischen Gemeinschaften erklärt dieser damit, dass die bisherige Praxis «unhaltbar» sei und der genannte Ausschuss aufgrund seiner «undurchschaubaren Tätigkeit» aufgelöst werden musste. Auch hinsichtlich einiger Details der Dauerausstellung fand Gál Einwände und bat um eine konzeptionelle Veränderung. Ganz konkret kritisierte er, dass gleich nach
einem Foto, das den Einmarsch der ungarischen Armee nach Nordsiebenbürgen (1940) darstellt, ein weiteres Bild folgt, das die Vernichtung der dortigen jüdischen Bevölkerung (1944) zeigt. Gál sagt: «Es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen einerseits der Rückkehr der von Ungarn bewohnten Gebiete ins Mutterland sowie dem Einmarsch des Reichsverwesers Miklós Horthy und andererseits der Tatsache, dass später Menschen von dort aus in den Tod getrieben worden sind. Das ist eine Entstellung der Geschichte, die unnötige Spannungen hervorruft.»
Heikle Themen
Der Diskurs in Ungarn, ob die Verantwortung für die Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Ungarn die Deutschen oder die Ungarn belastet, ist nicht neu. Unabhängiges historisches Denken und Staatsräson gingen in dieser Frage sehr oft auseinander. Während der Wiedergutmachungsverhandlungen mit der Bundesrepublik Deutschland in den sechziger Jahren und auch in den folgenden Jahrzehnten der Kádár-Ära galt die pauschalisierte Bewertung, dass die im März 1944 nach Ungarn einmarschierten deutschen Militäreinheiten die Ermordung und Ausplünderung der Juden verantworten. Das Thema der Judenverfolgung galt ohnehin als äusserst heikel und der Akzent wurde auf den – ansonsten ziemlich bescheidenen – antifaschistischen Widerstand gesetzt.
So auch in der 1965 eröffneten und 1979 erweiterten Dauerausstellung in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Die Modernisierung dieser Ausstellung fiel in die erste Regierungszeit von Viktor Orbán. Das im Jahr 1999 von Historiker István Ihász ausgearbeitete Ausstellungskonzept vermittelte ein Gesamtbild, auf welches jeder Mensch mit nationalkonservativer Weltauffassung stolz sein konnte: Im Vordergrund stand die Schuld der Deutschen und nur ganz weniger Ungarn. Das seit 1919 praktizierte, antijüdische Verhalten der ungarischen Regierungen wurde völlig ausser Acht gelassen. Damals wurde die Thematik auf Druck liberaler ungarischer Historiker geändert.
Ein Freispruch
Die direkte Einmischung des Staatssekretärs in eine historische Sachfrage ist im Kontext der aktuellen ungarischen Situation zu verstehen. Laut dem neuen Grundgesetz, das die Regierung Orbán im Eiltempo geschaffen hat und am 18. April mit ihrer überwältigenden Mehrheit durch das Parlament zog, soll Ungarn seine Selbstbestimmung im März 1944 (Einmarsch der Wehrmacht) verloren und erst im Mai 1990 (freie Wahlen) wieder gewonnen haben. Historiker beanstanden an dieser Auffassung mit Recht, dass sie sowohl die antifaschistische Demokratie zwischen 1945 und 1948 als auch die Ausrufung der Republik Ungarn am 23. Oktober 1989 ignoriert.
Wichtiger aus jüdischer Sicht erscheint die Tatsache, dass die Deportierung Hunderttausender Juden, nicht zuletzt aus Nordsiebenbürgen im Frühjahr und Sommer 1944 auf Befehl ungarischer Behörden, wenn auch auf Adolf Eichmanns Direktive, stattgefunden hat. Die Behauptung, die Ungarn handelten völlig unfrei, ist einem Freispruch gleich. Der andere Aspekt der neuen Verfassung, der jüdische Belange betrifft, ist die starke Betonung der christlichen Werte in einem Land, in dem Menschen verschiedener Konfessionen zusammenleben. In Frage stellen kann man auch die Hervorhebung der Heiligen Krone als Grundsymbol des Landes.
Manipulierte Geschichtsschreibung
Vor diesem Hintergrund fanden jüngst weitere Konsultationen zwischen Staatssekretär Gál und den Vertretern jüdischer Organisationen statt, das Kuratorium und der Direktor des Holocaust-Dekumentationszentrums wurden abgelöst. Die jüdische Einheitsgemeinde reagiert mit einer speziellen Werbekampagne: Um ihre nichtjüdischen Mitbürger und -bürgerinnen für sich zu gewinnen, hat sie in Budapest Grossplakate aufgehängt. Auf der Werbefläche werden mit mehrfarbiger Schrift jüdische Witze mit den Protagonisten «Kohn und Grün» veröffentlicht. Warum eigentlich? «Warum nicht?», fragen die Vertreter der Gemeinde zurück und erklären: «Ziel der Kampagne sei ein Versuch, die allseits geliebte Seite der jüdischen Kultur zu zeigen und andere Assoziationen mit dem Judentum zu wecken.
Proteste gegen die staatliche Manipulation der Geschichtsschreibung gibt es sowohl seitens Historiker wie auch der Aktivisten auf Facebook. Ein aussichtsreicher Diskurs über ungarische-jüdische Geschichte und Zukunft wird aber erst stattfinden können, wenn die ungarische Gesellschaft zu ihren ursprünglichen demokratischen Werten zurückfindet.


