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29. April 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 17 Ausgabe: Nr. 17 » April 29, 2011

Kurzes Atemholen an Pessach

Von Naomi Bubis, April 29, 2011
Gerade an Pessach ist Israel ein beliebtes Reiseziel für Menschen aus aller Welt. Auf den ersten Blick scheint es, als würden die politischen Schlagzeilen im Feiertagstrubel in den Hintergrund rücken - in Wirklichkeit aber sind die innen- und aussenpolitischen Sorgen nicht weniger virulent als sonst.
ANZIEHENDE STADT Tel Aviv im Trubel der Feiertage und des Weltgeschehens

Auch in diesem Jahr gab es einige Bäckereien in Tel Aviv, die trotz kommunaler Strafgelder an Pessach frisch gebackenes Brot verkauften. Gegen Mittag waren die Backwaren bereits ausverkauft, so gross war die Nachfrage in der säkularen Mittelmeermetropole nach Roggenbrot und Rosinenbrötchen anstatt Matze. Auch die Restaurants hielten sich kaum an die religiösen Vorschriften, und die kulinarische Szene Tel Avivs boomte gerade in diesen zwei Wochen der Brot- und Teigwaren-Restriktionen.
Wer dieser Tage durch Tel Aviv schlendert, wird merken, dass am Strand und in den Cafés entlang der belebtesten Strassen der Stadt derzeit mehr Französisch, Deutsch und Italienisch als Hebräisch gesprochen wird. Die Hotels sind ausgebucht, viele neue kleine Boutiquehotels profitieren von der  touristischen Hochzeit. Der trendige Reiseführer Lonely Planet hat Tel Aviv auf Platz drei der Top-Ten-Städte für das Jahr 2011 gesetzt.



Traurige Schlagzeilen

Während die Ausländer den Strand belegen, zog es die Israeli an Pessach vermehrt in die Natur. Am Mittwoch vergangener Woche etwa reisten 450 000 Israeli durchs Land, besuchten den Galil, Jerusalem und die Naturschutzgebiete. Trotz anhaltender Raketenwarnungen begaben sich 50 000 Menschen in die Negev-Wüste. Wie jedes Jahr gab es neben endlosen Staus auch viele teils tödliche Verkehrsunfälle. Bilanz der Feiertage: Ein Fahrer eines Betonmischers, der nie zuvor am Steuer eines  Autobusses gesessen hatte, sollte eine Ausflugsgruppe von Jerusalem zurück in das arabische Dorf  Majd al-Karum bringen.
Er dämmerte hinter dem Lenkrad ein und verlor die Kontrolle über den Bus: 46 Insassen wurden verletzt, drei davon schwer. Zwei junge Frauen wurden auf der Schnellstrasse zum Flughafen getötet; eine übermüdete Autofahrerin übersah einen Radfahrer, der trotz Helm den Sturz vom Rad nicht überlebte; ein Rollerfahrer wurde von einem Autobus überfahren; ein Fussgänger von einem Privatwagen erfasst. Diese traurigen  Schlagzeilen verdrängten tagelang andere Geschehnisse aus der Berichterstattung.
 Erst die Aufstände in Syrien und der Mord am Neffen der israelischen Bildungsministerin Limor Livnat brachte die Politik zurück ins gesellschaftliche Bewusstsein. Palästinensische Polizisten hatten am Sonntag beim Josephsgrab im nördlichen Westjordanland den 24-jährigen Neffen der Ministerin erschossen und vier weitere orthodoxe Israeli verletzt, als diese ohne Genehmigung zum Josephsgrab nahe der Palästinenserstadt Nablus gefahren waren, um zu beten. Das Josephsgrab liegt auf palästinensisch kontrolliertem Gebiet. Nach der Überlieferung ist es die letzte Ruhestätte des biblischen Patriarchen. Nablus ging in den neunziger Jahren im Rahmen des Friedensprozesses von israelischer in palästinensische Kontrolle über. Im Jahr 2000 zogen sich die israelischen Truppen zurück, die Grabstätte wurde jedoch kurz darauf in Brand gesteckt. Das Bauwerk wurde restauriert, und aufgrund der Koopera-tion zwischen israelischen und palästinensischen Sicherheitskräften waren in den vergangenen Jahren jüdische orthodoxe Pilger in organisierten Gruppen dorthin gereist.

Eine historische Zäsur?

Einen weiteren Fokus setzten die Medien auf die blutigen Unruhen in Syrien; sie werden in Israel mit Sorge beobachtet. Viele Menschen fragen sich, was ein Regimewechsel für den jüdischen Staat bedeuten würde. Die Furcht davor dominiert – wie schon zuvor beim Umsturz in Ägypten – dass ein islamistisches Regime in Syrien an die Macht kommen könnte. Doch hält diese Angst die Israeli nicht davon ab, den Golan zu besichtigen, wie der Besucherstrom während der Feiertage letzter Woche zeigte. Es ist die schönste Ausflugszeit jetzt im blühenden Frühling, um die israelisch-syrische Grenze zu besuchen. Diesen Anblick wollten viele Besucher trotz den Unruhen auf der syrischen Seite geniessen. Die politischen Kommentatoren und Beobachter wiegen das Pro und Kontra eines Umsturzes in Syrien ab. Die liberale Tageszeitung «Haaretz» schreibt, die Revolten in den angrenzenden arabischen Ländern kämen Premierminister Binyamin Netanjahu gerade recht. Dieser könne sich nun hinter den Aufständischen ducken, um den Friedensprozess weiter stagnieren zu lassen.
Es wird viel darüber diskutiert, wie viel eigentlich ein Friedensvertrag mit einem Diktator wert ist? Dabei richtet sich das Augenmerk auf Ägypten als Fallbeispiel für künftige Friedensverträge. Wird der Vertrag mit Israel von Hosni Mubaraks Nachfolger respektiert werden? Derzeit sieht es eher danach aus, dass sich das «Post-Mubarak-Ägypten» von Israel abwendet. Sollte Baschar al-Assad es nicht schaffen, seine Autorität zu konsolidieren, würde dies enormen Druck auf Syriens Verbündete auslösen: Iran, die schiitische Hizbollah im Libanon und die Hamas-Regierung im palästinensischen Gazastreifen. Ein Regimewechsel in Syrien, dem härtesten Polizeistaat in der Region, würde eine historische Zäsur bedeuten, die den gesamten Nahen Osten wohl zum Besseren verändern könnte.

Ein unabhängiges Palästina?

Ein anderes Thema, über das diskutiert wird, ist der geplante palästinensische Alleingang  im September, um bei der Uno-Vollversammlung die Anerkennung eines unabhängigen Palästina zu erwirken. Sollte das bis September anvisierte Ziel eines Friedensvertrages mit Israel nicht erreicht werden, will Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas vor der Uno das Recht seines Volkes auf einen eigenen Staat unilateral einfordern. Abbas hat erklärt, an den Verhandlungstisch zurückkehren zu wollen, wenn Israel den Siedlungsbau einstelle und sich vollständig aus dem Westjordanland und Ostjerusalem zurückziehe. Netanjahu hingegen insistiert darauf, dass Friedensgespräche ohne Vorbedingungen aufgenommen werden müssten. Nach jahrelanger Stagnation unter allen Regierungen sind die Israeli müde. Ihnen reicht ein Status quo – ohne Raketenangriffe und ohne Terroranschläge. Komplizierte Abkommen und Friedensverhandlungen erwecken hier wenig Euphorie.

Israel als Sündenbock

Die Menschen sind politikverdrossen, die Zeiten der Friedensdemonstrationen liegen lange zurück. Dabei wird das Spek-trum an Interessen immer enger: Israeli kümmern sich kaum um Auslandsnachrichten, vielmehr bewegt die Menschen in Israel die  interne Korruption, die zunehmende Jugendkriminalität und die Armut. Dass sich die Israeli wenig um ihr Image im Ausland scheren, zeigt eine Studie der BBC. Unter den Befragten hatten nur 21 Prozent eine positive Meinung zu Israel – immerhin zwei Prozent mehr als letztes Jahr. Laut der BBC-Umfrage gibt es nur drei Länder, die unbeliebter als Israel sind: Pakistan, Nord-Korea und Iran. Doch tangieren solche Umfragen hier wenige Gemüter. Längst hat man sich damit abgefunden, der Sündenbock im Ausland zu sein.
Trotz politischer Resignation ist die Mehrzahl der Israeli durchaus ausgeglichen. In einer aktuellen Umfrage des Gallup-Instituts sagten 73 Prozent der befragten Israeli, sie seien zufrieden mit dem Leben in ihrem Land. Damit erweisen sie sich als glücklichere Bürger im Vergleich etwa zu den Amerikanern und Briten. Israel nimmt den siebten Platz auf der Zufriedenheitsskala unter den 124 befragten Nationen ein. Am glücklichsten sind die Dänen, dicht gefolgt von Kanadiern, Australiern und Finnen. Das Schlusslicht bildet der Tschad mit einem Prozent positiv gestimmter Bürger – und nur 14 Prozent der Palästinenser bezeichnen sich als zufrieden.    



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