Die Erscheinung des Antlitzes
Die bis heute andauernde Ermahnung des Auszugs aus Ägypten hat auch mit der Aktualität der Botschaft zu tun; die Revolte gegen jegliche Form der Unterjochung und der Traum von einer Gesellschaft, die auf Freiheit und Verantwortlichkeit gründet.
Die Ägypter selbst waren die Sklaven einer Wirtschaft, die vom Hochwasserstand des Nils abhängig war, welchen man mathematisch genau vorhersagen konnte und das der Spontaneität und Kreativität keinen Platz liess. Deswegen versklavten sie die Hebräer und projizierten dadurch ihre eigene innere Entfremdung auf die anderen, denen sie so den Status von freien Menschen entziehen konnten.
Nun wird den Menschen vom Moment an, ab dem sie im Dienst einer perfekt kontrollierten wirtschaftlichen Maschinerie stehen, das Recht abgesprochen, ein Gesicht zu haben. Den Beweis dafür kann man auf den Fresken in den Pyramiden sehen, auf denen die dargestellten Personen sich nicht durch ihre einzigartigen Gesichter unterscheiden, sondern lediglich durch ihre Funktionen. Man erkennt Seeleute und anhand der Werkzeuge, die sie tragen, auch Bauern. Aber ihre im Profil gezeigten Gesichter sehen eines wie das andere aus, ohne dass eine Person von der anderen unterschieden werden könnte. Es herrschte ein Regime, unter welchem die Menschen durch die ihnen zugeteilte wirtschaftliche Nützlichkeit definiert wurden. Der Ägypter ohne Gesicht, Sklave seines eigenen Lebenssystems, konnte mit anderen keine auf der Freiheit basierende Beziehung aufbauen.
Ist diese Situation aber nicht heute ebenso aktuell? Der moderne Mensch wird perfekt verwaltet, klassiert, etikettiert, computerisiert, reduziert auf eine Rolle, die rationell definiert wird.
Moderne Versklavung
Leon Aschkenasi Zal sagte einst: «Die Zivilisationen zelebrieren die Werte, die ihnen am meisten fehlen.» Wenn wir also die Freiheit mit so viel Inbrunst zelebrieren, dann vielleicht deshalb, weil sie uns schrecklich fehlt, da wir sie mit den unendlichen Möglichkeiten verwechselt haben, die uns die Moderne bietet. Durch die eigenen Leidenschaften dazu verleitet zu werden, sich diesen oder jenen Wunsch zu erfüllen, ist eine subtile Form der Versklavung, die wir mit der Freiheit verwechseln.
Ohne Befreiung von inneren und äusseren Zwängen gibt es keine Freiheit. Freiheit ist nicht eine grundsätzliche Gabe des Bewusstseins, sondern eine Eroberung, ein Ziel, eine Berufung. Sie ist die wesentliche Bedingung für die Entstehung des Glaubens und der Beziehung zu Gott.
Die ersten Worte, die Gott am Fusse des Bergs Sinai an das jüdische Volk richtete, waren folgende: «Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich geführt hat aus dem Lande Mizrajim, aus dem Knechthaus.» Diese Worte wiederum bedeuten, dass der Mensch sich von allen Bestimmungen und Knechtschaften befreien muss, um von der erhabenen Botschaft durchströmt zu werden: «Ich bin der Ewige, dein Gott.»
Gott fordert uns auf, alle Zwänge zu durchbrechen, die uns fesseln, um so unsere spirituelle Dimension und die uns innewohnende göttliche Gegenwart zu entdecken, den Glauben und die Beziehung zum Göttlichen zu verinnerlichen. Mit anderen Worten: Um an Gott zu glauben, muss man zuerst an den Menschen als ein Ergebnis seiner eigenen Geschichte und nicht als von den Umständen und den sozialen Strukturen bestimmtes Wesen glauben.
Brot der Armut oder der Freiheit?
Diese Gedanken führen uns zum tieferen Sinn der Matza. Zu ihr lesen wir in der Haggada: «Dies ist das Brot der Armut, das unsere Väter im Lande Ägypten assen.» Eine sehr paradoxe Art, die Nacht der Freiheit einzuweihen, die der Seder doch ist. Der Maharal von Prag, ein jüdischer Denker des 16. Jahrhunderts, hinterfragt diese Formulierung mit den folgenden Worten: «Welchen Zusammenhang gibt es zwischen der Armut und der Freiheit?» In seiner Antwort präzisiert er den Sinn der Armut in Zusammenhang mit der Matza: Dem Beispiel des Armen folgend, der sich lediglich über sich selbst definieren kann (weil er weder Güter noch sozialen Status besitzt), entsteht die Matza aus einem auf seine strikte Definition reduzierten Teig, nämlich aus Mehl und Wasser. Man reichert ihn weder mit Hefe noch mit aromatischen Zusätzen an, und so steht er als Symbol der Einfachheit und Armut.
Denn frei zu sein bedeutet weder die Aufmerksamkeit der anderen noch Reichtum nötig zu haben, um die eigene Identität ausdrücken zu können. Wenn es von meinen Gütern, meinem sozialen Status oder meiner Visitenkarte abhängt, ob ich respektiert werde, dann bin ich nicht wirklich frei. Ich muss für das geachtet werden, was ich bin, und nicht um dessentwillen, was ich habe. Es sind die Eigenschaften meines Wesens, die meinen Wert bestimmen.
Der Arme also ist dazu «verurteilt», sich durch sich selbst zu definieren. Denn er kann sich weder auf seine Besitztümer verlassen, von denen er keine hat, noch auf die Aufmerksamkeit anderer, die ihm nicht zuteil wird. Wobei es wohlverstanden nicht darum gehen kann, Armut zu entschuldigen. Ein Armutsgelübde hat nie zu den Werten des Judentums gehört. Viel mehr geht es für uns darum, nach der Reinheit des Daseins und der Unabhängigkeit zu streben. Und das ist der Grund, weshalb die Matza, die jene Einfachheit des Wesens symbolisiert, die Idee der Freiheit am getreuesten widerspiegelt.
Die Thora im Herzen
Es ist nicht leicht, sich über seine eigene Identität zu definieren. Denn oft erscheint sie uns inhaltslos. Wir richten unseren Blick auf das Äusserliche, um uns zu definieren, weil uns das Innerliche leer zu sein scheint.
Und dabei ist doch die Thora in unseren Herzen und Seelen festgeschrieben. Das Ungeborene, im Leib seiner Mutter geborgen und im Bewusstsein seiner Seele, kennt die ganze Thora (Talmud, Nida 30b). Bei der Geburt verliert es dieses Bewusstsein seiner Seele und vergisst damit auch die Thora. Wenn sich die Seele (in der Gebärmutter) offenbart, tut dies auch die Thora, und wenn (nach der Geburt) die Seele durch die Schwere des Körpers verhüllt wird, wird die Thora in das Unterbewusstsein zurückgedrängt. So sind die Seele und die Thora die zwei Aspekte einer einzigen und gleichen Realität.
Studieren bedeutet deshalb, die Essenz unseres Daseins zum Vorschein kommen zu lassen, die Thora, unsere Seele. Deshalb lehrt uns der Lubliner Rabbi Zadok Hacohen: «Die Thora ist gekommen, um die Seelen Israels sich äussern zu lassen.» Indem ich die Thora interpretiere, lasse ich meine Seele sich äussern.
Auf diese Weise ist meine Identität nicht mehr inhaltslos. Ich habe es nicht mehr nötig, mich über Äusserlichkeiten zu definieren. Ich habe also Zugang zur Freiheit und zur Unabhängigkeit. Ich existiere.
Die Bibelexegese drückt es auf beredte Art und Weise aus: «Und Gott hatte sie [die Gesetzestafeln] selbst gemacht und selber die Schrift eingegraben» (Exodus 32, 16). Die Tafeln symbolisieren das Herz des jüdischen Volkes. Im Hebräischen aber heisst gravieren «charut», während «cherut» für die Freiheit steht, wobei beide Wörter aus denselben Buchstaben bestehen. Unsere Weisen schliessen daraus: Wenn die Thora in
unseren Herzen festgeschrieben wird («charut»), dann sind wir wirklich frei («cherut»), weil wir uns dann durch uns selbst definieren.
Dergestalt identifizieren sich der Reiche wie der Arme über ihr reines und authentisches Dasein. Sie treten in die innere Dimension ihres Gesichts, in das Geheimnis ihrer Wesenheit ein, die sie mit der Transzendenz verbindet.
Und hier liegt der Grund dafür, weshalb die vier Leviten, welche die Bundeslade in die Wüste trugen, sich während des Gehens von Antlitz zu Antlitz sehen mussten. Die Botschaft der Thora, die sich in der Lade befand, erleuchtete ihre Gesichter und nährte die Unbegrenztheit der Verantwortung vor dem Antlitz des anderen. Welch erschütternder Kontrast zu den Personen, die auf den Fresken der ägyptischen Pyramiden dargestellt wurden und keine individuellen Gesichter haben.
Möge der tiefe Sinn der Mizwa Matza uns dazu einladen, uns für die Offenbarung des Antlitzes des anderen und des Höchsten zu öffnen.
Oberrabbiner Marc Raphaël Guedj ist Leiter der Stiftung Racines et Sources in Genf.


