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15. April 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 15/16 Ausgabe: Nr. 15 » April 15, 2011

Detroits nahezu vergessener Friedhof

Von Julian Voloj, April 15, 2011
Die Stadt Detroit, einst Zentrum der Autoindustrie, kämpft heute mit Arbeitslosigkeit, Kriminalität, dem Wegzug wohlhabenderer Einwohner und dem Verfall verschiedener Stadtviertel. Der jüdische Friedhof Beth Olem blieb jedoch erhalten und wurde gar zum Ort der Begegnung und Erinnerung an vergangene Tage.

Harry Levine ist Schuhverkäufer in Detroit. Noch vor Jahren war der Stadtteil, in dem sich sein Laden befindet, sehr jüdisch, doch heute leben hier zunehmend Afroamerikaner. Viele seiner Freunde haben Detroit bereits Richtung Suburbs verlassen. Doch nicht Harry. Er will hier in Frieden leben und daran glauben, dass die Angst seiner jüdischen Freunde von den «Schwarzen» unbegründet ist. Doch eines morgens findet er eine antisemitische Schmiererei an der Fensterscheibe seines Ladens. Als er in den Keller geht, um einen Eimer und Seife zu holen, findet er dort antisemitische Literatur, die dem Sohn seines Nachbarn gehört, der aus dem Keller einen Treffpunkt der Black Panthers gemacht hat. Harrys Freunde sind sich sicher, dass der Junge hinter der antisemitischen Schmiererei steckt, doch Harry will das nicht wahrhaben.



Die Abwanderung der weissen Bevölkerung

So beginnt Susan Messers Roman «Grand River and Joy», der im Jahr 1966 spielt. Ein Jahr vor den Rassenunruhen, die das Ende der jüdischen Gemeinde Detroits markieren. Messers Roman ist vielleicht das beste Dokument, das sich mit Detroits jüdischer Geschichte kurz vor den Rassenunruhen beschäftigt. Das Buch basiert stark auf Messers eigener Familiengeschichte und der von anderen Zeitzeugen, was den Roman so authentisch macht.
In einem anderen Kapitel unterhält sich Harrys Frau Ruth mit anderen Frauen darüber, ob man Detroit verlassen soll und in die Suburbs zieht oder aufgeklärter und toleranter ist, da man als Jude Verfolgung gut kenne. Eine der anderen Frauen antwortet daraufhin: «Das Thema ist für uns Juden nicht neu. Es geht darum, die Zeichen der Zeit zu erkennen und zu wissen, wann wir gehen müssen. Das Thema ist so alt wie die Geschichte des Exodus.»
Die Zeichen der Zeit kamen für viele Detroiter, wie auch für Harry und Ruth Levine im Roman, unerwartet im Juli 1967. Detroit brannte, und diejenigen, die noch nicht in die Vororte, die Suburbs, gezogen waren, verliessen die Stadt kurz darauf. Detroit erlebte einen Massenexodus der weissen Bevölkerung.
Das hebräische Wort für Ägypten, «mizrajim», hängt etymologisch mit dem Wort «mizarim» zusammen, dass ein enges Gebiet bezeichnet, und dies ist auch das, was der französische Stadtgründer Antoine de la Mothe Cadillac meinte, als er die Stadt am Eriesee 1701 als «Ville d’Etroit» («Stadt an der Meerenge») nannte, aus der später Detroit wurde.
Nach dem «white flight», dem Exodus der weissen Einwohner, wurde Detroit zu einer schwarzen Stadt, in der heute über
80 Prozent Afroamerikaner leben. Einst Zentrum der Autoindus­trie, ist heute etwa ein Drittel der Einwohner arbeitslos und die Stadt ist berüchtigt wegen ihrer hohen Kriminalitätsrate. Auch heute noch, über 40 Jahre nach den Rassenunruhen, haben ehemalige Detroiter Angst, in die Stadt zurückzukehren. «Detroit News» berichtete sogar davon, dass viele die Särge ihrer verstorbenen Verwandten exhumieren lassen, um sie auf Friedhöfen in den Suburbs erneut zu beerdigen, da Friedhofsbesuche ihnen zu gefährlich erscheinen. Über 1000 Umverlegungen sollen seit 2002 durchgeführt worden sein. Ein ausgewachsener Trend, der jedoch nicht für Detroits Juden gilt, da eine Umverlegung die Totenruhe stören würde.

Das Haus der Ewigkeit

Die meisten jüdischen Friedhöfe befinden sich in den sicheren Vororten wie etwa Ferndale oder Clinton Township. Nur die drei ältesten Friedhöfe befinden sich innerhalb von Detroits Stadtgrenzen. Temple Beth El Cemetery, der älteste jüdische Friedhof im Bundesstaat Michigan, ist heute Teil des Elmwood Cemetery, östlich von Downtown. Der Bnai David Cemetery liegt heute nahezu vergessen im Nord­osten der Stadt, umgeben von leerstehenden Häusern, ausgebrannten Theatern und Schrotthändlern.
Und dann ist da noch Beth Olem, ein Friedhof, den Richard Bak in seinem kürzlich erschienen Buch «Boneyards. Detroit Under Ground» als einen der «interessantesten, aber zugleich sehr schwer zugänglichen Friedhöfe in Michigan» bezeichnet. Beth Olem, wörtlich «das Haus der Ewigkeit» oder auch «das Haus der Welt», befindet sich abgeschnitten von aller Welt auf dem Fabrikgebäude von General Motors im Stadtteil Poletown. Um zu dem Friedhof zu gelangen, muss man erst durch das Haupttor der Fabrikanlage, verschiedene Papiere unterschreiben und fährt dann zum nächsten Sicherheitsposten, wo man von einem Wachmann vorbei an einer Autoteststrecke zum Friedhof eskortiert wird. Der Friedhof ist von weitem erkennbar. Eine braune, etwa zweieinhalb Meter hohe Mauer, hinter der ein paar Bäume hervorschauen. Umfährt man die Mauer in einem Halbkreis, kommt man zum Eingangstor über dem «Beth Olem» auf Englisch geschrieben steht.
Zweimal im Jahr ist der Friedhof der Öffentlichkeit zugänglich. Am Sonntag zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur und am Sonntag vor Pessach kommen ehemalige Detroiter Juden zum Friedhof, um Kaddisch am Grab von Verwandten und Bekannten zu sagen. «Und die Leute kommen nicht nur aus den Suburbs nach Detroit», erklärt James D. Grey, der einem auf dem Friedhof willkommen heisst. «Die Leute kommen aus allen Teilen der USA. Viele aus Kalifornien oder New York, einige sogar aus Israel.» Grey ist ehemaliger Vorsitzender der Jewish Historical Society und kennt den Friedhof so gut wie kaum ein anderer. Auch einige seiner Verwandten sind hier begraben.

Jüdisches Leben in Detroit

Auch wenn vereinzelte jüdische Einwohner bereits Mitte des 18. Jahrhunderts dokumentiert sind, fing organisiertes jü-disches Leben in Detroit erst 1850 an, als sich zwölf jüdische Familien zu der Bet El Society zusammenschlossen. Detroit hatte damals etwa 21 000 Einwohner.
Die Bet El Society engagierte den New Yorker Rabbiner Samuel Marcus, der die Gemeinde orthodox leitete. Ein Jahr später, 1851, wurde der erste jüdische Friedhof auf der Champlain Street (heute Lafayette Street) eingeweiht. Während der Choleraepidemie 1854 wurde auch Rabbiner Marcus hier begraben. Sein Nachfolger, Rabbiner Leibman Adler, machte die Gemeinde zunehmend liberaler und nahm Innovationen des deutschen Reformjudentums an. 1862 spaltete sich daher ein Teil der Mitglieder ab und gründete Detroits zweite jüdische Gemeinde, Shaarey Zedek. Die neue orthodoxe Gemeinde mietete einen Gebetsraum, organisierte Religionsunterricht und kaufte im Norden Detroits Land, das als Friedhof dienen sollte. 1868 fand dort das erste jüdische Begräbnis statt.
Ende des 19. Jahrhunderts wanderten Hunderttausende von osteuropäischen Juden nach Amerika aus, und nicht wenige fanden ihren Weg von Ellis Island nach Michigan. Schon bald diente der Smith Street Cemetery, wie Beth Olem allgemein genannt wurde, nicht nur Shaarey Zedek, sondern auch anderen orthodoxen Gemeinden, die in Detroit gegründet wurdeen.
Mit der osteuropäischen Immigration wurde die ländliche Gegend um den Friedhof sehr städtisch und der Stadtteil trug schon bald den Spitznamen Poletown. War die Gegend um den Friedhof herum zunächst nur von einzelnen Bauernhöfen umgeben gewesen, so unterschied sich Poletown nur unwesentlich von anderen Immigrantenvierteln Detroits.
Die industrielle Revolution machte Detroit um die Jahrhundertwende zu einem der wichtigsten wirtschaftlichen Zentren der USA. Die Dodge Brothers bauten 1910 eine Fabrik in der Nähe des Friedhofs, und andere Automobilhersteller folgten. Detroit war eine Stadt der Zukunft. Menschen aus allen Teilen der USA zogen hierhin, um Arbeit zu finden und Teil des wirtschaftlichen Booms zu werden. 1920 hatte Detroit bereits 35 000 Juden und ein vielseitiges jüdisches Leben, das sich in vieler Hinsicht mit dem anderer amerikanischer Städte messen konnte.

Anziehungspunkt für jüdische Migranten

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs beendete zwar die jüdische Immigration aus Osteuropa, aber die inneramerikanische Migration nach Detroit ging weiter. Als eine Quotenregelung jüdische Immigration in die USA 1924 beendete, war das nicht das Ende der jüdischen Migration nach Detroit. Juden, vor allem aus New York, Philadelphia, Baltimore und Cleveland, zogen hierhin, um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen zu finden. 1940 hatte Detroit bereits über 85 000 Juden, 48 jüdische Gemeinden, Dutzende von jüdischen Schulen, Gemeindezentren, jüdische Krankenhäuser, Organisationen und Zeitungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg fing der Umzug in die Vororte Detroits an. Wie überall in den USA, manifestierte sich auch in Detroit der Wunsch der Mittelklasse, in grösseren Häusern mit mehr Grünflächen zu leben. Detroits Juden teilten diesen amerikanischen Traum vom Eigenheim in den Suburbs mit ihren nicht jüdischen Nachbarn.

Das Zutun Chryslers

Die letzte Beerdigung auf dem Friedhof Beth Olem fand 1948 statt. Ein neuer Friedhof wurde nördlich von Detroit in den Suburbs errichtet, näher an den Wohnorten der jüdischen Gemeinden. 1966 kaufte Chrysler, der die Dodge Bro­thers übernommen hatte, zwei Strassenblöcke in Poletown, um dort einen Parkplatz für seine Fabrik zu bauen. Einer der beiden Blöcke war Smith Street, an der sich der Friedhof befand. Nach einem längeren Rechtsstreit stimmte Chrysler zu, der jüdischen Gemeinde 10 000 Dollar zu zahlen, damit diese Chrysler grünes Licht für den Parkplatz geben. Im Gegenzug liess Chrysler einen speziellen Zugangsweg erbauen, der den Friedhof weiterhin zugänglich machte. «Der Friedhof war damals in einem schrecklichen Zustand», weiss Grey. Regenfälle brachten viele Grabsteine zum Umsturz. Auch Vandalismus und mutwillige Friedhofsschändung waren nicht selten. Die um 1880 erbaute Begräbnishalle drohte zusammenzubrechen. Das Geld wurde also dringend gebraucht, um den Friedhof zu restaurieren.

Der Verfall von Poletown

Die Rassenunruhen 1967 beschleunigten den Exodus von Detroits Juden in die Suburbs. Poletown wurde zu einer Geisterstadt. Viele Häuser wurden Treffpunkte für Drogensüchtige, Prostitution und andere Laster waren hier alltäglich. Als Teil der gut bewachten Chrysler-Fabrik war der Friedhof jedoch geschützt. 1980 kaufte General Motors einen Grossteil der Gegend auf, darunter auch die alte Chrysler-Fabrik. Der Bürgermeister und andere in der Stadtverwaltung begrüssten die Pläne von General Motors, hier den Cadillac Motor Assembly Plant zu errichten. Die Fabrik sollte die bereits tief in der Depression steckende Stadt durch Arbeitsplätze erneut beleben. Trotz heftiger Proteste und Klagen wurden die meist sehr armen Einwohner von Poletown von der Stadtverwaltung enteignet und bescheiden kompensiert, damit sie sich andernorts neu ansiedeln. Richard Bak berichtet, dass 1300 Häuser, 140 Geschäfte, sechs Kirchen und ein Krankenhaus abgerissen wurden. Clay Avenue, eine der grössten Strassen in Poletown, verschwand wie viele andere Strassen der Gegend.
Doch der Friedhof war ein Problem. General Motors wollte den Friedhof ebenfalls abreissen, doch da die Halacha eine Verlegung der etwa 1400 Gräber verbot, und da Beth Olem unter Denkmalschutz stand, musste ein Kompromiss gefunden werden. Die Stadt baute eine Mauer um die Gräber, welche den brüchigen Zaun ersetzte. General Motors errichtete eine spezielle Zugangsstrasse und versprach, Friedhofsbesuche regelmässig zu ermöglichen, und Shaarey Zedek blieb verantwortlich für die Instandhaltung des Friedhofs. Seitdem ist der Friedhof zweimal im Jahr, jeweils für lediglich zwei Stunden, zugänglich.
Die General-Motors-Fabrik brachte nie den erhofften Aufschwung der Stadt Detroit und auch nicht die versprochenen Arbeitsplätze. Doch für den Friedhof war sie ein Geschenk Gottes. Während etwa Detroits Trinity Cemetery ein Warnschild aufstellen muss, das Besucher ermahnt, sich nicht allzu weit von ihren Autos zu entfernen und diese immer abzuschliessen, ist Beth Olem der wohl bestgeschützte Friedhof der Stadt.

Ein verbindender Ort der Erinnerung

«Etwa 20 bis 30 Besucher kommen jedes Mal», erklärt Grey. Darunter ein Achzigjähriger, der den Friedhof aufräumt, ein älteres Ehepaar aus Florida, das eine Liste mit Namen von verstorbenen Verwandten hat, ein paar alte Damen aus den Suburbs und ein orthodoxer Mann aus Israel. Beth Olem, das Haus der Welt, ist nicht nur ein Friedhof, sondern erfüllt auch eine ganz andere Aufgabe; er bringt Menschen aus aller Welt zusammen, um sich an das alte Detroit zu erinnern. Wo habt ihr damals gewohnt? Erinnerst du dich noch an den Laden an der und der Ecke? Wir haben damals dort und dort gewohnt. Kennst Du noch den so und so? Neue Bekannte aus der alten Nachbarschaft unterhalten sich über eine untergegangene Welt, ebenso wie jüdischen Landsmannschaften sich Anfang des 20. Jahrhunderts über das Leben in Europa unterhielten.
Im Epilog von Messers Roman ist auch Harry mit seiner Familie in die Suburbs gezogen. Wer weiss, vielleicht würde auch er zum Friedhof kommen, um hier Freunde aus der alten Nachbarschaft wiederzutreffen. 



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