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15. April 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 15/16 Ausgabe: Nr. 15 » April 15, 2011

Buch der Freiheit, Freiheit des Buches

Editorial von Yves Kugelmann, April 15, 2011

Zeit der Zeiten. Freiheit versteht, wer die Unfreiheit kennt. Dieses Primat ist nicht umkehrbar. Denken über Freiheit ist Teil der jüdischen Geschichte wie die Unfreiheit selbst. Gerade jüdische Denkerinnen und Denker des 20. Jahrhunderts von Isaiah Berlin bis Hannah Arendt, Emmanuel Lévinas oder Nelly Sachs, von Rosa Luxemburg bis Karl Popper suchten in ihren Werken letztlich die Antworten auf die Frage, was die Idee der Freiheit ist. Sie hinterfragten die Idee der Freiheit nach der Aufklärung und im Angesicht von Revolten, Kolonialismus und Massenmord. Mit vielen anderen haben sie die Moderne vorausgedacht, die den heutigen Generationen in Europa und Nordamerika die friedlichsten, sichersten, sozial gerechtesten Zeiten vielleicht seit je garantiert, Menschen- und Völkerrechte bewirkt hat. Doch Freiheit ist nicht Freiheit.



Nacht der Nächte. Pessach 2011 ist anders. Die Erzählungen vom Auszug aus Ägypten stehen in diesem Jahr im Kontext der Umwälzungen in der ganzen Region. Vergangenheit und Gegenwart vereinen sich symbolisch, Mythologie und Realität treffen in diesem Jahr im Wunsch nach Freiheit aufeinander. Parallelen sind naheliegend – doch «mizrajim» ist nicht Ägypten, Pharao nicht Hosni Mubarak, Mythos nicht Historie. Die Sedernacht lehrt nicht die Revolution, sondern die Freiheit. Sie lehrt nicht ein makkabäisches Heldenepos von Freiheitskämpfern, sondern die Kultivierung der Bescheidenheit, der Reduktion und Sinnwerdung.

Frage der Fragen. Ist Religion letztlich die Bedingung für oder das Gegenteil von Freiheit? Schliesst Glaube Freiheit aus oder nicht? Können menschlicher Verstand, aufgeklärte Vernunft und Freiheit einhergehen mit dem Transzendentalen? Vielleicht ist eine der jüdischen Antworten das Diesseits und der radikale Menschbezug. Juden wandern in die Welt und Moses formuliert die erste Verfassung, die ersten Gesetze der Menschheitsgeschichte. Denn Gesetze braucht, wer im Hier und Jetzt lebt. Gesetze braucht, wer in Gemeinschaft funktionieren möchte, Naturgesetze und das Recht des Stärkeren aufheben möchte. Gesetze braucht, wer Individuen Rechte und Recht einräumt. So mutiert der Monotheismus nicht nur zur Absage an die Vielgötterei, sondern zum Beginn einer Idee der Freiheit, die Gott als mythologische Möglichkeit und nicht als vereinnahmende Bedingung impliziert. Das Individuum wird in die Freiheit entlassen – frei zu glauben, frei zu sein – und frei im Denken.

Buch der Bücher. Die Haggada ist das Antimanifest und kein Kodex. Eine Erzählung und kein Regelwerk. Von niemandem geschrieben, für alle verständlich. Ein didaktisches Meister- und ein Lehrstück für die Erziehung zur Freiheit. Erziehung zur freien Gesellschaft mit freien Individuen. Die jüdischen Denkerinnen und Denker dieser Tradition von Martin Buber bis Gershom Scholem, Josef Agnon bis Franz Rosenzweig oder Sigmund Freud bis Albert Einstein aber werden zusehends abgelöst von Ideologen, Funktionären und Programmatikern, die dem Judentum und den Juden die Freiheit nehmen, die vermeintliche jüdische Doktrin, Sache, Verheissung definieren und vorgeben wollen. Doch Judentum ist Dialektik und keine Partei. Judentum ist nicht Hülle, sondern Wesen. Es gibt keine «Jewish correctness». Je länger aber Lobbyisten, Politiker oder falsche Freunde die innerjüdische Debatte ersticken, eine Kultur der Dialektik unter Verkennung ihrer selbst auf einheitlichen Mainstream trimmen wollen, desto mehr entwesentlichen sie Freiheit und Sinn jüdischer Kultur, Tradition, Geschichte und Ganzheit.

Zeit der Zeiten. Wer nur die Freiheit kennt, weiss nicht, was sie bedeutet. Die Pessachgeschichte lehrt, wie eine Gemeinschaft gebildet wird, indem sie auf den Weg geschickt wird. Judentum entsteht durch die Gesetze am Berge Sinai. Juden beginnen sich als Gemeinschaft zu verstehen durch die Erlangung der Freiheit. Pessach 2011 ist anders. Denn die Sanktionen wider den jüdischen Pluralismus, wider freies jüdisches Denken und freie Meinungsäusserung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Die Einflussnahme und Vereinnahmung der jüdischen Gemeinschaft durch Extremisten, Missionare und Eiferer, Lobbyisten, Funktionäre, Pädagogen hin zur Ideologie anstatt zur Freiheit verkennt die Lehre der Haggada und die jüdische Idee der Freiheit, die am Seder wieder in Erinnerung gerufen soll.   



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