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April 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 4 Ausgabe: Nr. 4 » April 11, 2011

Zionismus und kulturelle Renaissance

Von Martin Dreyfus, April 11, 2011
Der Einfluss der jüdischen Studentenverbindung Bar Kochba in Prag.

Im Jahr 1911 erschien im Verlag von Rütten & Loening die erste Ausgabe von Martin Bubers «Drei Reden über das Judentum». Die drei Reden gingen auf Ansprachen zurück, die Buber auf Einladung des Vereins jüdischer Hochschüler Bar Kochba in Prag in den Jahren 1909 bis 1911 gehalten hatte. Hans Kohn, damals Mitglied bei Bar Kochba, schrieb dazu in seiner Biografie über Martin Buber: «Buber fand hier zum ersten Mal einen jüdischen Kreis, der seine Lehre dankbar aufnahm, sie weiterbildete und weitergab an später breiter werdende Kreise. Für die im Bar Kochba zusammengeschlossene westjüdische, durchaus assimilierte und dem Judentum entfremdete Jugend wurde Buber der Lehrer, der das Geistesleben der Studenten in die Breite weiterte und in die Tiefe aufwühlte.»
Heute erinnert vor allem das Buch «Vom Judentum. Eine Sammelschrift herausgegeben vom Verein jüdischer Hochschüler Bar Kochba in Prag», 1913 im Verlag von Kurt Wolff in Berlin erschienen, an einen Kreis, welcher zu dieser Zeit seinen Zenith schon überschritten hatte. Unter der Redaktion von Hans Kohn trugen neben Martin Buber so unterschiedliche Autorinnen und Autoren wie Margarete Susman, Hugo Bergmann, Max Brod, Jakob Wassermann und Arnold Zweig zu diesem in der jüdischen Öffentlichkeit Aufsehen erregenden Werk bei. Autoren, die später als dem Prager Kreis um Franz Kafka und Max Brod zugehörig bekannt wurden, nahmen an den Veranstaltungen von Bar Kochba aktiven Anteil, neben Brod selber insbesondere Robert und Felix Weltsch und der blinde Schriftsteller Oskar Baum («Die Tür ins Unmögliche» ist sein bekanntester Roman). Wenige Male nahm auch Franz Kafka selbst teil. In den Jahren zwischen 1910 und 1919 wurde die damals in Prag erscheinende zionistische Wochenschrift «Die Selbstwehr» von Mitgliedern von Bar Kochba redigiert, so zum Beispiel zwischen 1913 und 1918 von Siegmund Kaznelson, der seinerseits von 1921 bis zu seinem Tod 1959 in der Emigration in Israel der Leiter des 1902 in Berlin gegründeten Jüdischen Verlags war.



Einfluss auf Zionisten

Karl Wolfskehl und Jakob Wassermann schrieben Beiträge zum «jüdischen Wesen», Margarete Susman zu «Spinoza und das jüdische Weltgefühl», Ludwig Strauss zu «Die Revolutionierung der westjüdischen Intelligenz», Arnold Zweig schrieb zum Thema «Die Demokratie und die Seele des Juden», und unter dem Titel «Das Erwachen der jüdischen Seele» schrieb Nathan Birnbaum einen Beitrag. Gustav Landauer schrieb über Ketzergedanken, Moritz Heimann über jüdische Kunst und Max Brod über «Jüdische Dichter deutscher Zunge». Bis heute sind noch viele dieser Texte lesenswert, und manche sind auch erschreckend aktuell geblieben.
In den Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg hatte der Prager Hochschulverein Bar Kochba eine entscheidende Wirkung auf die zionistische Bewegung, wie sie wohl kaum je eine andere Vereinigung jüdischer Hochschüler zuvor oder später je auszuüben vermochte. 
Begründet worden war der Verein bereits 1893; seit dem Entstehen des politischen Zionismus um 1897 standen der Verein beziehungsweise seine Mitglieder dieser Bewegung nahe. Der politischen Arbeit stellten seine Exponenten zumindest gleichgewichtig aber immer auch die pädagogische und kulturelle Tätigkeit im Sinne einer Wiederbelebung jüdischer Tradition und des kulturellen Erbes zur Seite und grenzten sich damit gegen ein sich zionistisch gebärdendes Couleurstudententum ab. Die Zeit seiner grössten Bedeutung erlebte Bar Kochba in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, als er innerhalb der zionistischen Organisation seinen kulturellen Auffassungen zum Durchbruch verhelfen konnte. In den Jahren nach 1925 trugen einige Bar-Kochba-Mitglieder wesentlich zum Aufbau der hebräischen Universität in Jerusalem bei, allen voran der 1924 von Prag nach Palästina ausgewanderte Hugo Bergmann.

Jüdisches Gedankengut

Parallel zu Bar Kochba in Prag (aber ohne direkten Zusammenhang) gründeten einige aus Galizien kommende Studenten in Wien eine gleichnamige Verbindung. An diesen «Wiener Zusammenschluss» erinnert heute vor allem der 1910 in Wien im Selbstverlag erschienene «Jüdische Almanach 5670. Herausgegeben aus Anlass des 25-semestrigen Jubiläums von der Vereinigung jüdischer Hochschüler aus Galizien Bar Kochba in Wien». Auch hier war ein zionistischer Einfluss unverkennbar. Neben Martin Buber mit «Der Jude und sein Werk» publizierten in dieser Ausgabe auch Achad Ha’am («Nach dem Tode Theodor Herzls») oder Max Jungmann («Träumerei»). Ein Grossteil der Beiträge allerdings zielte vermehrt auf die «kulturelle Erneuerung» des Judentums ab. Ausserdem gab es hier Beiträge etwa von Arthur Schnitzler («Vom jungen Herzl» und «Paralipomena zum Weg ins Freie»). Vertreten sind auch manche kaum mehr im Bewusstsein verankerte Lyriker wie Camill Hoffmann («Lobgesang») und Arthur Silbergleit («Moses»).
Beide Vereinigungen erweisen in ihren Publikationen nicht nur ein weites Spannungsfeld, sondern auch die zu dieser Zeit untrennbare Verbindung zwischen (einem politisch ausgerichteten) Zionismus und einer damit einhergehenden kulturellen Renaissance und der Emanzipation und eigenständigen Entwicklung jüdischen Gedankengutes in Philosophie, Literatur, Kunst und anderen Gebieten, die bis heute ihren Einfluss nicht gänzlich verloren hat.    ●

Martin Dreyfus ist Experte für Verlagsgeschichte und Literatur. Er lebt in Zürich.



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