Empirismus und logische Analyse
Bereits im frühen 20. Jahrhundert, zwischen 1907 und 1912, trafen sich der Soziologe und Ökonom Otto Neurath (1882–1945), der Mathematiker Hans Hahn (1879–1934) und der Physiker Philipp Frank (1884–1966), um über verschiedene wissenschaftstheoretische Fragen zu diskutieren. Retrospektiv wird von einem «ersten Wiener Kreis» gesprochen. Dieser ist auch deshalb von Bedeutung, weil alle drei Genannten eine zentrale Rolle in jener Gruppe spielten, auf die der Begriff Wiener Kreis heute zumeist bezogen wird. Im Jahr 1922 wurde (nicht zuletzt auf Betreiben Hahns) der deutsche Erkenntnistheoretiker Moritz Schlick (1882–1936), der bei Max Planck dissertiert und Publikationen über Einsteins Relativitätstheorie verfasst hatte, als Nachfolger von Ernst Mach und Ludwig Boltzmann an die Wiener Universität auf den Lehrstuhl für Naturphilosophie berufen. Schlick war es auch, der ab 1924 eine Diskussionsrunde organisierte, die sich an den Donnerstagabenden während des Semesters regelmässig traf. Philosophisch interessierte Wissenschaftler und wissenschaftlich orientierte Philosophen diskutierten in wechselnder Zusammensetzung, weswegen man bei den Mitgliedern des Wiener Kreises in der Regel zwischen einer weiteren Peripherie und einem engeren Kern unterscheidet. Neben den bereits Erwähnten, also Schlick, Hahn, Frank und Neurath, gehörten zu dieser auch als Schlick-Kreis bezeichneten Runde unter anderen der Logiker und Sprachphilosoph Rudolf Carnap (1891–1970), die Philosophen Victor Kraft (1880–1975), Friedrich Waismann (1896–1959), die Mathematiker Karl Menger (1902–1985) und Kurt Gödel (1906–1978) oder auch die Philosophin Rose Rand (1903–1980), deren Protokolle der Sitzungen glücklicherweise erhalten geblieben sind. Innerhalb dieses Zirkels bildeten Hahn, Frank, Neurath und Carnap den sogenannten linken Wiener Kreis, ein Kunstterminus, der auf die sozialistische Orientierung dieser Mitglieder verwies. Bis heute häufig mit dem Wiener Kreis verbundene Persönlichkeiten sind auch Ludwig Wittgenstein, dessen berühmter «Tractatus logico-philosophicus» darin über einen Zeitraum von zwei Jahren hinweg intensiv diskutiert wurde, und Karl Popper, dessen 1934 erschienenes Werk «Logik der Forschung» in einer von Schlick und Frank herausgegebenen Schriftenreihe erschien. Weder Wittgenstein noch Popper waren aber jemals Teilnehmer des Schlick-Zirkels, sie traten im Gegenteil auch explizit als seine Kritiker in Erscheinung und stiessen bei manchen seiner Mitglieder – insbesondere bei Neurath – selbst auf Ablehnung. Am legendären «Positivismusstreit» der sechziger Jahre, der am eingangs erwähnten negativen Image des logischen Empirismus grossen Anteil hatte, war keines der früheren Mitglieder des Wiener Kreises beteiligt.
Schwerpunkte des Kreises
Was waren nun die Themen des Wiener Kreises und worin bestand sein spezifischer wissenschaftstheoretischer Ansatz? Betrachtet man das Fächerspektrum und die Interessen seiner Mitglieder, so sticht ein gewisser Schwerpunkt in den Bereichen Wissenschaftstheorie und Naturwissenschaften (insbesondere Physik und Mathematik) ins Auge. Otto Neurath als Soziologe und Ökonom bildete eine Ausnahme. Gerade er spielte aber dennoch eine Schlüsselrolle, nicht nur als unorthodoxer Denker, sondern auch als organisatorischer Motor, als «our big locomotive», wie es Carnap einmal nannte. Obwohl der Wiener Kreis zweifellos kein monolithischer Blick gewesen ist und unter seinen Mitgliedern eine beträchtliche Heterogenität der wissenschaftlichen Positionen existierte, lassen sich doch gewisse grundlegende Gemeinsamkeiten feststellen, durch die die verschiedenen Ansätze miteinander verbunden waren. Die beträchtlichen Fortschritte in den Naturwissenschaften und insbesondere in der Physik (Relativitätstheorie, Quantenmechanik) sollten in der Erkenntnistheorie aufgegriffen und die Philosophie auf Basis strenger Wissenschaftlichkeit betrieben werden. Ihre zukünftige Rolle konnte nicht mehr die einer «Königsdisziplin» sein, die über den wissenschaftlichen Einzeldisziplinen thronte, sondern sie musste sich im Wesentlichen auf Wissenschaftslogik beschränken. Wichtige Grundannahmen der vom Wiener Kreis vertretenen Verbindung aus Empirismus und logischer Analyse waren, dass erstens Erkenntnis nur durch Erfahrung gewonnen werden kann (was auch gegen die Erkenntnistheorie Kants gerichtet war), und dass zweitens Aussagen, bei denen nicht durch Erfahrung entschieden werden kann, ob sie wahr oder falsch sind, sinnlose Aussagen sind. Damit war ein klarer Gegensatz zwischen dem Logischen Empirismus und der traditionellen «Schulphilosophie» definiert, die als Metaphysik abgelehnt wurde. Ein Ziel des Logischen Empirismus war es, dass alle Sätze der Wissenschaften letztlich in einer Sprache ausgedrückt werden können, womit der vielfach behauptete grundsätzliche Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaften aufgehoben und eine «Einheitswissenschaft» geschaffen werden sollte. Natürlich gab es um die genaue Begründung und vor allem auch um die Konsequenzen dieser hier nur grob vereinfacht skizzierten Auffassung nicht nur massiven Widerspruch von aussen, sondern auch Auseinandersetzungen innerhalb des Wiener Kreises. Dennoch existierte eine gemeinsame Basis des Zirkels, der auch wegen der kontinuierlichen gemeinsamen wissenschaftlichen Arbeit einer Gruppe von Personen aus unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen als «Denkkollektiv» bezeichnet werden kann.
Das Ende der Gruppe
Inwieweit waren die Aussagen des Wiener Kreises auch gesellschaftlich und politisch relevant? Zunächst einmal war neben den wissenschaftsphilosophischen Debatten auch ein volksbildnerischer Anspruch wirksam. 1928 wurde deswegen der Verein Ernst Mach gegründet, der den Ideenkosmos des Wiener Kreises in Vorträgen vor nicht wissenschaftlichem Publikum popularisieren sollte. Im darauf folgenden Jahr (1929) erschien das Manifest «Wissenschaftliche Weltauffassung. Der Wiener Kreis», das von Neurath, Hahn und Carnap verfasst worden war. Darin wurde auf eine «merkwürdige Übereinstimmung» der wissenschaftlichen Weltauffassung mit «Bestrebungen zur Neugestaltung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse, zur Vereinigung der Menschheit, zur Erneuerung der Schule und der Erziehung» verwiesen. Dies und auch die Kampfansage, den metaphysischen und theologischen Schutt von Jahrtausenden aus dem Weg räumen zu wollen, stellte eine kaum verhohlene Sympathiekundgebung für den im Roten Wien äusserst präsenten Austromarxismus dar. Auch wenn nicht alle Mitglieder des Wiener Kreises über diese Positionierung glücklich waren, trug sie zweifellos dazu bei, dass gerade auch die politische Rechte ein sozialistisches Projekt hinter der Philosophenrunde vermutete. Als sich nach dem Bürgerkrieg im Februar 1934 eine austrofaschistische Diktatur etablierte, wurde der Verein Ernst Mach aufgelöst, der politisch punzierte Neurath musste emigrieren und nur wenige Monate später starb Hahn. Frank und Carnap waren zu diesem Zeitpunkt längst in Prag, und Schlick wurde 1936 auf der Treppe der Wiener Universität von einem nationalsozialistischen Studenten ermordet. Damit hatte der Wiener Kreis zu existieren aufgehört. Die Terrorherrschaft des Nationalsozialismus, der 1933 in Deutschland und 1938 in Österreich an die Macht kam, bedeutete für die noch lebenden Mitglieder nicht nur Verfolgung aus politischen Gründen. Viele Mitglieder waren auch wegen ihrer jüdischen Abstammung mit dem Tod bedroht und mussten im Zuge des expansionistischen NS-Vernichtungskriegs von ihren kontinentaleuropäischen Emigrationsländern weiter in die USA oder nach England fliehen. Trotz vereinzelter Kontakte kann nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kaum mehr von einer Kontinuität des Wiener Kreises in der Emigration gesprochen werden. Auch die Arbeitsschwerpunkte mancher Mitglieder verlagerten sich nun. Neurath war zwar in seiner Emigration für die internationalen Kongresse für die Einheit der Wissenschaft und als einer der Herausgeber einer «Enzyklopädie der Einheitswissenschaft» überaus aktiv. Er widmete sich vor allem in seiner britischen Zeit (1940–1945) aber vorrangig der Bildpädagogik (die freilich schon in der Wiener Zeit eine grosse Rolle für ihn gespielt hatte), fungierte als Planer und Berater für innovative Wohnprojekte und gestaltete gemeinsam mit seiner Frau Marie und dem Filmemacher und Produzenten Paul Rotha eine ganze Reihe von politischen Aufklärungs- und Propagandafilmen im Auftrag des britischen Informationsministeriums. Die jahrelange Verfolgung als «Halbjude» und Sozialist hatte in ihm einen grundlegenden Reflexionsprozess ausgelöst. Er räsonierte nun über die geistigen und kulturellen Ursachen des Nationalsozialismus und unterbreitete eine Reihe von Vorschlägen für den kommenden Prozess der «re-education» der postfaschistischen Gesellschaft. Da er bereits im Dezember 1945 starb, blieb deren praktische Wirksamkeit aber zunächst gering. Zu einer Rückkehr der «vertriebenen Vernunft» (Friedrich Stadler) nach Wien kam es nach 1945 aber nicht. Manche der Mitglieder des Wiener Kreises waren nun nicht mehr am Leben, andere kehrten – aus politischen, aber auch wissenschaftlichen Gründen – nicht mehr zurück. An deutschen und österreichischen Universitäten wurde der logisch-empirische Ansatz der Philosophie zunächst auch kaum mehr aufgegriffen. Sein Erbe wurde eher im angelsächsischen Raum angetreten, woran auch ehemalige Mitglieder des Wiener Kreises wie Rudolf Carnap oder Philipp Frank beteiligt waren. Der ursprünglich eng damit verbundene politische, pädagogische und sozialreformerische Teil geriet dabei allerdings deutlich ins Hintertreffen. Nur sehr langsam konnten die Gedanken der Logischen Empiristen auch in Kontinentaleuropa wieder Tritt fassen. Zumindest teilweise gelang dies sogar an seinem Entstehungsort. Seit rund 20 Jahren werden die wissenschaftlichen Arbeiten und die Geschichte des Wiener Kreises an einem gleichnamigen Institut an der Universität Wien systematisch aufgearbeitet. Zu vielen Problemen und Fragen der Gegenwart, auch zur Gestaltung des schwierigen Verhältnisses von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft, haben uns die Debatten in und um den Wiener Kreis wohl noch einiges zu sagen. ●
Günther Sandner ist Politikwissenschaftler an der Universität Wien. Zurzeit arbeitet er an einer Otto-Neurath-Biografie.


