Disput und Verständnis
«Machloket», die Meinungsverschiedenheit, ist ein wesentliches Merkmal jüdischen Denkens. Dies erklärt Emanuel Cohn in seinem Essay über die von Hillel und Schammai gestifteten ersten jüdischen Denkschulen. Und wenn Cohn von der Meinungsverschiedenheit als rotem Faden spricht, dann trifft dies nicht nur auf die frühen, mündlichen Überlieferungen zu, die um das Jahr 200 in Form der Mischna schriftlich zusammengefasst wurden: Die vorliegende Ausgabe gibt einen kleinen Einblick in die Bandbreite jüdischen Denkens, das aus der unerschöpflichen Fruchtbarkeit von Meinungsverschiedenheiten hervorgegangen ist. Erst aus der Vielzahl von Standpunkten wächst «tieferes Verständnis», um Cohn noch einmal zu zitieren.
Dies gilt gerade auch für brennende, existentielle Fragen, die eines unerschrockenen Denkens bedürfen – selbst wenn es dabei um «Undenkbares» geht. Damit hat sich Herman Kahn auseinandergesetzt, den Jonathan Stevenson als kontroverse Symbolfigur des Atomzeitalters zeichnet. Stevenson, Professor an der Akademie der US-Kriegsmarine in Newport, Rhode Island, hat den amerikanischen Nuklearstrategen des Kalten Krieges ein Buch gewidmet. Kahn ragt aus diesem eklektischen Kreis nicht nur durch sein kühnes Denken hervor, sondern auch durch seinen schwarzen Humor, so Stevenson.
Sass Kahn im «Braintrust» des militärisch-industriellen Komplexes in den USA, so wandte sich Emil Fackenheim in Kanada – und später Jerusalem – dem von Deutschland ausgehenden bewaffneten Vernichtungswillen zu, dem er selbst beinahe zum Opfer gefallen wäre. Der in Halle geborene Philosoph hat den Holocaust als Herausforderung verstanden, die biblische Auserwähltheit des jüdischen Volkes grundsätzlich auf den Prüfstand zu stellen. Die Religionswissenschaftlerin Sharon Portnoff stellt Fackenheims Werk vor. Sie hat den aus Nazideutschland geflohenen Philosophen in Toronto kennengelernt und hält seine bleibende Wirkung fest: Fackenheim sei neben anderen Verdiensten einer der ersten jüdischen Denker gewesen, die «christliche Theologen direkt wegen ihrer Komplizenschaft mit einem Antisemitismus als nationalem Projekt herausgefordert haben. Dies hat eine Welle des christlich-jüdischen Dialogs inspiriert und bereichert, an dem Fackenheim rege teilgenommen hat.»
Bleibt Fackenheims Werk fruchtbar, so macht der Wiener Politiwissenschaftler Günther Sandner nachvollziehbar, wie stark und bleibend die durch die Naziherrschaft angerichteten Schäden auch im geistigen Bereich sind. Sandner führt in das Denken des «Wiener Kreises» ein, die sich in der Zwischenkriegszeit von den Fortschritten in der Physik ausgehend um eine erkenntnistheoretische Neubestimmung der klassischen Philosophie und letztlich um eine Aufhebung des Unterschiedes zwischen Natur- und Geisteswissenschaften bemüht hat. Führende Köpfe des Wiener Kreises wie Rudolf Carnap und Philipp Frank flohen in angelsächsische Länder und setzten dort ihre Arbeit fort. In Wien sollten jedoch Jahrzehnte vergehen, ehe das Denken des Kreises wieder aufgenommen wurde. Wie Sandner erklärt, war auch diese Denkschule von heftigen Meinungsverschiedenheiten bestimmt – zum Nutzen der Mitglieder und der Nachgeborenen. ●


