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8. April 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 14 Ausgabe: Nr. 14 » April 8, 2011

Zurück in die Zukunft

Von Andreas Mink, April 8, 2011
Mit Larry Page am Steuer besinnt sich Google auf die Aufbruchsphase des Unternehmens. Herausforderungen hat der alt-neue CEO genug.
PROBLEMATISCHES TRIUMVIRAT Sergey Brin und Eric Schmidt mit dem alt-neuen CEO Larry Page (v.l.n.r.)

Am Montag ist Larry Page auf den Posten des Google-Vorstandsvorsitzenden zurückgekehrt, den er vor zehn Jahren verlassen hat. Dazwischen liegt eine Erfolgsgeschichte sondergleichen. Das Unternehmen zählte 2001 etwa 400 Angestellte und verbuchte kaum Gewinne. Heute ist der Firmenname zu einem weltweit gebrauchten Verb geworden, während der Konzern mit 24 400 Mitarbeitern im letzten Geschäftsjahr 30 Milliarden Dollar erwirtschaftet hat, ein Drittel davon als Gewinn. Dabei hatten Page und sein Freund und Gründungspartner Sergey Brin die Fundamente für das grandiose Wachstum von Google bereits gelegt, als sie dem erfahrenen Manager Eric Schmidt 2001 die CEO-Position anvertrauten. Brin und Page haben sich danach nicht aus der Unternehmensführung zurückgezogen. Wie aus internen Firmenpapieren hervorgeht, haben die Gründer und Schmidt den Konzern als Triumvirat geleitet.
Aber diese Konstruktion hat sich bei allem Erfolg offensichtlich als problematisch erwiesen und zu unübersichtlichen Abläufen geführt. Schmidt war dem Vernehmen nach in etliche Entscheidungen der Gründer nicht eingebunden und konnte nach Einschätzung des Autors Steven Levy «seine Position nicht mit der Klarheit und der Autonomie eines Jeff Bezos bei Amazon oder eines Steve Jobs bei Apple ausfüllen». Levy publiziert demnächst mit «In The Plex. How Google Thinks, Works, and Shapes Our Lives» eine umfassende Studie über den Konzern. So haben Page und Brin mit dem Start-up Keyhole den Grundstein für Google Earth aufgekauft, ohne Schmidt zuvor einzuweihen. Und die Gründer hielten trotz der Ablehnung des Triumvirats an der Einführung des Internet-Browsers Chrome fest, der in den USA einen Marktanteil von immerhin zehn Prozent erringen konnte. Schmidt brachte allerdings nicht nur lange Erfahrung etwa an der Spitze von Sun Microsystems mit, sondern füllte auch die Rolle des «öffentlichen Gesichts» von Google kompetent aus. Er fühlt sich bei Podiumsdiskussionen ebenso zu Hause, wie vor Kongressausschüssen oder beim Plausch mit Staatsoberhäuptern. Page ist dagegen für seine Schüchternheit und seine Abneigung gegen öffentliche Auftritte bekannt. Er hat vor seiner Amtsübernahme Interviewanfragen der Weltpresse abgelehnt.  



Komplexe Abläufe

Dass Page auf die Kommandobrücke zurückkehrt, liegt jedoch nicht nur an der Verwirrung, die das Triumvirat mit seinem Führungsstil gelegentlich über das Unternehmen gebracht hat. In den USA gerne als «800-Pfund-Gorilla» im Dschungel der Hightech-Industrie bezeichnet, hängt Google nach zahllosen Aufkäufen vielversprechender Start-ups – im letzten Jahr allein 48 für etwa zwei Milliarden Dollar – immer noch fast vollständig von den Werbeeinnahmen seiner Suchmaschine ab und konnte bislang noch kein zweites Standbein entwickeln. Versuche, den Siegeszug von Facebook mit einem eigenen sozialen Netzwerk zu stoppen, scheiterten, während Ideen wie die Entwicklung eines selbststeuernden Autos etwas naiv anmuten. Und selbst in seiner Stammdomäne musste Google jüngst einen Rückschlag hinnehmen, als ein New Yorker Gericht die Einigung des Such-
Giganten mit der Verlagsbranche als unzulänglich bezeichnete und aufhob. Google hat bereits Millionen von Büchern eingescannt und über seine Website zugänglich gemacht, um mehr Klicks und damit zusätzliche Werbekunden anzulocken.
Die schiere Grösse beschert Google nicht nur komplexere interne Abläufe. Der Milliardenkonzern muss in den USA und Europa seit einiger Zeit beträchtliche Ressourcen in politisches Lobbying und Rechtsstreitigkeiten investieren. Laut der «New York Times» will Microsoft demnächst in Europa gegen Google vor Gericht ziehen, da der Konzern angeblich bei der Auflistung von Suchergebnissen eigene Angebote bevorzugt. Mitunter scheint Google gar das Motto der Gründer zu vergessen, «nichts Böses anzurichten». So brachte der Finanzinformationsdienst Bloomberg an den Tag, dass Google die Patente für seine Suchwebsite an eine Firmentochter im Niedrigsteuerstaat Irland ausgelagert hat. Durch eine raffinierte Ausnutzung des amerikanischen Steuerrechtes kann Google so zumindest Auslandsgewinne zu äusserst günstigen Konditionen in Irland versteuern, während der amerikanische Fiskus leer ausgeht. Die Bloomberg-Rechercheure stiessen sich besonders an der Tatsache, dass Brin und Page als Studenten an der kalifornischen Elite-Universität Stanford Stipendien aus Steuermitteln erhalten hatten.

Eine Rückbesinnung

Allem Anschein nach will Page auf dieses Knäuel von Problemen mit einer Rückbesinnung auf die Sturm-und-Drang-Phase von Google reagieren. Er hat die Manager der diversen Abteilungen um eine Zusammenenstellung ihrer Projekte gebeten, um Schwerpunkte zu bilden, statt weiter nach dem Gieskannenprinzip zu entwickeln. Gleichzeitig hat Page eine Politik der offenen Tür für seine Angestellten im «Googleplex» südöstlich von San Francisco eingeführt: Statt Ideen über die inzwischen gewachsene Hierarchie einzubringen, sollen Kreative ihren obersten Chef von nun an wieder persönlich ansprechen können. Als gelernter Ingenieur traut sich Page vermutlich zu, dabei Spreu und Weizen rascher voneinander trennen zu können als der Manager Schmidt. Sein technischer Hintergrund dürfte es Page überdies erleichtern, die Gründer der diversen Start-ups bei der Stange zu halten, die Google übernommen hat. Diese Erfinder und Unternehmer empfinden allem Anschein nach eine Seelenverwandtschaft mit Page, die ihnen bei Schmidt fehlt. Laut der «Los Angeles Times» will Google zukünftig den Handlungsspielraum der verschiedenen Tochterunternehmen vergrössern – auch dies stellt eine Rück­besinnung auf die goldene Start-up-Phase des Konzerns dar.  
Ob Page damit den in den letzten Monaten stagnierenden Kurs der Google-Aktie revitalisieren kann, ist jedoch fraglich. Um nachhaltig zu wachsen, bedarf der Konzern dank seiner schieren Grösse neuer «Blockbuster»-Ideen wie der Suchmaschine, die gewaltige Einnahmen produzieren. Dies erinnert fast an Pharmakonzerne, die häufig von ein, zwei Medikamenten mit Milliardenumsätzen abhängen und verzweifelt nach zusätzlichen Hits suchen, statt sich auf umsatzärmere, gesellschaftlich aber notwendigere Medikamente zu konzentrieren. Auch die Google-Spitze hat ihren Appetit auf grosse Taten offensichtlich noch nicht verloren. Allerdings fragt sich nicht nur der Buchautor Steven Levy, ob Larry Page tatsächlich grosse Entscheidungen wird treffen können. Womöglich muss auch er dann zunächst die Zustimmung des Triumvirats einholen, dem Schmidt weiterhin angehört.   



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