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8. April 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 14 Ausgabe: Nr. 14 » April 8, 2011

Kampf für die Freiheit

Von Avi Weiss, April 8, 2011
Vor 25 Jahren überquerte Natan Sharansky die Glienicker-Brücke von der Deutschen Demokratischen Republik in den Westen. Am Donnerstag sprach er in der Villa Schöningen, die direkt an der Brücke angesiedelt ist, und am Europäisch-Israelischen Dialog im Axel-Springer-Haus in Berlin.
NATAN SHARANSKY Bei einem Besuch in Moskau im Jahr 2009 vor der Lipman-Schule

Am 11. Februar waren 25 Jahre seit dem Tag vergangen, an dem Natan Sharansky die Glienicker-Brücke nahe Berlin von Ost- nach Westdeutschland passierte und ein freier Mann wurde. Zahllose Geschichten sind seither darüber erzählt worden, wie Sharansky, heute Vorsitzender der Jewish Agency, den Sowjets die Stirn bot und wie mutig er während seiner über neun Jahre dauernden Gefangenschaft war. Sharansky war einer von vielen heldenhaften «Gefangenen Zions», sogenannten jüdischen Gefangenen aus Gewissensgründen, doch nur dank seiner Frau Avital lernte die Welt ihn in den Jahren seiner Einkerkerung eingehender kennen als seine zahlreichen anderen Schicksalsgenossen.



Eine weltweite Kampagne

Avital und Natan Sharansky heirateten im Juli 1974. Am Tag nach der Hochzeit wurde Avital mit der Zusage aus der Sowjetunion ausgewiesen, Natan würde ihr bald folgen. Dem war aber nicht so. Vier Jahre später beschuldigten die Sowjets Natan der Spionage für die USA und verurteilten ihn zu 13 Jahren Gefängnis. Damals lancierte Avital ihre weltumspannende Kampagne, die letztlich zur Freilassung ihres Gatten führte.
Avital war als Aktivistin einerseits bescheiden, gleichzeitig aber extrem konzentriert und unerschütterlich. Sie sprach im Geist der biblischen Botschaft an den Propheten Elia, wonach der Protest sich am wirkungsvollsten in einer ruhigen, kleinen Stimme verbreiten lässt. Sogar an grossen Kundgebungen erhob sich ihre Stimme kaum über ein Flüstern. An der Generalversammlung der Jewish Federation in Washington wandte sich Avital zum Schluss ihrer Ausführungen an die Anwesenden und ersuchte sie dringend, mit ihr zur sow­jetischen Botschaft zu marschieren, um sich dort für ihren Gatten einzusetzen. Ihr Appell war in freundlichem, gleichzeitig aber machtvollem Ton, und Hunderte von Menschen folgten ihr.
Avital verfügte auch über die ungewöhnliche Fähigkeit, sich auf sehr dünnem Eis zu bewegen. Sie arbeitete sowohl inner- als auch ausserhalb des Establishments. Sie war sich im Klaren darüber, dass sie auf die Hilfe der weltanschaulichen Mitte angewiesen war, tanzte aber nie nach deren Pfeife. Sie vollzog diese Gratwanderung, weil sie instinktiv begriff, dass konkrete Resultate nur das Ergebnis einer Sinfonie von Stimmen von beiden Seiten der politischen Grenzlinie sein könnten.

Ein Wunder?

Am Internationalen Tag der Menschenrechte des Jahres 1984 versammelten sich einflussreiche Persönlichkeiten im Weissen Haus, um Ausführungen von Präsident Ronald Reagan zuzuhören. Den Anwesenden war dringend ans Herzen gelegt worden, auf ihren Plätzen zu verweilen. Unerwartet näherte sich Avital dem Präsidenten und bat um eine Audienz, um mit ihm über ihren Gatten sprechen zu können. Der Präsident stimmte zu. Das Bild der über Reagan geneigten Avital Sharansky fand seinen Weg durch die Presse der ganzen Welt. Trotz der ungünstigen Ausgangslage war Avital stets zuversichtlich. Das galt nicht nur für ihren festen Glauben daran, dass sie letzten Endes ihren Gatten freikriegen würde, sondern auch für ihren religiösen Glauben.
In Heim des Autors in Riverdale, wo sie oft den Schabbat verbrachte, pflegte Avital für das Entzünden der Lichter Öl statt Kerzen zu benutzen. Nach dem Grund gefragt, erklärte sie, sie sei überzeugt, dass ihr Mann die Freiheit wie ein Wunder erhalten würde, vergleichbar mit dem Chanukkawunder, als ein kleines Ölkrüglein für acht Tage reichte. Auch in der Hitze des Gefechts hielt Avital ihren Sinn für Humor aufrecht. Nach Leonid Iljitsch Breschnews Tod verkündete sie den Medien vor dem Gebäude der sowjetischen Uno-Mission, der Moskauer Premierminister sei gestorben, weil er ihren Gatten nicht in die Freiheit entlassen habe. Als ein Jahr später Andrei Kossygin starb und durch Yuri Andropov ersetzt wurde, stand Avital am gleichen Ort und erklärte, ihr Gatte sei noch immer nicht auf freiem Fuss. Sie warnte Andropov, dass ihn das gleiche Schicksal ereilen würde, sollte er Natan nicht gehen lassen. Ein Jahr später – inzwischen hatte auch Andropov das Zeitliche gesegnet – war Avital wieder zur Stelle und warnte seinen Nachfolger Michael Gorbatschow: «Sie haben eine Chance, doch wenn Sie Natan nicht freilassen, wird es Ihr Ende sein.» Wenn man Avital fragt, warum Gorbatschow noch lebt, sagt sie bis heute, er sei klug genug gewesen, Natan freizulassen.


Moralische Stärke
Avital stand nicht gerne im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Lieber machte sie anderen Menschen Platz an Rednerpult und spornte sie an, nicht nur zugunsten ihres Gatten zu reden, sondern zugunsten aller in der Sowjetunion verfolgter Menschen. Jetzt, da Sharansky den 25. Jahrestag seiner Freilassung feierte, werden Zehntausende Menschen stolz und zu Recht ein Stück des Verdienstes für sich in Anspruch nehmen. Das war Avitals Stärke. Sie verlieh jedem Menschen das Gefühl, einen Einfluss ausgeübt zu haben. Trotzdem muss neidlos zugegeben werden, dass Avital an der Spitze des Kampfes gestanden hatte. Ihr Sieg war in vieler Hinsicht ihr Triumph. Natans Freiheit ist nicht nur ein Lob an seinen Mut, sondern auch eine Ode an Avitals aussergewöhnliche moralische und geistige Stärke. 

 


Avi Weiss ist Rabbiner am Hebrew Institute of Riverdale und der Gründer und Präsident der Rabbinerschule der Jeschiwa Chovevei Thora in New York City. Er war nationaler Vorsitzender des Kampfes der Studenten für die Juden der Sowjetunion. In seinem jüngsten Buch  «Spiritual Activism» (2010) schreibt er auch über Sharanskys Kampf.



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