«Der Krieg» und die Juden
Es ist 150 Jahre her, aber der «Civil War» ist in den USA sehr präsent, vor allem in den Südstaaten, die im Februar 1861 die Konföderierten Staaten von Amerika gegründet hatten und gegen die «Union», den Norden, kämpften. «Der Krieg» heisst, vor allem im Süden, auch nach 150 Jahren keiner der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts, auch kein anderer seither. Noch immer ist es im Süden der USA möglich, dass eine alte Dame einem erzählt, sie lebe in den Great Smokey Mountains, wo ihr Grossvater, ein Cherokee, nach der Heimkehr aus «dem Krieg» zum Dank ein Stück Land geschenkt bekommen habe. Die Cherokee-Nation hatte sich der Armee der Konföderierten angeschlossen; ein Häuptling wurde General. In New Orleans, in Atlanta, noch eher in Charleston oder einer der anderen schönen Städte der Südstaaten finden sich aber auch jüdische Gesprächspartner, die stolz erzählen, dass sie von Juden abstammten, welche tapfer «im Krieg» gekämpft hätten.
Es war der schlimmste Krieg der amerikanischen Geschichte. Auf beiden Seiten fielen gegen 700 000 Mann, dazu viele Zivilisten. Nach vier Jahren, nach der Kapitulation der Konföderierten, waren Farmen, Plantagen, Geschäfte, ganze Städte zerstört. Die industrielle und meinungsbildende Übermacht des Nordens festigte sich. Prominentestes Opfer war Präsident Abraham Lindoln, der am 15. April 1865 in seiner Loge im Ford Theater in Washington erschossen wurde, eine Woche nachdem sich der kommandierende Südstaaten-General Robert E. Lee bei Appomatox Court House mit seinem Heeresteil dem nördlichen Oberbefehlshaber Ulysses S. Grant ergeben hatte. Als Letzte kapitulierten die Texaner.
Einheit der USA als Ziel
Viele Bücher und Essays erschienen in den letzten Monaten, wie bei jedem Jahrestag. Einige davon befassen sich mit der Geschichte der Juden im Bürgerkrieg, teils anhand von Einzelschicksalen. Auch sie befassen sich damit, was eigentlich der Auslöser des Bürgerkrieges war. War es ein Missverständnis, was den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Abraham Lincoln betraf? Der Süden fürchtete, der hagere Rechtsanwalt aus Kentucky wolle die Sklaverei abschaffen. Das wollte Lincoln damals mit Sicherheit nicht, sondern sie dort weiter dulden, wo sie existierte, beispielsweise in seinem Heimatstaat, jedoch nicht in anderen Staaten bewilligen. Sein hauptsächliches Ziel, darin sind die meisten Historiker einig, war damals die Einheit der USA, denn im und um den Süden rumorte es. 1859 versuchte ein kleiner Trupp, darunter drei Juden, bei Harper’s Ferry vergeblich, einen Sklavenaufstand zu provozieren. Ein wichtiger Streitpunkt zwischen Norden und Süden war der Föderalismus der Südstaaten, die ihre Unabhängigkeit in staatlichen Angelegenheiten behalten wollten.
Ein Besuch in Antebellum-Villen, Herrschaftshäusern im Süden, die noch aus der Zeit vor «dem Krieg» stammen, vor allem in Charleston, macht die kulturellen Unterschiede in der nördlichen und südlichen Mentalität deutlich. Die beiden Regionen trennte weit mehr als die Sklaverei oder der Föderalismus. Im Norden gab es zwar die privilegierten, reichen Geschlechter an der Ostküste, auch die stolzen spanischen Aristokraten etwa in Kalifornien, vor allem aber Industriearbeiter und Bauern. Im Süden herrschte schon des Klimas wegen mehr Laisser-faire, aber auch ein deutliches Klassenbewusstsein – hier die schmale Oberschicht der Plantagen-Aristokratie, nicht selten mit europäisch-aristokratischen Wurzeln, gut ausgebildet, von verfeinertem Luxus umgeben, verwöhnt und gewöhnt, Sklaven nicht wirklich als Menschen wahrzunehmen, hervorragend gezeichnet in Roman und Film «Vom Winde verweht», dort Bauern, Handwerker, weisse Tagelöhner, die sich alle noch immer für viel besser hielten als die schwarzen Sklaven. Was lange schamhaft versteckt wurde: Auch jüdische Familien hielten Sklaven. Der erste, der das Tabuthema in Angriff nahm, war vor 50 Jahren der jüdische Historiker Bertram Korn.
Juden und ihre Sklaven
Mitte des 19. Jahrhunderts lebten in den USA rund 30 Millionen Menschen, davon insgesamt rund 150 000 Juden. Auf beiden Seiten sprachen sich einzelne jüdische Exponenten für oder gegen die Sklaverei aus. Nichtjuden wie Juden wunderten sich allerdings, wieso Israeliten, die jedes Jahr zu Pessach die Befreiung ihrer Vorfahren aus der ägyptischen Sklaverei feierten, selber Sklaven halten konnten. Bekannte Rabbiner im Süden wie im Norden führten die Thora für ihr Pro und ihr Contra ins Feld. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Israeliten nach ihrer Flucht aus Ägypten im Gelobten Land selber Sklaven hielten, dass aber die am Beg Sinai verliehene Thora den anständigen Umgang mit ihnen vorgeschrieben habe. Der jüdische Senator Judah Benjamin aus Louisiana, später der erste jüdische Minister – der Südstaaten – Amerikas, wurde von einem Senator aus Ohio «Jude mit ägyptischen Prinzipien» genannt.
Nach der Wahl Lincolns zum Präsidenten im November 1860 spitzte sich die Situation zu. Zwischen Ende Dezember 1860 und Ende Januar 1861 traten die Südstaaten Südkarolina, Mississippi, Florida, Alabama, Georgia und Louisiana aus den Vereinigten Staaten von Amerika aus und gründeten die Konföderierten Staaten von Amerika (CSA), denen sich einige Tage später Texas anschloss. Auch ein Teil von Virginia und das Territorium von New Mexiko und Arizona gehörten zum neuen Staatenbund. Kalifornien, wo es zwar keine Sklaven, aber nicht wenig Sympathie für die Sache der CSA gab, blieb nicht nur bei der Union, sondern finanzierte mit seinem neu entdeckten Gold den Krieg. Auch vier Sklavenstaaten blieben bei der Union: Kentucky, Missouri, Maryland und Delaware. Die nordwestlichen Distrikte von Virginia wurden als Westvirginia in die nördliche Union integriert. Richmond in Virginia wurde die Hauptstadt der CSA, Jefferson Davis ihr Präsident, und der nach der Sezession zurückgetretene Louisiana-Senator Judah Benjamin erst Justiz-, dann Kriegs-, zum Schluss Aussenminister.
Vertreibung aller Juden
Am Hafen von Charleston ist das weit entfernte Fort Sumter in der Hafeneinfahrt erkennbar. Heute ist es ein Museum, Touristenboote fahren hinaus. Am 12. April 1861 feuerten die Kanonen des abtrünnigen Charleston auf das Fort. Darauf ergab sich die Besatzung und segelte nach Norden. Das war der Startschuss des Krieges, der beispielsweise den jüdischen Major Alfred Mordecai in einen schweren Loyalitätskonflikt stürzte. Schliesslich wechselte der Südstaatler aus der blauen Uniform des Nordens in die graue des Südens. Anfänglich wurde der Krieg vom Norden nicht wirklich ernst genommen. Zur ersten Schlacht bei Manassas kurz nach Kriegsbeginn (es gab zwei Jahre später am gleichen Ort eine zweite), wenige Kilometer südlich von Washington, reisten Schaulustige an und nahmen erst Reissaus, als der Süden die Oberhand gewann. Das wurde historisch treffend dargestellt in der Serie «Fackeln im Sturm».
Es gab rund 50 hohe jüdische Offiziere, darunter nicht weniger als neun Generäle (im Norden) und rund zwei Dutzend Obersten. In der Unionsarmee kämpften sie auch gegen virulenten Antisemitismus. Berüchtigt wurde der Generalsbefehl Nr. 11 des Oberbefehlshabers Ulysses S. Grant vom 17. Dezember 1862, mitten im Krieg, der die Vertreibung aller Juden «als Klasse», weil sie Handelsgesetze breche, aus seinem Distrikt verfügte. Bereits am 4. Januar befahl Präsident Lincoln die Rücknahme des Befehls, aber da waren, so heisst es, bereits zahlreiche Familien geflüchtet und ihre Besitztümer geplündert. Grant und andere Offiziere blieben unbeugsame Antisemiten. Im Süden soll dies im Grossen und Ganzen anders und besser gewesen sein. Nach den vier katastrophalen Kriegsjahren wandte sich der Hochmut der weissen Südstaatler gegen die befreiten Schwarzen, deren Rechtsgleichheit sie nicht anerkennen mochten. Es entstand der Ku-Klux-Klan, der Geheimbund, der sich später auch gegen Juden wandte.
Jonathan D. Sarna, Adam Mendelsohn (Hg.): Jews and the Civil War. A Reader. New York University Press, New York 2010.
Susannah J. Ural (Hg.): Civil War Citizens. Race, Ethnicity, and Identity in Americas Bloodiest Conflict. New York University Press, New York 2011.
Benjamin Ginsberg: Moses of South Carolina, Johns Hopkins University Press, Baltimore 2010.


