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1. April 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 13 Ausgabe: Nr. 13 » April 1, 2011

Funde jüdischer Grabstätten

Von Esther Müller, April 1, 2011
Es war der 2. Dezember 2003, als das Telefon beim Archäologen und Ressortleiter Innerstadt der Archäologischen Bodenforschung des Kantons Basel-Stadt, Christoph Philipp Matt, klingelte. Beim Aushub für den neuen Keller unter der Cafeteria des Kollegiengebäudes der Universität Basel waren die Bauarbeiter auf Skelette gestossen, so der Bauleiter, der wissen wollte, wie nun weiter zu verfahren sei.
BLICK AUF DIE AUSGRABUNGEN Auf drei unterschiedlichen Ebenen wurden Kinder, Jugendliche und Erwachsene begraben

Nach dem Fund wurden die Bauarbeiten unverzüglich gestoppt. Die archäologische Bodenforschung begann, die Skelette in einer Notgrabung zu bergen. Seit letztem Herbst liegt nun ein Materialband vor, der die Ergebnisse dieser Grabung und einer früheren im Jahr 1937 vorstellt. Bereits beim Bau des Gebäudes 1937 war man auf zirka 150 Körpergräber und 31 Grabsteinfragmente gestossen; doch gibt es von dieser Grabung, die nur vor Baubeginn in den frühen Morgenstunden stattfinden konnte, kaum verwertbare Unterlagen. Vom damaligen Leiter der Grabung, dem Anthropologen Roland Bay, existieren wissenschaftliche Skelettbeschreibungen sowie ein Vortragsmanuskript von 1941, das allerdings wenig ausführlich ist. Zu tun hat dies auch damit, dass das offizielle Interesse am mittelalterlichen Basel bis in die sechziger Jahre ausserhalb eines kleinen Forscherkreises kaum vorhanden war.



Die Lage

Schon 1937 war klar, dass es sich bei den Funden um Bestattungen und Grabsteine oder -fragmente des Friedhofs der ersten jüdischen Gemeinde in Basel handelte. Deren Nachkommen wurden 1349 als vermeintlich Schuldige für die damals wütende Pest in einem Pogrom ermordet. Viele Grabsteine des Friedhofs waren geschändet oder wieder verwendet worden. Wie der Chronist Christian Wurstisen berichtet, wurde «die Mauer des inneren Stattgrabens damit bedeckt». Mehr als 300 Jahre später spricht eine Quelle von 570 Steinen, die als Baumaterial dienten.
Noch bis ins 20. Jahrhundert war der Grenzverlauf des Friedhofs unklar. Völlig gesichert ist er bis heute nicht. Trägt man alle archäologischen Befunde zusammen, ist der grösste Teil der östlichen und nördlichen Begrenzung gesichert, zur westlichen und südlichen Ausdehnung bleiben Fragen offen. Nach der Auslöschung der ersten jüdischen Gemeinde wurde der Bitte der zweiten Gemeinde (um 1362 bis um 1397), den Friedhof erneut nutzen zu dürfen, nicht stattgegeben. Das Gelände wurde eventuell bereits von der Stadt als Werkhof genutzt; 1438 wurden das Korn- und Zeughaus gebaut und der Friedhof war nicht mehr sichtbar. Dass es ihn gab, wurde nicht vergessen, doch erst der Bau des Kollegiengebäudes belegte den Friedhof archäologisch zweifelsfrei.
Bereits bei der Grabung 1937 wurden die Gebeine der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB) übergeben, damit sie wieder bestattet werden konnten. Auch beim zweiten Fund wurde zwischen der Behörde und der IGB vereinbart, die Skelette nach ihrer sorgfältigen Bergung durch die Bodenforschung zur erneuten Bestattung zurückzugeben. Doch zuerst konnten sie Aufschlüsse über den Gesundheitszustand und damit über die Lebensbedingungen der Frauen, Männer und Kinder der Gemeinde geben. Dabei wurden ausschliesslich konventionelle (zerstörungsfreie) Bestimmungsmethoden angewendet. So wurde auch auf den heute üblichen DNA-Nachweis verzichtet, da dafür Zähne aus dem Kiefer entfernt werden müssten. «Wir konnten uns mit der Gemeinde auf einer guten Grundlage einigen», erzählt Christoph Philipp Matt, «und fanden einen für beide Seiten guten Kompromiss. Normalerweise bleiben archäologische Fundstücke im Eigentum des Kantons, doch hier wurde aufgrund der Vorschriften zur ewigen Totenruhe eine Ausnahme gemacht.»
Die 57 Männer, Frauen, Kinder und Säuglinge, die in verschiedenen Tiefen gefunden wurden, lagen mit Kopf im Westen und Blick nach Osten; die Erwachsenen waren in Särgen bestattet worden. Dass unter ihnen 33 Kinder waren, entspricht den damaligen Verhältnissen, in der Kinder, vor allem Säuglinge, durch Krankheiten, mangelhafte Hygiene und Ernährung oft früh verstarben. Auch die 24 Männer und Frauen der ersten jüdischen Gemeinde, deren Lebenswartung von Fachleuten auf etwa 42 Jahre errechnet wird, verstarben häufig vor diesem Alter. Die Funde zeigen zwar aufgrund der beruflichen Beschränkungen für Angehörige der jüdischen Gemeinde kaum Spuren harter körperlicher Arbeit, dafür vonMMangelernährung, wie sie damals auch andere vergleichbare Bevölkerungsgruppen traf. «Schmerz machte die Hälfte eines mittelalterlichen Lebens aus», zitiert Matt einen Anthropologen, und man glaubt es aufs Wort, sieht man den von einer riesigen Zyste degenerierten Kieferknochen einer Frau, die wahrscheinlich an den Folgen dieser chronischen Entzündungen verstarb.

Dichte Nutzung

Anders als zum Bespiel beim jüdischen Friedhof in Hegenheim oder auf christlichen Friedhöfen konnten die Archäologen keine Einteilung in spezielle Gräberfelder ausmachen. Dafür gab es eine Schichtung: Zuoberst lagen die Säuglinge und Kinder, darunter die Jugendlichen und zuunterst die Erwachsenen – eine Einteilung die Folge des Platzmangels auf dem Friedhof gewesen sein könnte. «Wir hatten damit die seltene Situation, dass alle Altersstufen und beide Geschlechter vertreten waren», beschreibt der Archäologe die Lage.
Wie viele Menschen auf dem Friedhof der ersten jüdischen Gemeinde bestattet wurden, ist schon aufgrund der nicht gesicherten Grenzverläufe schwierig zu bestimmen. Und so weist Christoph Matt darauf hin, dass seine Berechnungen ein spekulatives Element beinhalten und nicht mehr als Annahme bleiben können. Unter Einbezug aller relevanten archäologischen Funde und schriftlichen Quellen kommt er auf eine maximale Anzahl von 1600 Bestatteten. Doch dies ist eine Hochrechnung, keine gesicherte Zahl. Sie führt aber zu einer Frage, die den Grabungsleiter noch lange beschäftigt hat. Dabei geht es um die Gründungszeit der ersten Gemeinde, die man sich heute etwa um das Jahr 1200 vorstellt.

Spätzünder Basel?

In den Rheinstädten Speyer, Worms und Mainz ist die Existenz jüdischer Gemeinden ab dem zehnten und elften Jahrhundert belegt, in Köln noch früher. Aus Mainz kam auch der Basler Bischof Burkard von Fenis, der dort vor seiner Ernennung zum Bischof als Verwalter des Erzbischofs tätig war. In dieser Funktion hatte er gewiss mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Kontakt, da der Erzbischof auf sie als Financiers angewiesen war. Als von Fenis 1072 nach Basel kam, beschloss er den Bau der Stadtmauer. Ein Bau, für den er zwar durch Silbervorkommen im Breisgau eine ökonomische Grundlage hatte – doch wer waren die Fachleute für das Finanzielle? Wäre es möglich, dass Burkard von Fenis Bauvorhaben bereits zu Ende des elften, Anfang des zwölften Jahrhunderts Grundstein für eine erste jüdische Gemeinde in Basel gewesen sein könnte?
Noch während der Grabung wurde Christoph Matt auf eine Tafel aufmerksam gemacht, welche die IGB der Universität zur Einweihung des Kollegiengebäudes 1939 geschenkt hatte. Auf ihr waren Abschriften der Grabsteininschriften, die 1937 gefundenen worden waren. Unter anderem fand sich eine verstümmelte Jahreszahl auf einem Fragment, die von einem Experten ergänzt zur Jahreszahl 1104 führte – und so die Existenz einer Gemeinde um rund 100 Jahre vor den bis heute ältesten Beleg rücken würde. Doch auch dies wurde wieder in Frage gestellt. Clemens Sidorko vom Institut für Jüdische Studien der Universität Basel verwies Matt auf einen 1962 in der französischen Fachzeitschrift «Historia Judaica» publizierten Aufsatz, in dem diese Lesart angezweifelt wurde. Doch ganz auszuschliessen, so Sidorko, sei sie eben doch nicht, und historisch sei es durchaus plausibel, sie als 1104 zu lesen. Wie Matt ausführt, «kennen wir nur eine Abschrift davon und man müsste das im Depot des Historischen Museums liegende Fragment in der Hand halten, um die Frage beantworten zu können». Wäre die erste Gemeinde schon rund 100 Jahre früher in Basel ansässig gewesen, hätte dies auch Auswirkungen auf den Friedhof gehabt: Etwa drei Generationen mehr wären dann dort beerdigt worden. Auch hier wird der Konjunktiv vorerst Konjunktiv bleiben müssen, denn neben der unsicheren Datierung ist bis heute nicht klar, ob nur Mitglieder der Basler Gemeinde auf diesem Friedhof beerdigt wurden – oder gab es auch jüdische Gemeinden im Umland? So sind archäologisch seriöse abgestützte Rückschlüsse auf Grösse und Alter der Gemeinde nicht möglich.
Ebenfalls kaum mit archäologischen Funden zu belegen ist Matts These zur zweiten Gemeinde, deren Synagoge in der Grünpfahlgasse belegt ist. Auf dem Gelände, das heute das Unternehmen Mitte beherbergt, vermutet er aufgrund der Lage am Hangfuss, des angenommen Baubestands im 14. Jahrhundert und einer historischen Überlieferung ein «Judenbad». Doch selbst wenn das dort stehende Gebäude abgerissen und das Gelände neu überbaut würde, ständen die Chancen schlecht, archäologische Beweise zu finden – das Fundament des jetzigen Gebäudes hätte sie mit hoher Wahrscheinlichkeit zu grössten Teilen zerstört.
Hört man Christoph Matt zu, wird klar, wie viele offene Fragen es noch gibt. Wo lag der Eingang des Friedhofs, oder gab es
deren mehrere? Weiter ist unklar, ob der Friedhof von Anfang an so gross war, oder wie viele Menschen hier wirklich bestattet wurden. Mehr als einmal im Gespräch wird klar, dass die Nichtexistenz genauerer Grabungsberichte von 1937 den Archäologen schmerzt, ging hier doch wertvolle Information für immer verloren.   


Cornelia Alder, Christoph Philipp Matt: Der mittelalterliche Friedhof der ersten jüdischen Gemeinde in Basel, hg. v. Archäologische Bodenforschung des Kantons Basel-Stadt. Zu bestellen unter arch.bodenforschung@bs.ch.
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