logo
Beilage Luxus, 18.März 2011, Ausgabe 11, 11. Jahrgang Ausgabe: Nr. 11 » March 18, 2011

Über Steine und Stämme

Von Rabbiner Bea Wyler, March 18, 2011
Schmuck und Reichtum haben im Judentum seit jeher eine besondere Bedeutung.
SCHMUCK IM JUDENTUM Auch die jüdische Gesellschaft ist nicht gefeit vor dem Hang zur Übertreibung

Als nun die Kamele alle getrunken hatten, nahm der Mann einen goldenen Nasenring, einen halben Schekel an Gewicht und zwei Armbänder für ihre Hände, zehn Schekel an Gewicht, und sprach: ‹Wessen Tochter bist du?›» (Gen. 24:22). Eliezer, im Auftrag Abrahams in Syrien unterwegs, setzt drei Schmuckstücke aus massivem Gold ein, um von einer jungen Frau herauszufinden, wohin sie gehört. Voraus ging, dass Rivka die ganze Karawane aus Kanaan, Mann und zehn Kamele, geduldig getränkt hatte – stundenlang (Vers 10). In dieser Zeit war es Eliezer nicht gelungen herauszufinden, dass sie nicht nur fleissig und gastfreundlich war, sondern auch ihre Verwandtschaft stimmte. Sein Auftrag lautete, eine Braut für Itzchak aus der entfernten Mischpoche zu finden. Nach einigem Hin und Her kommt der «schiduch» zustande, und nachdem noch mehr Schmuck, Kleider und weitere Kostbarkeiten die Hand geändert hatten (Vers 53), machte sich die Karawane schliesslich wieder in Richtung Kanaan auf. Rivkas Familie erhielt bestimmt einen sehr hohen Brautpreis. Und was Rivka in Empfang nahm, ist als geschickte Investition zu verstehen, denn diese Reichtümer nahm sie ja mit nach Kanaan.



Mit der Frau Handel treiben

Klassisch ist der Besitzerwechsel von Wertgegenständen im Rahmen einer Familiengründung: Tausch von Preziosen gegen die geeignete Person. Klassisch ist auch, dass die Frau zur Empfängerin eines Teils der Kostbarkeiten wird. Die rabbinische Literatur verwendet dafür den Begriff «tachschitim». Dies bezeichnet allerdings nicht nur Schmuck aus Edelmetallen und Edelsteinen, sondern auch Kosmetika – Dinge, von denen die talmudische Welt denkt, dass es Frauen danach gelüstet. Vom Midrasch despektierlich vermerkt, als Mittel der Verführung von den Töchtern Kains eingeführt, gestehen die Rabbinen den Frauen grundsätzlich nicht nur deren Besitz zu, sondern auch, dass sie den Schmuck und die Kosmetika tragen, sich also daran freuen dürfen.
Die passende Braut oder die wohlhabende Bräutigamsfamilie konnten den Brautpreis in die Höhe treiben, spezielle Begehrlichkeiten ebenso. Edelsteine, Perlen, Korallen, Gold und Silber waren jedoch auch Teil der Mitgift, die die Braut mit in die Ehe brachte, auch dies Gegenstand von Verhandlungen. Obschon es seit der Geschichte um Rivka grundsätzlich die Einwilligung der Braut zur Ehe brauchte, ist es doch irgendwie störend, dass die Frau nicht ein Individuum ist, sondern wie Häuser, Schiffe, Ländereien oder eben Edelsteine, Gold und Silber zum Vermögen ihrer Familie gehörte, mit dem man Handel treiben kann.
Edelste Materialien, und dazu auch Holz und Textilien, spielen beim Bau des Stiftszeltes eine herausragende Rolle (Ex. 25 ff.). Für die göttliche Wohnung war halt nur das Beste gut genug – und somit erübrigt sich hier eine Überprüfung nach übertriebenem Luxus. So enthielt die Brustplatte der hohepriesterlichen Kleidung zwölf verschiedene Edelsteine: Mit welchen Eigenschaften wird ein Stein mit einem Stamm assoziiert? Obwohl bis heute ungeklärt ist, welche Edelsteine im einzelnen gemeint sind, ist es doch bemerkenswert, dass die Thora überhaupt Namen für verschiedene Steine nennt, wo sie andererseits kaum Pflanzen namentlich kennt. Dies ist wohl ein Zeichen dafür, dass bereits in biblischer Zeit Schmucksteine eine äusserst hohe Wertschätzung erfuhren.

Reichtum als Falle

Wertvolle Materialien, die natürlich eine Aura von Luxus annehmen können, werden also in der Heiligen Schrift durchaus positiv gesehen, vor allem dann, wenn sie zur Lobpreisung und Ehre Gottes eingesetzt werden. Auch die Beschreibung eines Saphirbandes am Fuss des göttlichen Throns im Rahmen der Offenbarung (Ex. 24:10) sieht Edelsteine positiv, obwohl sie dort nicht als Schmuck fungieren, sondern eingesetzt sind, um die Erscheinung Gottes als sozusagen unbeschreibbar zu charakterisieren.
Im Buch Esther ist Luxus ein zwiespältiges Element. Der Reichtum der Juden wird zunächst nicht negativ gesehen, er ist einfach gegeben. Der persische Herrscher Achaschwerosch strotzt vor Verschwendungssucht; da er als Herrscher aber nicht überzeugt, gleitet sein unermesslicher Reichtum ins Dekadente ab. Haman ist nicht in erster Linie scharf auf jüdische Vermögen, sondern er findet Mordechai und mit ihm die Juden an sich widerwärtig. Dass er sich zur Finanzierung ihrer Ausrottung hemmungslos an deren Vermögen zu vergreifen beabsichtigt, spricht für sich – und für die Juden war ihr Reichtum zur Falle geworden.
Reichtum will zur Schau gestellt sein. Dies wäre nichts Verwerfliches, wenn da nicht die Neigung zur Übertreibung wäre. Grosstuerisches Gepränge generiert jedoch schnell gesellschaftlichen Druck: Man will sich gegenseitig überbieten – und landet leicht im Abseits, weil man sich übernommen hat. Diesem Phänomen gegenüber ist auch die jüdische Gesellschaft nicht immun. So sind aus dem Mittelalter Dekrete bekannt, die die erlaubte Anzahl Gäste zu einer Brit Mila von der Höhe des Steueraufkommens des Gastgebers abhängig machten. Auch die Ausstattung von Kleidern mit Pelz, Goldfäden oder Seidenfutter war Thema von Verfügungen. Schliesslich konnte auch der Aufwand für eine Hochzeitsfeier durch die Höhe der Mitgift begrenzt werden. Ziel war es, die Gemeindemitglieder vor den Versuchungen übermässigen Konsums zu schützen; ausserdem sollten mit solchen Aufrufen zur Zurückhaltung Ausbrüche von Antisemitismus vermieden werden. Der Artikel zu diesem Thema in der Encyclopaedia Judaica schliesst augenzwinkernd mit folgenden Worten: «In vielen Orten wurden diese Vorschriften eher mit deren Bruch denn mit Beachtung honoriert.»
 



» zurück zur Auswahl