Kultur-Mix als Modeelexier
Mode aus Israel erfreut sich weltweiter Anerkennung. Qualität und Individualität machen Entwürfe von Dorin Frankfurt, Ronen Chen oder Naama Bezalel zu gesuchten Objekten auch in Europa oder den USA. Dennoch hat israelisches Design im Vergleich zu früheren Jahren international an Boden verloren. Die Modejournalistin Nurit Bat-Yaar führt diese Tendenz auf die Geschichte der israelischen Modeindustrie zurück. Diese konnte zunächst innovative Impulse aus den Fähigkeiten der nach Palästina eingewanderten Diaspora-Juden ziehen, hatte jedoch später einen schweren Stand gegenüber Konkurrenten aus Europa oder den USA, die wesentlich grössere Märkte hinter sich hatten.
Bat-Yaar erklärt: «Die Anfänge der Branche sind untrennbar mit der Entstehung Israels verbunden. Damals kamen Juden aus aller Welt hierher und waren gezwungen, für die Bedürfnisse des jungen Staates neue Lösungen zu finden.» Dies galt auch für die Kleidungsindustrie, so Bat-Yaar, die das informative Kompendium «Israel Fashion Art 1948–2008» publiziert hat. Der Autorin zufolge hat dabei Ruth Dayan, die Frau des Kriegshelden Moshe Dayan, eine entscheidende Rolle gespielt: «Sie hat Freiwillige um sich geschart, um Einwanderern aus 70 Ländern bei ihrem Neuanfang zu helfen.»
Dabei wurden Ruth Dayan und ihr Kreis auf die handwerklichen Fähigkeiten aufmerksam, die Immigranten aus ihrer alten Heimat mitgebracht hatten: «Diese verfügten über exzellente Kenntnisse mit Stick- und Strickwaren oder in der Stoffherstellung.» Ruth Dayan erkannte darin eine Grundlage für die Entwicklung eines israelischen Stils und einer israelischen Mode-Industrie, die nicht nur den Einwanderern eine Lebensgrundlage geben würde. Um den Traum zu realisieren, gründete sie Anfang der fünfziger Jahre das Modehaus Maskit, das Gewinne an Mitarbeiter und Designer ausschüttete. Maskit hat mit führenden Modemachern Israels wie Gideon Oberson, Tamara Yovel Jones und Pini Leitersdorf zusammengearbeitet, so Bat-Yaar: «Maskit-Design entwickelte eine erfolgreiche, ausbalancierte Mischung aus östlichen und westlichen Einflüssen. Mit handgestrickten Wüstenmänteln aus der Wolle von Schafen der Negev-Beduinen, mit jemenitischen Mustern bestickten Blusen oder den sinnlichen Farben und Stoffen bucharischer und kurdischer Provenienz konnte Maskit den Bedarf nach exotischer Mode decken, der im Westen nach der Indien-Reise der Beatles Mitte der sechziger Jahre aufkam.» Auch Galabias, die traditionellen Roben aus Marokko, wurden zur Inspiration der Firma und ihrer Designer.
Fast keine Haute Couture
Damals hielt das staatliche Exportinstitut Schauen für ausländische Interessenten wie die New Yorker Kaufhäuser Saks Fifth Avenue und Bloomingdales ab, die etwa für die Lederwaren von Beged Or den Werbeausdruck «Fantabulous» entwickelten. Damals trugen Mode-Ikonen wie Jackie Kennedy (Beged Or), Nancy Kissinger (Gottex) oder Prinzessin Stephanie von Monaco (Gideon Oberson) Kleidung aus Israel, erzählt Bat-Yaar. Waren ethnische Einflüsse aus der Pionier-Generation bis weit in die siebziger Jahre hinein prägend für das israelische Design, so führen heutige Modemacher wie Dorin Frankfurt, Sasson Kedem oder Karen Oberson diese Tradition im Zeitalter der Globalisierung fort. Laut Bat-Yaar verwenden die genannten Designer Motive und Techniken aus der Tradition der Immigranten und lassen etwa Stickereien von kunstfertigen Neuankömmlingen aus Russland oder Äthiopien fertigen. Die Expertin zögert jedoch, von einer eigenen Haute Couture im heutigen Israel zu sprechen, da lokale Produkte mit Importen der grossen Modehäuser in Europa oder den USA und Kleidung von der Stange aus aller Wellt konkurrieren müssten: «Daher gibt es nur wenige Haute-Couture-Designer in Israel. Dabei ist der seit fast 50 Jahren aktive Gideon Oberson weiterhin führend. Daneben sind Shay Shalom, Efrat Kalig und Mira Zwillinger erwähnenswert.»
Wenige bekannte Namen
Doch diese Namen täuschen über den Bedeutungsverlust hinweg, den Mode aus Israel in den letzten Jahrzehnten auf der internationalen Bühne erlitten hat. Bat-Yaar erläutert: «Heute sind israelische Designer meist als Angestellte angesehener Häuser im Ausland tätig. So arbeitet Yossi Katzav für Donna Karan in New York. Und am bekanntesten ist Alber Elbaz, der für Lanvin in Paris entwirft.» Als Brücke zwischen der ersten Generation israelischer Designer und jungen Modemachern wie dem Label «Frau Blau» versteht sich Ronen Chen. Hinter «Frau Blau» stehen Helena Blaustein und Philip Blau, die nicht nur im Beruf, sondern auch privat Partner sind. Ihre Kleider werden sowohl in Israel als auch in den USA verkauft. Dies gilt auch für Naama Bezalel, die sich vom Look der sechziger Jahre inspirieren lässt. Weiter verbreitet sind die Entwürfe von Dorin Frankfurt, die in Japan, Neuseeland, Norwegen, Südafrika und den USA begeisterte Anhänger hat und die ihre elegante Ready-to-wear-Mode auch in 22 eigenen Läden in Israel anbietet.


